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Titel: Digital. Virtuell. Posthuman? – Gespräche mit Künstlern · von Magdalena Kröner · S. 152 - 157
Titel: Digital. Virtuell. Posthuman? – Gespräche mit Künstlern ,

Jordan Wolfson

Ins Gewebe des Unbewussten stechen

Der amerikanische Künstler Jordan Wolfson beschwört mit modernen Vorzeichen die Magie jener Automaten, die schon Jahrmarktbesucher vor 150 Jahren faszinierte, und erfindet die wohl gruseligsten Humanoiden der aktuellen Kunst. Im Jahr 2014 baute Wolfson mit „Female Figure“ seinen ersten Roboter: ein lebensgroßes, animatronisches GoGo-Girl mit blonder Perücke und einer Haut aus weichem Silikon, einem knappen weißen Tanzdress, weißen Handschuhen und weißen Lackstiefeln, die vor einem Spiegel tanzte. In einer Hexenmaske, die ihr Gesicht halb bedeckte, versteckte sich die Gesichtserkennungssoftware, die es ihr ermöglichte, Blickkontakt mit den Besuchern im Raum aufzunehmen.

2016 zeigte Wolfson erstmals „Colored Sculpture“: eine mehr als zwei Meter große, schlaksige Figur eines Jungen, welche, fixiert an drei schweren Eisenketten, die von Motoren an der Decke gezogen wurden, durch die Ausstellungshalle geschliffen wurde; abrupt hochgerissen, wieder fallengelassen und in schmerzhaft aussehende Pirouetten verdreht. Die sommersprossige, rothaarige Figur, eine Mischung aus Huckleberry Finn und Alfred E. Neumann aus den „MAD“-Comics, suchte dabei mit eindringlichen blauen Augen, die auf zwei LED-Monitoren aufleuchteten, stets den Blick der Galeriebesucher. Ab und zu richtete er sich in der Luft auf, fixierte sein Publikum von oben herab, und wirkte dabei ebenso bedrohlich wie zerknirscht. Die endlosen Strapazen waren ihm rasch anzusehen: überall platzte der Lack ab; ein schmutzig-grauer Abrieb begann, sein Gesicht zu entstellen und die Fleischfarbe seiner Extremitäten abzuschürfen.

Magdalena Kröner: Ich glaube, was mich von Anfang an Deiner Arbeit am meisten fasziniert hat, ist die Ambivalenz von skulpturalem und virtuellem Körper, aus Animatronic und bildhauerischer Präsenz in Deinen Arbeiten. Figuren wie „Female Figure“ oder „Colored Sculpture“ bewegen sich in einem Zwischenraum, den ich so bei keinem anderen Künstler kenne: sie sind reale, physische Verkörperungen im Raum, aber zugleich auch virtuelle Charaktere; Phantasien wie aus einem Computerspiel, deren Körperlichkeit unmittelbar spürbar wird. Über diese Spannung aus real und animatronisch würde ich in diesem Gespräch gern mehr erfahren. Zunächst: Wie ist „Colored Sculpture“ entstanden?

Jordan Wolfson: Das erste, woran ich meist bei der Entstehung von „Colored Sculpture“ denke, ist mein Flug von der Art Basel zurück; wo ich gerade die Ausstellung „14 Rooms“ gemacht hatte, und ich glaube, ich habe im Flugzeug eine erste Entwurfsskizze dafür gemacht. Die Idee zu „Colored Sculpture“ war die formale Verkörperung einer Idee, einer Skulptur oder eines Körpers, wenn du so willst, der gleichzeitig konkret und nicht greifbar ist. In meinen Arbeiten gibt es meistens beides: ich bin immer interessiert am Verhältnis von physischer Realität zu abstrakter Komposition und bin immer wieder erstaunt und verwirrt davon. Ich bin immer daran interessiert, jede Tendenz zum Separatismus in meinen Arbeiten aufzulösen.

Was heißt das?

