Magazin: Publikationen , 1997

Ästhetische Erfahrungen – heute ohne Geschichte?

Den »Pictorial«- oder »Iconic Turn« nur als einen Effekt »der inflationären Präsenz von Bildern in einer medialen Umwelt« zu begreifen – wie es der Herausgeber der Anthologie Ästhetische Erfahrung heute, Jürgen Stöhr, formuliert -, bedeutet eine theoretische Einschränkung und mißachtet den Forschungsstand anderer Disziplinen. So fällt es Stöhr sichtlich schwer, die heterogenen Texte im Sinne seiner These der Aktualität der ästhetischen Erfahrung anzumoderieren, muß er doch das breite Spektrum von vierzehn AutorInnen mit unterschiedlichsten Intentionen und Methoden in seine Perspektive zwingen.

Dabei stellt der wieder veröffentlichte Text Kleine Apologie der ästhetischen Erfahrung (1972) des Rezeptionsästhetikers Hans Robert Jauß einen essentiellen Text bereit. Zwar wandte er sich bei seiner Erstpublikation nicht nur gegen Adornos »negative Ästhetik«, sondern auch gegen ein angeblich vom Wissen regiertes Sehen der Ikonologie. Trotzdem kann Jauß‘ Ansatz aus kunsthistorischer Sicht als brauchbar gelten, wie Richard Hoppe-Sailer ausführt. Auch wenn Jauß‘ Version der ästhetischen Erfahrung versucht, sich von ihren Vor- und Wiedergängern des kontemplativen Erstarrens vor der Erhabenheit abzugrenzen, neigen seine Interpreten zu einer solchen Entkontextualisierung von ästhetischen Erfahrungen. Dafür lassen sich die Versuche Stöhrs »Über das Geistige in der Kunst oder wo die Zeitgeister sich scheiden« und Markus Brüderlins »Beitrag zu einer Ästhetik des Diskursiven. Die ästhetische Sinn- und Erfahrungsstruktur postmoderner Kunst« anführen, die sich auf Begriffe stützen, die gerade durch das postmoderne Denken eine starke Relativierung erfahren. Besonders Brüderlins Vergleich der radikalen Malerei von Günter Umberg mit einer Assemblage von John M. Armleder sowie sein Vergleich einer Dokumentarfotografie von Thomas Struth mit…

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von Stefan Römer

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