Ausstellungen: Hamburg · von Michael Stoeber · S. 235
Ausstellungen: Hamburg ,

Hamburg

Baselitz – Richter – Polke – Kiefer

Die jungen Jahre der alten Meister

Deichtorhallen Hamburg 13.09.2019 –05.01.2020

von Michael Stoeber

Was für ein bewunderungswürdiges Unternehmen! Götz Adriani, der renommierte Ausstellungsmacher, präsentiert in einer fabelhaften Schau, die zuvor schon in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen war, in den Hamburger Deichtorhallen das Frühwerk von Georg Baselitz, Gerhard Richter, Sigmar Polke und Anselm Kiefer. Die Ausstellung wird von einem umfangreichen, informativen Katalog begleitet, der in Zukunft für die Rezeption dieser Künstler unerlässlich sein wird. Ein Meilenstein! Trotz Adrianis missratener Anleihe bei Paul Celans „Todesfuge“ im ersten Satz seines einleitenden Essays, um seine Hochachtung für die von ihm bewunderten und verehrten Künstler zum Ausdruck zu bringen. Wenn er sie danach in langen und erhellenden Gesprächen befragt, führt er sie zu den Anfängen ihrer Karriere zurück. Dabei ist er glänzend informiert und präpariert. Er kennt ihr Werk und Leben ebenso genau wie die damit einhergehenden politischen, sozioökonomischen und kulturellen Begleitumstände. Mit diesem Wissen hilft er nicht nur ihrer Erinnerung auf die Sprünge, sondern fordert sie zugleich zu denkwürdigen Stellungnahmen heraus. Das trifft auch auf seine vorzüglichen Exegesen ihrer Werke zu, mit denen er in der Regel nicht nur die Künstler beglückt, sondern ebenso den Leser. Besonders deutlich wird das in seinen kohärenten Werkanalysen von Sigmar Polke, der bereits im Jahr 2010 verstorben ist und daher von Götz Adriani nicht mehr befragt werden konnte.

Aber sind diese Werke nicht alle längst bekannt? Natürlich sind sie das, aber noch nie hat man sie so pointiert zur Betrachtung freigestellt. Und mit der Fokussierung auf das künstlerische Frühwerk stellt sich der Betrachter die Frage, ob sich in ihm nicht schon deutlich der Charakter des späteren Werkes zeigt? Das Faszinierende des Frühwerks besteht darin, dass in ihm bereits sehr klar eine Künstler-Persona ausgeprägt ist, die sich durch alle möglichen Werkserien hinweg zu erhalten scheint. Werden wir zuletzt immer zu dem, der wir schon sehr früh sind? Alle von uns? Ist Baselitz nicht in der Jugend wie im Alter ein brachialer, pathetischer Kraftmensch? Und Polke nicht sein Leben lang experimentierfreudig und ironisch? Wobei seiner Ironie immer etwas zutiefst Menschenfreundliches und Versöhnliches anhaftet. Richter dagegen scheint ein eher abwägender Feingeist zu sein, ein großer Analytiker der Malerei, schon in der Jugend. Und Kiefer ist von Anfang an ein gewaltiger Mythomane, der erzählen will. Deutsche Geschichte und Menschheitsgeschichte.

Das alles scheint bereits in den frühen Werken der Künstler auf. Alle malen sie gegenständlich und wenden sich damit gegen die gestische Abstraktion der Nachkriegszeit. Aber ihre Wirklichkeit ist immer die des Bildes, wenn auch nicht ohne Verweischarakter auf die Realität. Der Zwerg mit dem großen Kopf und dem mächtigen Penis in „Die große Nacht im Eimer“ (1963) von Georg Baselitz ist ein Oskar Matzerath der sexuellen Revolte, der bei seinem Erscheinen in der Berliner Galerie von Werner & Katz die staatlichen Ordnungshüter auf den Plan ruft. Später werden die Anspielungen des Künstlers noch drastischer. Den geschlagenen Helden seiner gleichnamigen Bilder bleibt wie in „Vorwärts Wind“ (1966) nur der élan vital ihres dauererigierten Gliedes. Mit ruppigen, expressiven Pinselschlägen setzt Baselitz seine Motive ins Bild. Bis er sie am Ende invertiert wie in „Der Wald auf dem Kopf“ (1968), um deutlich zumachen, dass es ihm in erster Linie um die Malerei geht, nicht um die Erzählung.