Ich denke schon lange über Vereinzelung und Abgrenzung nach – warum das etwas ist, dass in unserer Gesellschaft so omnipräsent geworden ist; sowohl in politischer Hinsicht, dass wir uns etwa als getrennt von den Flüchtlingen empfinden, die gerade überall auf der Welt nach Schutz suchen, aber auch, dass wir uns getrennt von allen anderen empfinden, insbesondere hier in Los Angeles, wo die Celebritykultur für sehr starke Tendenzen zu Abgrenzung, Isolation und Vereinzelung in der Gesellschaft sorgt. Ich weiß nicht, ob diese Wahrnehmung eine typisch Westliche ist, aber es ist etwas, das mich schon sehr lange beschäftigt. Und mich hat es gereizt, diese Haltung, die ja jeder Besucher meiner Ausstellung mit sich herumträgt und in den Raum mitbringt, auf die Skulptur zu übertragen, und sie zu etwas zu machen, das in der Lage wäre, diese unsichtbare Grenzlinie der Vereinzelung zu überwinden und die kollektive Abgrenzung zu attackieren.

Wie genau geschieht das? Deine Arbeiten bieten sich ja nicht nur der Projektion, sondern auch der unmittelbaren, physisch erfahrbaren Übertragung an …

Es ist genau das, was Du eben beschrieben hast, als Du „Colored Sculpture“ zum ersten Mal gesehen hast: du schaust dir dieses Ding an und schaust gleichzeitig dich selbst an. Du hast den Eindruck, dass die Figur deinen Blick erwidert, und siehst also gleichzeitig dich selbst. Alles was der Figur geschieht, geschieht auch dir. Du empfindest das unmittelbar und kannst dich dem nicht entziehen. Es ist, als ob das in deine automatische Betrachtungsund Bewertungsmechanismen hineinhackt, und so zu einer Situation führt, die den Besucher regelrecht entwaffnet und in der Folge erleuchtet. Ich verwende gern den japanischen Begriff „satori“ dafür; du siehst das „Nicht-Nichts“, und es entsteht idealerweise eine Art von Erschütterung, die eine Betrachtung ermöglicht, die offen, nicht voreingenommen, nicht wertend, nicht intellektuell ist, sondern dich in deinem Unbewussten trifft.

Du hast in einem Gespräch einmal erwähnt, wie wichtig die Gewalt ist, die Deinen Figuren widerfährt, egal, ob diese virtuell oder real ist. Darüber würde ich gern mehr wissen …

Für mich ist beides eigentlich dasselbe – ich werte zwischen beiden Ebenen eigentlich gar nicht mehr. Es ist ja jetzt schon so, dass ich einen großen Teil meines Lebens virtuell lebe, auf Instagram und im Web, und ich meine, dass die Erfahrungen, die ich dort mache, ebenso real sind wie alles andere. Der entscheidende Faktor ist die Zeit, die du mit diesen Erfahrungen verbringst, und nicht der Grad ihres Angebunden-Seins an eine virtuelle oder physische Realität.

In meinen Arbeiten gibt es meistens beides: ich bin immer interessiert am Verhältnis von physischer Realität zu abstrakter Komposition.

Keine Deiner Arbeiten führt das reale und das digitale Bild vielleicht so zusammen wie die Virtual-Reality-Arbeit „Real Violence“, bei welcher der Betrachter über ein Headset Zeuge wird, wie ein Mann, der aussieht, wie Du selbst, einen anderen auf offener Straße attackiert und schließlich mit einem Baseballschläger tötet. Der Betrachter hat keine Gelegenheit, einzugreifen; auch sonst nimmt in der mitten in Manhattan angesiedelten Szenerie niemand Notiz von dem Vorgang. Du hast die Arbeit auf der Whitney Biennale von 2017 erst für Ausstellungsbesucher ab 18 Jahren freigegeben und sie wurde auf Grund ihrer drastischen Brutalität kontrovers diskutiert.

