Ausstellungen: Bonn , 2005

Kathrin Luz

Auftritt:

Oscar van den Boogaard und Steven van Watermeulen,
Corey McCorkle, Victoria Morton, Corinne Wasmuht, Will Stuart
Bonner Kunstverein, 24.10.2004 – 2.1.2005

Was zeigt er? Was verbirgt er? Was trägt sie? Was trägt sie vor? Jede Premierenausstellung eines neuen Institutsdirektors gleicht einem Auftritt. Der ater unterwirft seine Person wie seine Arbeit dem neugierigen Blick seiner scheinbar gutmütigen Gäste, die in Wahrheit seine strengen Richter sind. Denn: Der erste Eindruck ist – entgegen aller gegenteiligen Bekenntnisse – am Ende meist doch der entscheidende. Unter diesen Vorzeichen avanciert die „Premiere“ – mehr noch als sonst – zur Bühne seiner kuratorischen Kompetenz.

Vorhang auf: Die neue Bonner Kunstvereinsdirektorin Christina Vegh geht diesen Schritt couragiert nach vorn. Und macht mit ihrer Debutvorstellung den Rahmen zum Inhalt. „Auftritt“ heißt denn auch die Antrittsausstellung, mit der sie ihren Wechsel von Basel nach Bonn einleitet. „Auftritt“ führt eine heterogene Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern zusammen, deren Arbeiten individuelle Formen von Performanz aufweisen. Auch wenn die Akteure bei der Wahl ihrer künstlerischen Mittel ganz unterschiedliche Wege gehen, ihre Positionen „treffen sich im performativen Charakter ihrer Kunst, ihrer Öffnung hin zum Betrachter“ (so Vegh).

Die erste Begegnung mit diesem Konzept – mit anderen Worten die Begrüßung – gestaltet Corinne Wasmuth, die bereits 1991 als Peter-Mertes-Stipendiatin einen frühen Auftritt vor Ort hatte und nun – sozusagen „gereift“ – zu diesem Ort des Geschehens zurückkehrt. Sie bespielt – oder besser bemalt –eine dem Bau vorgelagerte, im Grunde absurde Wand, die das Gebäude des Kunstvereins in Richtung Stadt abschottet – eine Wand, über deren Fortbestand im Rahmen der angedachten Neuplanung mit Sicherheit nachgedacht werden wird. Mit ihren frei schwebenden Form- und Farbassoziationen, in denen sich vage figurative Elemente aus dem abstrakten Formenrepertoire visuell herauslösen lassen, löst Wasmuht die Schwere der Wand gekonnt auf. Gerade die dadurch entstehende Spannung zwischen Bildinhalt und Bildträger macht ihre Arbeit zu einem echten Seherlebnis.

Wasmuths Arbeiten entstehen bekanntlich in einem längeren Prozess, verschiedene Bildebenen werden collagenartig übereinander gelagert und in einer scheinbar dreidimensionalen Gitterstruktur auf einander abgestimmt. Chaos und Ordnung verschmelzen, ein Bild gibt die Durchsicht auf ein nächstes, das Ergebnis hinterfragt eingespielte Sehgewohnheiten. Aus alten Fotos, Bildern aus Zeitschriften oder dem Internet generiert sie traumartig-filigrane Bildfrequenzen, Welten mit einer geradezu psychedelischen Kraft, und rettet so die Bilder aus der sprichwörtlichen Bilderflut, kurz vor dem Wegkippen ins reine Rauschen. „Das Zusammensetzen der Bilder aus Partikeln der Gegenwart funktioniert nicht mit Schere und Klebstoff oder mit Hilfe des Computers, die Collage findet im Kopf statt.“ So beschreibt Georg Elben Wasmuhts Methode.

