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Titel: Digital. Virtuell. Posthuman? – Gespräche mit Künstlern · von Magdalena Kröner · S. 140 - 151
Titel: Digital. Virtuell. Posthuman? – Gespräche mit Künstlern ,

Jon Rafman

Der düstere Sog des virtuellen Träumens

Der kanadische Künstler Jon Rafman erkundet das kollektive, kulturelle Unbewußte und macht in seiner Arbeit die Fülle digitaler Subkulturen und die Phantasmen, die diese antreiben, sichtbar. Rafmans digitale Animationen, die er in raumgreifenden Environments inszeniert, operieren mit Momenten der Isolation, aber ebenso den regressiven Tendenzen und transgressiven Wünschen, die sich online ausleben lassen. Wie ein Anthropologe sucht er nach den Wirkmechanismen digitaler Bilder und Erzählungen und forscht nach den überindividuellen Motivationen und psychologischen Abgründen, die sich in diesen Bildern verbergen.

Magdalena Kröner: Ich verfolge Deine Arbeit, seit Du sie im Jahr 2016 im Westfälischen Kunstverein in Deutschland vorgestellt hast. Was mein Interesse im Zuge der Recherchen für diesen Band mit einem Mal aktualisiert hat, war ein Zitat aus Yukio Mishimas Buch „Sun and Steel“, das Du auf Instagram einer Reihe von Arbeiten des Accounts „Alessandro2012“, der Teil der Online-Community „Deviant Art“ ist, an die Seite gestellt hast. Mishima schreibt in seinem berühmten Text über den Zusammenhang von Wort und Fleisch, Körper und Geist, von körperlicher Disziplin und mentaler Stärke als Möglichkeiten zur Selbstund Welterkenntnis.1 Mishimas Text aus den 60er Jahren scheint heute ungebrochen aktuell zu sein. Das Netz ist voller Bilder, die Themen illustrieren, von denen Mishima schreibt. Dieser Zusammenhang kennzeichnet auch die hypertrophen digitalen Charaktere, von denen Dein Werk „Dream Journal“ bevölkert wird. Darüber würde ich gern mehr wissen … Was verbindet Mishimas Text mit Deiner Arbeit?

Jon Rafman: Mich inspiriert Mishimas poetische Gegenüberstellung von Gegensätzen; wie etwa die Verflechtung von Profanem und Heiligem, dem Materiellen und dem Spirituellen. Auch ich versuche, in meiner Arbeit ein Aufeinandertreffen starker Gegensätze zu erzeugen, wie etwa mit der Figur des hypertrophen muskulösen Avatars „Xanax Girl“, der zentralen Protagonistin in „Dream Journal“.

Es scheint mir, als ob dystopische Science-Fiction-Stories der einzige Weg sind, etwas Relevantes über unsere Gegenwart zu sagen.

Eine weitere Verbindung zu meiner Arbeit ist Mishimas Kampf um eine kohärente Identität in einem chaotischen Zeitalter. Wie Mishima interessiert mich das ewige Ringen zwischen dem, was wir sein wollen, und dem, wer wir sind. Heute wird diese Spannung zwischen dem idealen und dem realen Selbst durch das zunehmend zweigeteilte Leben, das wir einerseits in der Realität und andererseits Online führen, noch verstärkt.

Ich denke, mein Interesse für Mishima hat mit meiner Faszination für Subkultur-Bewegungen zu tun, die er beeinflußt hat. Abgesehen von der Fragwürdigkeit seiner politischen Ansichten war Mishima für eine ganze Generation verlorener, junger Männer auf der Suche nach einer starken Identität einflussreich. Ich glaube, dass die Vorstellung, eine gewisse existentielle Lehre mit Disziplin und Stärke zu füllen, auch heute in bestimmten Subkulturen immer noch eine Rolle spielt. Ich versuche selbst, in meiner eigenen Arbeit verschiedene Identitäten anzunehmen, und diese zu verkörpern, wie etwa in meinen jüngeren, dystopischen Sci-Fi-Geschichten. Irgendwie scheint es mir, als ob dystopische Science-Fiction-Stories der einzige Weg sind, etwas Relevantes über unsere Gegenwart zu sagen.

Ich kannte „Dream Journal“ ursprünglich von Deinem Instagram-Account, von wo aus es mich eine Weile lang jeden Tag begleitet hat. Wie ist diese Arbeit entstanden, die trotz ihrer erratischen, traumähnlichen Struktur ja durchaus einen inneren Zusammenhalt hat, und mittlerweile fast zwei Stunden lang ist? Wie strukturiert und übersieht man so ein monumentales Werk?