„Real Violence“ nenne ich meine „Body Sculpture.“ Ich sehe diese Arbeit ein bisschen wie meine persönliche „Duchampsche Fahrradfelge“, und das meine ich jetzt nicht wertend, sondern vielmehr so, dass es für mich einen echten Wert darstellt, zu wissen, dass diese Arbeit in der Welt ist, und sich ins Verhältnis setzt zur echten Gewalt und Brutalität in der Welt. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass diese Arbeit so effektiv ist, dass es möglicherweise fast enttäuschend sein kann, echte Gewalt in der echten Welt zu erleben, die sich einfach ereignet, ohne einen starken Moment von Dissidenz oder Opposition. Diese Arbeit existiert vor allem als Idee, sie ist weniger formal, und scheint mir deswegen geeignet, eine stärkere physische Reaktion im Körper des Betrachters zu erzeugen … Aber auch diese Arbeit würde ich durchaus als skulpturale Arbeit bezeichnen, in welcher der Körper des Betrachters ein essentieller Teil wird.

Du hast mir neulich erzählt, dass Du momentan dabei bist, einen Schritt weiter zu gehen und Deine neue Arbeit noch weiter ins Virtuelle hinein zu verschieben, als Du es bislang getan hast. Du arbeitest für eine Ausstellung im Castello di Rivoli 2020 zusammen mit Daniel Birnbaum und „Acute Art“ an einer vollständig virtuellen Skulptur …

Die Idee dahinter ist, gemeinsam mit einer anderen Person in einen virtuellen Raum zu gehen und jeweils den Körper des Anderen tragen zu können; im Körper des Anderen zu stecken. Ich stelle mir vor, dass es an irgendeinem Punkt eine Art Dialog geben könnte, den beide Personen in diesem virtuellen Raum mit meiner Stimme führen werden, und dazu wird es eine Reihe physischer Irritationen und Verzerrungen geben. Der Arbeitstitel, den das Projekt im Moment hat, ist „Little Room“, und ich könnte mir vorstellen, dass dies meine bislang effektivste Arbeit wird … im Sinne davon, den Betrachter zu öffnen, zu entwaffnen.

Ich bin nicht daran interessiert, mich oder meine Arbeit in moralische Gewänder zu hüllen.

„Little Room“ klingt nach Kindheitsphantasie …

Das ist damit auch gemeint; eine Art Zustand wie in der Kindheit: unverstellt und offen für Neues, für sinnliche Erfahrungen und Imagination, aber vielleicht ebenso für Angst, Terror und Verletzlichkeit.

Ist Dein Interesse an Animatronic damit vorüber?

Nein, überhaupt nicht. Ich arbeite gerade an einer neuen animatronischen Skulptur, die voraussichtlich „Body Sculpture“ heißen wird, die sich auf sehr direkte Weise auf den Körper bezieht und mit ihm interagiert.

Wie wird sie aussehen?

Im Moment denke ich an eine Art unheimlichen Würfel mit Armen daran, und es wird einen robotischen Arm geben, der wie eine Art Puppenspieler agiert, der wiederum an einer Kette im Raum befestigt ist und von dieser bewegt wird. Ich werde die Physikalität von „Female Figure“ auf eine stärker performative Ebene heben, und man wird dieses ambivalente Ding dabei beobachten können, wie es eine Reihe unterschiedlicher erotischer Posen einnimmt, und dann versucht, Sex zu haben, und schließlich, jemanden gewaltsam zu mißbrauchen. Ich möchte hier ein ganzes Spektrum darstellen von sanfter Sinnlichkeit und Erotik hin zu einer fordernderen Sinnlichkeit bis zu einer gewalttätigen Sexualität. Gleichzeitig wird das Ganze etwas sehr Schematisches und Mechanisches haben. Außerdem wird sich in dem Würfel etwas öffnen und ein Element wird herauskommen, das sich sehr kribbelig anfühlt. Es wird also drei unterschiedliche mechanische Elemente geben: den robotischen Arm, die humanoiden Arme von „Female Figure“ und den Würfel, während die Aktionen, die die Figur ausführen wird, etwas unleugbar Menschliches haben werden.

