Titel: Im Zoo der Kunst I · von Thomas Zaunschirm · S. 38
Titel: Im Zoo der Kunst I , 2005

Thomas Zaunschirm

Im Zoo der Kunst

Seit wann und warum gibt es lebende Tiere
in der bildenden Kunst?

1. Motive werden Material

Tiere gibt es seit jeher in der Kunst. Bereits in der Höhlenmalerei der prähistorischen Urzeit bilden Tiere und überraschenderweise weniger Menschen die ersten Motive der Darstellungen, die uns von Jagd und Zauber, Lebenswelt und Magie berichten. 1 Immer schon waren Tiere ein Vergleichsmaßstab für das Menschsein, vergewisserten sich Menschen ihrer selbst durch Konfrontation mit dem Animalischen, dem Fremden, dem Anderen. Die sich verändernden Auffassungen über die Tiere spiegeln das Selbstverständnis der Menschen nicht weniger als ihre religiösen Gottesvorstellungen. Tiere verkörpern immer wieder neue Bedeutungen, symbolische Verweise und im wörtlichen Sinne Charakterisierungen. In den „fabelhaften“ physiognomischen Tafeln („Viehsionomik“)2 mit Gegenüberstellungen von Tier- und Menschenköpfen („Schafskopf“ etc.) fand zugleich eine Anthropomorphisierung der Tiere und eine Zoomorphisierung der Menschen statt. Diese unendlich reiche und lange Geschichte der Mensch-Tier-Beziehung war seit jeher auch Thema der Kunstgeschichte.

Die Nähe oder Ferne, auf jeden Fall die Bedeutung des Tieres für den Menschen wird nach der Mitte des 20. Jahrhunderts unmittelbar greifbar, als das erste Mal Menschen und lebende Tiere in der bildenden Kunst auftauchen. In den kunsthistorischen Rückblicken auf Happening und Performance konzentrierte man sich fast ausschließlich auf die Präsenz des menschlichen Körpers in den neuen Kunstformen. Der Anteil der Tiere, die Entscheidung, auch lebende Tiere einzubeziehen, wurde anscheinend ohne großes Aufsehen akzeptiert. Es mag sein, dass dieser ungeheuere Vorgang nur deswegen selten am Beispiel einzelner Künstler (Joseph Beuys, Damien Hirst) kommentiert und auch später keiner umfassenden Interpretation…

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