„Dream Journal“ entstand, wie viele meiner Arbeiten, eigentlich als Nebenprodukt, als Zerstreuung, während ich eigentlich mit etwas ganz Anderem beschäftigt war. Und es stellte sich, wie so oft, heraus, dass diese Arbeit letztendlich relevanter wurde als das, was ich eigentlich vorhatte. Das ursprüngliche Konzept wurde von On Kawara und seine Idee einer täglichen Aufzeichnung bis zum Lebensende motiviert; eine Folge unverbundener Traum-Fragmente; eine Art spontan entstandene, durch freie Assoziation vorangetriebene Anthologie meiner Träume, die ich dann irgendwann begann, zu einem Plot zusammenzufügen und meine Scripts und Moodboards einem Studio für Animation zu geben.

Mich interessiert das ewige Ringen zwischen dem, was wir sein wollen, und dem, wer wir sind.

Wie muß ich mir diesen Arbeitsprozess vorstellen?

Ich habe die Person, die mittlerweile die meisten Animationen für mich macht, über Recherchen in Internetforen gefunden. Wir haben uns nie getroffen; ich bin nicht mal sicher ob ich seinen oder ihren richtigen Namen kenne.

Welchen Vorteil hat diese Art der Zusammenarbeit?

Es gibt immer so einen kleinen Moment der Unsicherheit, bei dem ich vorher nicht weiß, ob ich meine Ideen richtig rüberbringen kann, und ob die Person, die damit umgeht, sie in meinem Sinne versteht, aber das macht es gerade spannend.

Du bist aktiv auf Plattformen wie „Second Life“ und in verschiedenen Gaming-Communities. Woher kommt Dein Interesse für diese Art der Netzkultur?

Ich habe viel gelernt im Kommunizieren mit diesen Communities, und ich mag ihre Art, die Welt zu sehen. Ich bin fasziniert von der schieren Fülle an Hyper-Nischen-Subkulturen, die im Netz existieren, die alle über ihre jeweils eigene, komplexe Historie verfügen, eigene Sprachen und existierende Hierarchien. Jede Fetisch-Subkultur verfügt über eine faszinierende und spezifische Sichtweise auf die Welt, die auf poetische Weise Wahrheiten über unsere Zeit enthüllt. In meiner Arbeit untersuche ich, wie Technologie und virtuelle Welten die Art und Weise beeinflusst haben, in der wir miteinander interagieren; wie sie die Beziehung zu unserer Vergangenheit verändern, unsere Beziehung zu uns selbst und unsere eigene Subjektivität. Im Kern interessiert mich, was es bedeutet, heute Mensch zu sein. Ich glaube, dass die Wünsche und Konflikte, die auf diesen Plattformen verhandelt werden, noch innerhalb der abseitigsten Online-Subkultur, tiefgreifende universelle Einsichten in die Menschheit widerspiegeln können. Selbst in den kleinsten Online-Communities können sich komplexe Muster der „realen Welt“ zeigen. Ich finde diese neuen Sprachen unglaublich inspirierend, die sich da herausgebildet haben. Da entsteht ständig eine Fülle neuer Anregungen und Materialien für meine Arbeit.

Jede Fetisch-Subkultur verfügt über eine faszinierende und spezifische Sichtweise auf die Welt, die auf poetische Weise Wahrheiten über unsere Zeit enthüllt.

Viele Protagonisten in „Dream Journal“, egal ob menschlich, tierisch oder hybrid, verfügen über eine quasi aufgepumpte, hypertrophe Körperlichkeit, die in gewisser Weise typisch zu sein scheint für die Ästhetik in „Second Life“. Was interessiert Dich daran?

