Titel: Atlas der Künstlerreisen · von Paolo Bianchi · S. 112 - 115
Titel: Atlas der Künstlerreisen , 1997

Eva & Adele

Zwischen Nomadismus und Luxus

EVA & ADELE (kommen aus der Zukunft und leben in Berlin): Eine ästhetische Existenzbedingung bestimmt ganz wesentlich die Eigenschaft von Eva und Adeles Künstlertum: die Abweichung von der Norm, die Unangepaßtheit. Eva und Adele arbeiten par excellence an der Umkehrung und Verkehrung gängiger Denkmodelle und vor allem hiesiger Standard-Dispositive (siehe KUNSTFORUM, Bd. 136, S. 318-325). Abweichung meint bei Eva und Adele ein Anderssein, eine Anschaulichkeit, was Originalität, Authentizität und Schrägheit betrifft. Angesagt ist ein „Andersleben als philosophische Dimension des Seins“.

Beispielhaft dafür steht die Geschichte über die Einreise in die USA. Eva und Adele lösen das Dilemma, sich entweder für „male“ (männlich) oder „female“ (weiblich) entscheiden zu müssen, mit dem Ankreuzen beider Geschlechter. Der Grenzbeamte gibt schließlich klein bei und notiert mit Kugelschreiber „over the boundaries of gender“ auf das Formular. Eine Grenzerfahrung im doppelten Sinn: Die Wirklichkeit wird durch Kunst erweitert – und umgekehrt: Der Grenzbeamte anerkennt das Leben als Kunst und hinterläßt ein amtliches Dokument als Zeichnung.

Die Erfindung von Eva und Adele begann mit einer Reise, wobei das Unterwegssein als Allegorie für den Menschen und sein Suchen nach Wahrheit hier auch auf die beiden Berlinerinnen zutrifft. In ihrer frühen Phase waren Eva und Adele mit dem Camper an den unterschiedlichsten Orten innerhalb Europas unterwegs (Italien, Deutschland, Frankreich, Griechenland) und haben wie Nomaden gelebt. Ähnlich der Grand Tour im 18. Jahrhundert, die der Erziehung eines englischen Adeligen zu einem erfahrenen und weltläufigen Mitglied einer Weltmacht diente, zog es auch Eva zu den antiken Monumenten, den Hinterlassenschaften großer Kulturen. In der nachfolgenden Gesprächsaufzeichnung geben Eva und Adele Auskunft über ihre Ästhetik des Unterwegsseins.

Wandern

Durch das Reisen entsteht in erster Linie eine Konfrontation mit Menschen. Letzten Sommer waren wir in den Schweizer Bergen unterwegs, da waren wir nicht privat, das gibt es nicht, sondern sehr bewußt für Eva und Adele unterwegs. Das geht bei uns ineinander: Wenn wir zu Berg gehen, tun wir einerseits für unsere Körper etwas, weil wir an der frischen Luft sind und uns bewegen, andererseits haben wir auf Schweizer Hochalmen und um Bergseen herum Menschen mit Eva und Adele konfrontiert, die uns dort nicht erwartet hätten.

Wir sind Bauern, Waldarbeitern oder Touristen in ihrem Lebens- oder Freizeitraum begegnet. Dinge haben sich ereignet und unsere Reise hat Nebenreisen provoziert, denn einigen Menschen sind wir sogar öfters begegnet. Da haben einige ihre Routen unseren Routen irgendwo angepaßt, damit sie uns mehrmals erleben konnten. Leute überholten uns, um uns nach einer Stunde von vorn entgegen zu kommen.

In den Bergen haben wir Schuhe zum Wandern, aber das sind schon sehr damenhafte Wanderschuhe, die geschlechtsspezifisch erkennbar sind (Eva hat Schuhgröße 7 1/2, Adele 3 1/2).

Camping

Eine Hippie-Ära haben wir in unserem Leben nicht gehabt, das lag vor unserer Zeit. Das Reisen mit dem Camping-Bus haben wir aus finanziellen Gründen gewählt. Wir konnten so große Reisen mit bescheidenen Mitteln unternehmen. Das Reisen mit dem Camper ist für uns eine große Anstrengung, weil unser Erscheinungsbild, Make up und Kleider, nicht 100-prozentig identisch ist mit dem sonst normalen Camping-Look. Es erfordert viel Disziplin, auf kleinstem Raum eines Campingbusses sich die Köpfe zu rasieren, die Hautpflege zu machen, das Make-up aufzutragen, die Kostüme anzuziehen und diese zu transportieren. Unsere Kostüme sind im Camper so untergebracht, daß wir selbst manchmal nicht glauben können, was wir alles dabei haben, weil das so gut gepackt und organisiert ist.

Im Sommer müssen wir, wenn wir keinen Schattenplatz bekommen und in der prallen Sonne stehen, bei Temperaturen bis zu 40 Grad Celsius unsere alltäglichen Dinge erledigen. Wir stehen dann sehr früh auf, zwischen fünf und sechs Uhr in der Früh, und müssen dann ran, egal wie spät es am Abend geworden ist, um uns bei halbwegs erträglichen Temperaturen parat zu machen. Das ist nicht gerade bequem, sondern sogar sehr unbequem.