Zweiter Akt: Eine psychedelische Note haben auch Corey McCorkles (*1969, New York) plastische Raumideen, die das nachfolgende Entre des Kunstvereins bespielen und mit ihrem Lounge-Charakter den für einen späteren Umbau geplanten salon-artigen Barraum antizipieren. Seine „antichambrierenden“ Reminiszenzen – gleichermaßen an Bauhaus-Moderne wie an Mief und Muff der 50er und 60 er Jahre erinnernd – geben dem Foyer einen einladend-charmanten Charakter. Kreisförmige Ausschnitte aus der Fensterverkleidung sorgen für einen wirkungsvollen Lichteinfall, seine aquarienartigen Biotope mit ironisch-spießigen Topfpflanzen gliedern den Raum und lassen der Zeit gedenken, als die Halle des Kunstvereins noch der Bonner Blumengroßmarkt war. Im Zentrum seiner Arbeit: Eine von Mies van der Rohe „geklaute“ Sitzliegen-Gruppe, rund um eine Säule gruppiert. Sie ist nicht nur eine Wohltat für die Augen, sondern auch für den Rücken – entlastet sie doch den zweibeinigen Besucher vom Zwang zum aufrechten Gang.

Unter der ästhetisch designten und ergonomisch ausgefeilten Oberfläche werden so die Errungenschaft der Moderne, ihre utopistischen Visionen zwischen Natur und Architektur, auf den Prüfstand ihrer Kompatibilität gestellt – nicht nur funktional und ästhetisch, sondern auch sozial und mental. Corkles architektonische Interventionen spüren den Strömungen und Kräften innerhalb der Moderne nach, die mögliche Transformationsprozesse in Aussicht stellen. Der Künstler, nach eigenem Bekenntnis beeinflusst durch die intensiven New Age-Experimente seiner Mutter, untersucht so die kosmische Implikation des Minimalistischen und Modernen. Er kokettiert mit der temporären Konstruktion von Communities und dekodiert zugleich ihre Konstruierbarkeit. Ein interessanter Link gerade mit Hinblick auf die anvisierte Kunstvereins-Community, die Christina Vegh als Mitglieder, Besucher und Zuschauer in Zukunft erwarten darf.

Aus McCorkles mentalem Fitness-Center hinein in die Beziehungshölle, an der uns der niederländische Autor Oscar van den Boogaard – seit seinem Debütroman „Dentz“ (1990) gilt er als einer wichtigsten zeitgenössischen Autoren der Niederlande – und der Schauspieler Steven van Watermeulen teilnehmen lassen. Auf einem hygienisch mit Plastikfolie überzogenen Bett liegend kann der Besucher aus Kopfhörern verfänglichen Beziehungsdialogen lauschen und dazu simultan in den ausliegenden Fotoalben sehnsüchtig vermeintlich heilen (Beziehungs-)Welten nachhängen. In den Fotoalben inszenieren sich die beiden Künstler selbst in dem lasziv aufgeladenen Ambiente. So entsteht für den Besucher eine Situation zwischen Intimität und Exaltierheit, in der verschiedene Wahrnehmungsebenen übereinander gelagert sind. Der von Watermeulen vorgetragene Text basiert im übrigen auf der Kurzgeschichte „Luzia schmilzt“ von Oscar van den Boogaard, die als Theaterstück aktuell am Staatstheater Hannover aufgeführt wird. Die Ausstellung geht also hier zugleich der Frage nach, wie man einen Text „ausstellen“ kann. Neben der Malerei und Skulptur stehen so auch das Theater und die Literatur zur Disposition.

Doch kommen wir damit zum eigentlichen Auftritt, zum Main Act. Er gehört – zweifelsohne – der Malerei der jungen Glasgower Künstlerin Victoria Morton, die mit dieser Ausstellung das erste Mal in Deutschland umfangreich präsentiert wird. Ja, im Grunde ist die Ausstellung eine getarnte Einzelausstellung der Schottin. Ihre Arbeiten – bisweilen kulissenartig, als dreidimensional geknickte Leinwände vorwitzig in den Raum geschoben, bisweilen durch die Kombination mit eigenen akustischen Kompositionen synästhetisch intensiviert – beherrschen die Ausstellung und demonstrieren einmal mehr, mit welcher Wucht die Glasgower Talente in den internationalen Markt, in das kosmopolitische Geschehen rund um Hypes und Vibes in der Kunstszene drängen. Gleichwohl ist ihre kraftvolle Malerei eine Entdeckung, die in den Augen „klingt“. Nicht von ungefähr hat die Künstlerin ihre Malerei immer wieder mit eigenen Musikkompositionen angereichert, auch für Bonn hat sie einigen ihrer Bildern „kandinsky-esk“ eine musikalische Note zur Untermalung mitgegeben, die diese aber keineswegs zwingend bedürfen.