Second Life und in ähnlicher Weise auch das Universum in „Dream Journal“ sind Räume, in denen die tiefsten, dunkelsten Phantasien pseudo-realisiert werden können. In diesen virtuellen Räumen finden unterdrückte Wünsche Ausdruck; hier lassen sich verschiedene Identitäten ausprobieren, die durch Avatare verkörpert werden. Aus irgendeinem Grund neigt die Physis viele dieser Avatare dazu, übertrieben und hyperidealisiert zu sein. Sowohl in „Dream Journal“ als auch in Second Life werden Phantasien zu ihrem logischen und oft absurden Abschluss gebracht. Ich denke, wenn man die Dinge auf die Spitze treibt, kann man sie klarer erkennen. Ein anderer Aspekt betrifft die Eigenarten der Computergrafik: das, was sich am Besten und am Einfachsten darin darstellen lässt, sind klassische, archetypische Dinge, wie diese Graeco-Romanischen, idealisierten Körper. Daraus entsteht eine interessante Spannung, denn alles, was digital ist, ist eben alles andere als real, voluminös, oder plastisch. Mich interessiert der Kontrast aus dem Hyper-Physischen und dem Immateriellen. Und die superstarke Heldenfigur hat natürlich auch etwas Archetypisches. Mir gefällt es, das Gegensätzliche zu verbinden, also den typischen Teen – oder Tween-Körper von „Xanax-Girl“ mit dieser von Steroiden aufgepumpten Physis zu versehen, die ja historischerweise mit etwas typisch Maskulinem assoziiert wird. Diese eigenartige Physis scheint mir auch etwas zu berühren, was in unserer Gesellschaft gegenwärtig eine Rolle spielt, nämlich unsere Sehnsucht nach solchen Körpern. Diese Sehnsucht, diese Obsession existiert ja nicht nur in Bodybuilder-Foren online, die meiner Meinung nach ein Hort des radikalsten, exzessivsten Diskurses dieser Tage sind, sondern auch in „normaleren“, sichtbareren Schichten unserer Gesellschaft – in der Werbung, in der Mode, überall. Ich habe lediglich die sexistische, faschistoide Grundstimmung, die um uns herum gerade existiert, in den Körper meiner Heldin implantiert.

Deine Haltung zum Internet und der Netzkultur scheint sich über die Jahre stark verändert zu haben, pessimistischer geworden zu sein …

Stimmt, sie hat sich sehr stark verändert, wenn du an meine frühen Interviews im Zusammenhang mit „Kool Aid Man“ und „Second Life“ denkst, die waren noch sehr stark geprägt von einer geradezu euphorischen Grundstimmung. Diese neue Art eines dystopischen Horrors mit seinen ideologischen und politischen Implikationen, den wir heute im Netz sehen, existierte damals einfach nicht. Das Internet schien auf eine gewisse Weise kleiner, aber authentischer zu sein; die Nischen, die Arkaden, wie sie Walter Benjamin in Paris beschrieb, werden mehr und mehr zerstört. Es gab mal die Möglichkeit, im Netz Dinge zu entdecken und Nischen zu pflegen, die nicht durch große Konzerne wie Facebook und Google kommerzialisiert und homogenisiert waren. Was wir heute haben, sind diese Realitätsblasen, in die wir vollkommen und 24 Stunden am Tag eintauchen können und die alles bestimmen, was unsere Realität ausmacht. Ein großer Teil der Harmlosigkeit ist verschwunden. Ich glaube, daher kommt auch der große Erfolg von Videospielen: sie sind meiner Meinung nach das heute wirksamste Werkzeug, um einen Großteil der Wut und Frustration zu kanalisieren, die viele Jugendliche empfinden und sie damit still zu halten. Manchmal glaube ich, eine echte Revolution würde ausbrechen, wenn man den Leuten ihre Videospiele wegnähme. Aber ich sehe mich da weniger als Hobbyanthropologe, auch wenn ich mich mal so bezeichnet habe, sondern eher wie ein Flaneur des 19. Jahrhunderts, der die heruntergekommenen Gassen des „Second Life“ entlangspaziert.

Ich würde gern mit Dir über die körperlich spürbaren Ambivalenzen sprechen, die Du in Deinen Rauminstallationen evozierst, wie etwa im Westfälischen Kunstverein im Jahr 2016 oder auf der Venedig Biennale von 2019. Deine Inszenierungen sind oftmals klaustrophobisch und dystopisch, aber auch auf angenehme Weise regressiv. Deine Environments haben ebenso viel von einem Uterus wie von einem Spielplatz…

Es ist mir wichtig, auf die Infantilisierung zu reagieren, die weite Teile unseres Lebens im Netz triggert. Du bist einerseits in einer sehr sicheren Position, sitzt zu Hause vor deinem Screen, und kannst alle deine Bedürfnisse und Sehnsüchte mit ein paar Klicks erfüllen; du bist dabei geborgen wie in einem Uterus, alles wird Dir abgenommen, und ist auf die sofortige Befriedigung deiner Wünsche ausgelegt, aber zur gleichen Zeit gibt es da dieses Gefühl, eingeschlossen zu sein, abhängig zu sein, wenig autonom zu sein – all diese ambivalenten Gefühle spielen meiner Meinung nach in jede Online-Erfahrung mit hinein. Wir konsumieren die Online-Welt, aber gleichzeitig frisst sie uns auf. Es ist mir wichtig, in jeder Installation auf das zutiefst solipsistische der Erfahrung im Netz zu verweisen: man erlebt diese Dinge vielleicht in Gegenwart von anderen Leuten, aber die unmittelbare Erfahrung ist zutiefst individuell und in gewisser Weise auch sehr einsam.