Eine Intention, die ihn mit Gerhard Richter verbindet, der wie er aus dem Osten Deutschlands in den Westen gekommen ist. Ist für Baselitz die Verkehrung seiner Motive zur Signatur geworden, dann für Richter die Unschärfe seiner Bilder. In ihnen sieht Götz Adriani das „zentrale ästhetische Prinzip“, das der Maler zu jener Zeit für sich entdeckt. Die Unschärfe der Bilder erinnert an die Unschärfe mancher Fotografien. Aber Richters Strategie verwischt willentlich den Realitätsanspruch der Fotografie, behauptet die Autonomie der Malerei und verweist auf die Bedingtheit unserer Wahrnehmung. Zugleich macht sie die Bilder nicht selten rätselhaft und unheimlich wie Richters „Krankenschwestern“ (1965), die eher Todesengeln als gütigen Helferinnen gleichen. Oder sie werden schön wie der ikonische „Tiger“ (1965), den der Gestus der Malerei zu einmaliger Eleganz und Rasanz verhilft.

In Düsseldorf besuchte Richter die Klasse von Karl Otto Götz zusammen mit dem in Schlesien geborenen Sigmar Polke. Dessen Frühwerk thematisiert wie kein anderes die bürgerliche Gesellschaft des bundesdeutschen Wirtschaftswunders. Aber er nimmt nicht nur mit subtiler Ironie und voller Humor ihr Konsumverhalten aufs Korn, sondern auch ihre Wertvorstellungen. In „Moderne Kunst“ (1968) malt er, was damals nach landläufiger Meinung die moderne Malerei ausmacht, nämlich „Kleckserei“, „Kringel“ und „Gekritzel“, während sein „Dürer-Hase“ (1968), auf kleinkariertem Küchenkarostoff zur Umrisslinie verkürzt, der Deutschen liebstes Kunstmotiv verulkt. Wie Richter lässt auch er sich von den Bildern der Massenmedien inspirieren, wobei er die Punkte des Zeitungsrasters nachmalt wie in „Freundinnen“ (1965 / 66). Dabei werden die banalen Motive zu unwirklichen, geisterhaften Erscheinungen, die den Blick verstärkt auf die flirrende Malerei lenken.

Der jüngste unter den vier alten Meistern ist der 1945 geborene Anselm Kiefer. Vielleicht auch derjenige, der sich am Intensivsten, sicher aber am Provokantesten mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzt. In den „Besetzungen“ (1969), seiner Abschlussarbeit an der Akademie in Karlsruhe, foto grafiert er sich in der alten Wehrmachtuniform seines Vaters, den Arm zum verunglückten Hitlergruß erhoben, an ehemals von Deutschen besetzten Orten in Frankreich, Italien, Holland und der Schweiz. In „Heroische Sinnbilder“ (1969 – 1970) überführt er diese Motive in Malerei. Die Lächerlichkeit seines Auftritts dementiert dabei jeden Heroismus und macht deutlich, wie sehr die Mimikry einen Erkenntnisprozess beim Betrachter wie beim Künstler in Gang setzen möchte. Malen, um zu wissen, dieser Maxime folgen alle Projekte Anselm Kiefers. Ob er auf dem Dachboden seines einstigen Ateliers im Odenwald nach „Glaube, Hoffnung, Liebe“ (1973) sucht oder sich in „Wege“ (1977 – 80) mit deutschen Dichtern und Denkern, Militärs und Politikern auseinandersetzt.

Die Ausstellung ist eine Kooperation mit der Staatsgalerie Stuttgart. Dort war sie vom 12.4. – 11.8.2019 zu sehen. Katalog: Götz Adriani: Baselitz, Richter, Polke, Kiefer – Die jungen Jahre der Alten Meister. Herausgeber: Staatsgalerie Stuttgart; Deichtorhallen Hamburg, erschienen im Sandstein Verlag, 342 Seiten, 360 Abb., farbig und s / w 30,5 × 23,5 cm, Festeinband. Museumsbuchhandlungen: deutsche Ausgabe: 34,90 Euro, englische Ausgabe 48 Euro; Buchhandelsausgabe deutsch und englisch jeweils 48 Euro.

www.deichtorhallen.de
www.staatsgalerie.de