Mortons rayonistisch anmutende, alles andere als farbscheue Gemälde lassen bisweilen figurative Restbestände aufblitzen, ansonsten überlassen sich völlig dem Rausch der in Bewegung gebrachten Farben. Magisch fesselnd entfalten sie ihre Sogwirkung selbst dann, wenn sie die bekannte Farbskala von Geschenkpapier erreichen. „Aus erdigen und dunklen Farbtönen brechen bunt vibrierende organische Formen hervor, die kaleidoskopisch den Bildraum auffächern. Vor der schwebend erscheinenden Formenwelt gleitet der Blick nach Fixpunkten suchend auf der Bildfläche hin und her. Dabei faltet sich der Bildraum auf, die Wahrnehmung von architektonischem und bildnerischem Raum fallen in eins. Fulminante Farbklänge bejahen spielerisch die Negation klarer Orientierung und entlassen in eine komplexe, zuweilen psychedelisch anmutende Bilderwelt.“ So „verfällt“ auch Christina Vegh dem hier vorhandenen, latenten psychedelischen Unterton dieser Malerei.

Und damit zum letzten, situativen Akt: Will Stuart – so der Name des Künstlerduos Will Holder und Stuart Bailey, zugleich Herausgeber der niederländischen Kunstzeitschrift Metropolis – nutzt das Ausstellungsambiente als Kulisse für eine temporäre Aktion. Interessiert an direkter Reaktion und am Teilen von Information und Wissen überführen sie Text und Erzählung in den dreidimensionalen Raum. In Bonn präsentieren sie „Franny & Zooey“ von JD Salinger in Form einer Ausstellung und Aufführung. Im Laufe ihres performativen Prozesses verarbeiten sie Filmmaterial, das auch im Ausstellungsraum stattfindende Performances und Konzerte beinhaltet.

Mit diesem Auftritt schließt die prozessartige Entwicklung der Ausstellung, die bewusst Projekte mit unterschiedlicher Laufzeit vereint – auch die Arbeit der beiden Niederländer Oscar van den Boogaard und Steven van Watermeulen wird sich im Prozess verändern. In diesem prozessualen Charakter ist zugleich auch die Idee einer prozeßhaften Veränderung des Kunstvereins, dessen Renovierung nun bald ansteht, verheißungsvoll vorformuliert. Ja, sie stellt im Grunde ein dreidimensionales Planungsmodell über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten dar, einen kunstaffinen, kommunikativen, theatralischen und zugleich architektonisch relevanten Raum zu schaffen, dessen Kraft nicht nur psychische, sondern bisweilen sogar psychedelische Kräfte freisetzt.

Die Protagonistin Christina Vegh präsentiert hier als ihr Debüt eine interessante Selektion aktueller künstlerischer Positionen, die sie im Geiste des Prozesshaften und Performativen vereint.

Selbst wenn nicht an allen Stellen die Formel, die Klammer des Performativen hundertprozentig plausibel erscheint, entwickelt der Parcours durchaus seine theatralische Dramaturgie. Selbst wenn die Ausstellung bisweilen ein wenig in ihren einzelnen Beiträgen auseinanderklafft, macht es doch Vergnügen, sie im Gesamten zu begehen. Applaus also für Christina Vegh – auch wenn sie ihre Zugabe mit der überbordenden, zu dominanten Präsenz von Victoria Morton bereits gegeben hat.