Titel: Atlas der Künstlerreisen · von Paolo Bianchi · S. 104
Titel: Atlas der Künstlerreisen , 1997

Christoph Draeger

Apokalyptische Reisen

CHRISTOPH DRAEGER (*1965 in Zürich, lebt in Brüssel und derzeit in New York): Mit seinem Projekt „Apokalyptische Reise“ legt der Schweizer Fotograf Christoph Draeger eine inhaltlich geladene Arbeit vor. Draeger zeigt Fotos von amerikanischen, europäischen und japanischen Städten, die er 1994/95 besucht hat und in denen entweder Gewalttaten, technische oder natürliche Katastrophen stattgefunden haben. Die Beispiele reichen vom New Yorker World Trade Center (Anschlag arabischer Terroristen, 1993) über Harrisburg (schwerster Atomunfall vor Tschernobyl, 1979) bis zum Buschfeuer in Malibu (über 3000 zerstörte Villen, 1993). In Europa wird an Schweizerhalle erinnert (Chemiebrand, 1986), an Heysel (Hooligans wüten 1985 beim Spiel Juventus Turin gegen Liverpool, 41 Tote) oder an Ramstein (Crash von zwei Militärjets, viele Menschen sterben, Hunderte werden verletzt, 1988).

Auf seiner „apokalyptischen Reise“ durch Japan, eine Katastropheninsel, die wie kaum ein anderes Land fast täglich mit Naturkatastrophen rechnen muß, führen die Fotos von Draeger an Orte, die einstige Katastrophen in der Erinnerung wachrufen. Zusammen mit dem Künstler Martin Frei hat Draeger 1995 anläßlich des 50. Jahrestages der Atombombenabwürfe über Nagasaki und Hiroshima im August 1945 in Japan eine reisetagebuchartige Filmcollage über das Vergessen, d. h. über die Ritualisierung des Gedenkens gedreht. Der Film heißt „Un ga nei“ („Kein Glück gehabt“), Ausspruch, den die Japaner über jene Menschen verwenden, die von Naturkatastrophen oder anderen Schicksalsschlägen getroffen werden. Selbst freut man sich, davongekommen zu sein. In einem Land, das von Taifunen, Flutwellen und Erdbeben quasi überschüttet wird, haben die Menschen für Mitleid wenig Zeit, da sonst das Leben eine Kette von…

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