Hotel

Im Hotelzimmer kann man die Kleider auf allen möglichen Sitzgelegenheiten verteilen, man kann warm baden und ganz anders mit Raum umgehen. Das ist auf dem Campingplatz überhaupt nicht möglich. Die Disziplin, die wir in unserem Auftreten haben und zeigen, die wird im Bus fortgesetzt. Das kann ganz haarscharf an die Belastbarkeit gehen, weil man ständig Dinge wegräumen muß, um nicht darüber zu stolpern – man muß sorgfältig und achtsam sein.

Das fordert unser Nervenkostüm massiv heraus, gerade weil ja auch unser Zusammenleben schon sehr dicht ist und wir sehr leicht in Krisen geraten. So gesehen ist das Campen eine Extrembelastung. Wir beobachten beim Campen, daß Menschen rascher streiten und dabei regelrechte Familienkriege ausbrechen. Wir haben die Erfahrung gemacht, daß das Campen für uns die größte Herausforderung ist. Über längere Zeit so zu reisen und dann noch unser aufwendiges Erscheinungsbild zu schaffen, das bereitet uns ein hartes Leben.

In der Zwischenzeit haben sich die Verhältnisse geändert: Am Anfang war das Campen unsere ausschließliche Reiseform. Heute werden wir zum Teil auch eingeladen und verbringen die Nacht im Hotel. Wenn wir eingeladen werden, wollen wir nur im besten Hotel der Stadt residieren. Dann erleben wir diesen Kontrast zwischen mühsamem und nomadischem Campingleben auf Reisen und Luxusabsteige mit allem Komfort.

Raumlos

Trotz des Nervenkriegs und der Präzision, die man einhalten muß, bis man im Bus schlafen gehen kann, schwingt das Gefühl eines Woanders mit. Man muß sich das vorstellen: Zehn Stunden „Art Cologne“ im November, es ist kalt, wir müssen gucken, daß wir unsere Köpfe gut schützen, damit wir nicht krank werden; dann kommen wir raus auf den Campingplatz, der außerhalb von Köln liegt, der Bus ist eiskalt, zuerst müssen wir aufheizen – in solchen Situationen sitzen wir da und denken: „Mein Gott, wir sind arm dran.“

Dieser Kontrast zwischen Celebration auf der Messe und der Kälte des Alltags ist extrem. Wenn wir uns dann versorgt haben und schlafen gehen und so da liegen, dann sehen wir durch unser Dachfenster Bäume, hören den Wind ganz stark und haben das Gefühl, wir liegen draußen. Dann fühlen wir uns raumlos, obwohl wir in einer Kapsel liegen – und die Kapsel ist gleichzeitig sehr heimelig, ein Glücksspender.

Zum Stichwort der Heimeligkeit noch eine Anmerkung: Wenn wir uns auf Reisen die Fremde erfahren, uns also auf völlig unbekanntes Terrain wagen, sind wir der Situation viel mehr ausgesetzt als andere Menschen. Andere Menschen sind beim Reisen ja getarnt: Sie tragen Reisebekleidung und gehen im Heer der anderen Touristen auf und werden dadurch quasi unsichtbar oder tauchen, einmal in ihrer Nationalität erkannt, wiederum in der Masse unter. Wenn jedoch Eva und Adele reisen, fragen uns die Leute: „Wo ist euer Raumschiff?“ oder „Von welchem Stern kommt ihr?“ und alle Augen heften sich auf uns.

Fremde sind wir uns selbst

Wir mußten sehr schnell lernen, auf fremden Gebiet mit fremden Menschen und fremder Kultur auch sicher zu reisen. Der Campingbus besitzt da für uns eine wichtige Funktion. Er fungiert als Mutterleib, in den wir immer wieder zurückschlüpfen können, um uns zu regenerieren. Wir sind dann zwar außen herum in einer fremden Welt, aber innen drinnen begegnen wir unserem vertrauten Zuhause. Hier im Bus kennen wir alles, was da ist: Wir haben unser eigenes Geschirr dabei, die Dinge für die täglichen Bedürfnisse, und wir kleben sogar unsere täglichen Autopolaroids, unser visuelles Tagebuch, im Camper auf, so daß uns unser eigenes, vertrautes Bild anguckt, während draußen lauter fremde Gesichter herumlaufen.

Eva & Adele, Baden bei Zürich im Januar 1997
aufgezeichnet von Paolo Bianchi

KOMMENTAR ZU DEM BILD IM TEXT

EVA & ADELE: Media Plastic Nr. 111
Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst
Der Zusammenhang von Bild und Kult ist, wie man sieht, in vielfacher Weise geknüpft. Die Erinnerung, die ein Bild beschwor, galt sowohl seiner eigenen wie der Geschichte des Ortes. Das Kopienwesen hatte den Sinn, die Verehrung des Bildes über den Ort hinaus so zu verbreiten, daß alle Kopien das Gesicht des einen ortsgebundenen Originals wiederholten. Die Erinnerung, die sich an das Original band, blieb dabei ungeteilt. Die Kopien erinnern an das Original eines berühmten Ortsbildes, und dieses erinnert an die Privilegien, die es mit dem Ort und für den Ort in seiner Geschichte erworben hat.