Titel: 49. Biennale von Venedig · von Amine Haase · S. 304
Titel: 49. Biennale von Venedig , 2001

AMINE HAASE

Wie gefrorene Zeit aufgetaut werden kann

WÄNDE, RÄUME UND DAS SCHWEIGEN VON GREGOR SCHNEIDER

Tatsächlich kann man mit dem Kopf gegen Wände laufen, die gar nicht da sind. Und gerade beim Versuch, über Gregor Schneider, die von ihm gebauten Räume, Wände, Decken, Böden zu schreiben, wird man das Gefühl eines Vor-die-Wand-Laufens nicht los. Dabei geht es doch um einfache Tatsachen aus Stein, Beton, Holz, Styropor, Rauhfasertapete, Lionoleum. Allerdings Tatsachen, die Schneider leicht verschoben hat, gedreht, gehoben, gesenkt, die er aus der Normalität des Vorgegebenen in eine Wirklichkeit deplaziert hat, die man nach allgemeiner Übereinkunft Kunst nennt, und die eine „andere“ Wirklichkeit ist. Sie ist alltäglich in ihrer Erscheinung, und doch stößt man sich an etwas den Kopf, das man eigentlich nicht mehr „Aura“ nennen mag. Es sei denn, man verständigt sich auf so etwas wie eine „Aura à la Duchamp“ oder „à la Broodthaers“, bei der das Schweigen ruhig überbewertet werden darf. Denn genauso wie Gregor Schneider Wände baut und wieder entfernt, andere Wände errichtet und weitere davor setzt, so ist es auch mit Worten, die man widerrufen, ergänzen oder gar nicht erst aussprechen kann. Nur der Zeitpunkt, zu dem etwas geschieht, ist wirklich, alles andere ist Vergangenheit. Die kann man, wenn man will, konservieren, so wie Schneider es tut, und mit 32 Jahren eine Menge eingefrorene Zeit gestapelt hat, ein Eismeer, das er manchmal partiell auftaut – wie jetzt für Venedigs Biennale. Damit schafft er nicht nur eine neue Ausstellung, sondern gleichzeitig frische Lebensbedingungen für die Arbeit an der Vergangenheit….

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