Es gab mal die Möglichkeit, im Netz Dinge zu entdecken und Nischen zu pflegen, die nicht durch große Konzerne wie F acebook und Google kommerzialisiert und homogenisiert waren.

Was meinst Du – ändert sich unsere Realität durch das Web oder das Web entlang unserer Realität? Oder scheint es Deiner Meinung nach so zu sein, als ob zahllose parallele Realitäten existieren, die immer weniger Berührungspunkte aufweisen?

Ich habe viel darüber nachgedacht, wie die Werkzeuge, die wir eigentlich dazu erdacht haben, uns näher zusammenzubringen, dazu beitragen, uns einander mehr und mehr zu entfremden, und im Sinne Brechts denke ich, es ist das Beste, genau jene Werkzeuge, jene Technologie zu benutzen, um uns dies vor Augen zu führen. Wir sind tatsächlich immer stärker miteinander verbunden, aber das auf eine immer weniger substantielle Weise; auf eine Art, die sich immer weniger real anfühlt. Und es wird immer leichter, in diese unterschiedlichen illusorischen Blasen hineingesogen zu werden, und einer gewissen, gesellschaftlich abgesicherten Form von Massenhalluzination zu erliegen. Wenn es einen ausreichenden gesellschaftlichen Konsens über diese Art von Halluzinationen gibt, werden sie zur Realität…

Hast Du dafür ein Beispiel?

Schau dir einfach jede einzelne politische oder gesellschaftliche Polarisierung des Diskurses an, die gegenwärtig irgendwo auf der Welt stattfindet, ob in Europa oder in den USA.

ANMERKUNGEN
1 Yukio Mishima: „The steel faithfully taught me the correspondence between the spirit and the body: thus feeble emotions, it seemed to me, corresponded to flaccid muscles, sentimentality to a sagging stomach, and overimpressionability to an oversensitive, white skin. Bulging muscles, a taut stomach, and a tough skin, I reasoned, would correspond respectively to an intrepid fighting spirit, the power of dispassionate intellectual judgement, and a robust disposition. I hasten to point out here that I do not believe ordinary people to be like this. Even my own scanty experience is enough to furnish me with innumerable examples of timid minds encased within bulging muscles. Yet, as I have already pointed out, words for me came before the flesh, so that intrepidity, dispassionateness, robustness, and all those emblems of moral character summed up by words, needed to manifest themselves in outward, bodily tokens. For that reason, I told myself, I ought to endow myself with the physical characteristics in question as a kind of educative process.“ Zitat: @jonrafman.

JON RAFMAN
Jon Rafman, geboren 1981, lebt und arbeitet in Montréal, Kanada.
2000 – 2004 Studium Philosophie und Literatur an der McGill University, Montréal, 2006 – 2008 Kunststudium an der School of the Art Institute of Chicago, Chicago

EINZELAUSSTELLUNGEN (Auswahl)
2020 Kunstverein Hannover, 2020 Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Washington D.C.; 2018 Dream Journal ’16–’17, Entree, Bergen Fondazione Modena Arti Visive, Modena; 2017 Dream Journal ’16–’17, Sprüth Magers, Berlin; 2016 I have Ten Thousand Compound Eyes and Each is Named Suffering, Stedelijk Museum, Amsterdam, Westfälischer Kunstverein, Münster; 2015 Zabludowicz Collection, London; 2014 Hope Springs Eternal II, Galerie Antoine Ertaskiran, Montréal; 2013 You Are Standing in An Open Field, Zach Feuer Gallery, New York; 2012 The Nine Eyes of Google Street View, Saatchi Gallery, London
GRUPPENAUSSTELLUNGEN (Auswahl)
2019 May You Live in Interesting Times, 58. Venedig Biennale, Venedig, Leaving the Echo Chamber, Sharjah Biennial, Sharjah; 2018 Art in the Age of the Internet, 1989-Today, ICA Boston Blind Faith, Haus der Kunst, München, I Was Raised on The Internet, Museum of Contemporary Art, Chicago, Burger Collection Exhibition, Langen Foundation, Neuss, Athens Biennale, Athens, 2017 A Crack in Everything, Musée d’art Contemporain de Montréal, Montréal, .com/.cn, K11 Art Foundation and MoMA PS1, Shanghai Jon Rafman | Stan VanDerBeek, Sprüth Magers, Los Angeles; 2016 Berlin Biennale 9, Berlin,Manifesta Biennial for European Art 11, Zürich Welt am Draht, Julia Stoschek Collection, Berlin Dreaming Mirrors / Dreaming Screens, Sprüth Magers, Berlin

www.jonrafman.com
jonrafman

von Magdalena Kröner

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