Es ist ja jetzt schon so, dass ich einen großen Teil meines Lebens virtuell lebe, auf Instagram und im Web, und ich meine, dass die Erfahrungen, die ich dort mache, ebenso real sind wie alles andere.

Es klingt so, als würde auch „Body Sculpture“, wie schon „Colored Sculpture“ und „Female Figure“ Themen berühren, die ambivalent und moralisch aufgeladen sind: Transgression, Gewalt und Sex. Du selbst hast einmal gesagt, dass ein Aspekt wie „Moral“ Dich nicht besonders interessiert. Du beziehst Dich gelegentlich auf Georges Batailles „Geschichte des Auges“, und sprichst Dich in einer ähnlichen Weise für Grenzüberschreitung, die radikale Entäußerung des Selbst und das Sprengen aller Grenzen aus …

Absolut. Ich bin nicht daran interessiert, mich oder meine Arbeit in moralische Gewänder zu hüllen. Was mich am Thema Moralität vielleicht am meisten interessiert, ist die Tatsache, dass man, um wirklich etwas Neues sagen zu können, erst einmal eine neue moralische Position etablieren oder zumindest behaupten muss. Und was ich mit meinen Arbeiten versuche, ist genau das, also mit der Spannung aus Verführung und Abstoßung in „Female Figure“ oder der Spannung aus Kindlichkeit und Brutalität in „Colored Sculpture“ quasi in das Gewebe unseres Unbewussten hinein zu stoßen, sodass ein Alarm ausgelöst wird, und wir uns fragen, was diesen Alarm eigentlich auslöst. Und genau in diesem Moment erkennen wir möglicherweise, welche moralische Tradition eigentlich hinter unseren Bewertungen und hinter unseren unmittelbaren Reaktionen steckt, und das kann für ein ziemliches „Wow“ sorgen. Das Ego ist eine hinterhältige, dynamische Kraft: es schleicht sich überall ein und verschmutzt die Räume unseres Inneren und alle unsere Aktionen mit seiner eigenen Dynamik; seinen Ängsten und Sehnsüchten. Das gilt für jeden Einzelnen, aber das gilt auch für uns als Gesellschaft. Und vielleicht gelingt es in der Konfrontation mit meinen Arbeiten, etwas davon bewusst zu machen.

JORDAN WOLFSON
Jordan Wolfson, geboren 1980 in New York, lebt und arbeitet in New York und Los Angeles. 2003 B.F.A. Rhode Island School of Design.

EINZELAUSSTELLUNGEN (Auswahl)
2019 Moderna Museet, Stockholm; 2018 Zabludowicz Collection, London, Schinkel Pavillon, Berlin, Tate Modern, London, The Broad, Los Angeles, David Zwirner, New York; 2017 Pond Society, New Century Art Foundation, Shanghai; Sadie Coles, London; 2013 Stedelijk Museum voor Actuele Kunst (S.M.A.K.), Ghent; Chisenhale Gallery, London; 2012 Kunsthalle Wien, Gallery at The Roy und Edna Disney / CalArts Theater (REDCAT), Los Angeles; 2011 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf; 2009 CCA Wattis Institute for Contemporary Arts, San Francisco; 2008 Swiss Institute of Contemporary Art, New York; 2007 Galleria d’Arte Moderna e Contemporanea di Bergamo; 2004 Kunsthalle Zürich.
GRUPPENAUSSTELLUNGEN (Auswahl)
2019 Highlights for a Future: De Collectie (1), Stedelijk Museum voor Actuele Kunst (S.M.A.K.), Ghent; 2018 David Zwirner: 25 Years, David Zwirner, New York,Virtual Insanity, Kunsthalle Mainz, Mainz; 2017 Beyeler Collection / Remix, Fondation Beyeler, Basel, Whitney Biennial, Whitney Museum of American Art, New York.

www.jordanwolfson.org
jordanmatthewwolfson

von Magdalena Kröner

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