Titel: Atlas der Künstlerreisen · von Paolo Bianchi · S. 178
Titel: Atlas der Künstlerreisen , 1997

Martin Kippenberger

Metro to Nowhere

MARTIN KIPPENBERGER (*1953 in Dortmund, gestorben in Wien): Das Projekt „Metro-Net“ mit Eingang im Mittelmeer (auf dem Kykladen-Eiland Syros) und Ausgang auf der anderen Seite der Weltkugel (im kanadischen Dawson City) kommt mit dem globalen Anspruch daher, eine weltweit vernetzte U-Bahn zu realisieren. Die Lüftungschächte sind in Tokio, in der Normandie und an der amerikanischen Ostküste in Massachusetts geplant. Jeweils mehrere Ventilatoren sollen den warmen Luftstrom eines befahrenen Tunnelsystems simulieren, aktiviert werden sie durch Bewegungsmelder.

Bereits im September 1993 wurde die erste U-Bahnstation aus Beton in Kthma Canné auf Syros eröffnet. Der Name dafür ist schlicht und einfach: Der Eingang. Im August 1995 folgte ein Ausgang aus Holz, gewissermaßen die Endstation, in Dawson City, nahe Alaska. Eine Treppe führt jeweils in den vermeintlichen U-Bahnschacht, der schon nach wenigen Metern Tiefe vor einem verschlossenen Tor endet, auf dem das Emblem der schon fast in Vergessenheit geratenen Lord-Jim-Loge angebracht ist, Kippenbergers Männerclub mit seinem ewig jugendlichen Potential an Verärgerung, Zynismus und vereinsgeeigneter Pubertäts-Augenblicklichkeit.

Kippenbergers Metro bleibt imaginär. Es interessiert nicht die reale Strecke, die unseren Erdball durchmißt, sondern die Idee einer universalen Perspektive: Die Verdichtung und Verschmelzung von Kontinenten durch Imagination. Teilhaber dieser Idee, die den Planeten Erde zu einem winzigen Teil im Universum relativiert, sind die „Kopfreisenden“ im virtuellen „Metro-Net“. „Nicht da und doch da. Etwas für Kopfreisende“, bestätigt auch das „Zeit-Magazin“ (Nr. 40/1995). Und: „Jede Fahrt querweltein umweltfreundlich und umsonst. Daran denken heißt, schon unterwegs zu sein. Nutzlos das Ganze, aber nicht sinnlos.“ Das Fazit: „Mit Kippenberger erreicht…

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von Paolo Bianchi

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