Ausstellungen: Bonn · von Helga Meister · S. 260
Ausstellungen: Bonn ,

Bonn

Norbert Schwontkowski

Some of My Secrets

Kunstmuseum Bonn 31.10.2019 –16.02.2020

Kunsthalle Bremen 21.03.– 02.08.2020

Kunstmuseum Den Haag Herbst 2020 – Frühjahr 2021

von Helga Meister

Norbert Schwontkowski (1949 bis 2013) wäre in diesem Jahr 70 Jahre alt geworden. Er wurde in Bremen geboren und dort auch zu Grabe getragen. Durch die Stadt fließt die Weser, sein Atelier lag ein paar Schritte von der kleinen Weser entfernt. Er liebte das Wasser, mehr noch das Meer, diese „Ursuppe“ wie er es nannte, die so nichts mit den Gemälden der Romantiker zu tun hat. Sein Meer ist schlammig, matschig, mehrschichtig, gebrochen. Es ist aus Pigmenten, Kupfer, Leinöl und Wasser zusammengesetzt. Es sei wichtig, dass sich lebendige Gründe ergeben, sagte er einmal. Nun erhält er die bislang größte Retrospektive. Sie beginnt im Kunstmuseum Bonn und geht auf Tournee über Bremen nach Den Haag.

Schwontkowski stammt aus einer Arbeiterfamilie, die Mutter kam aus dem Ruhrpott, der Vater aus Masuren. So einer wie er liebt es subversiv. Und langsam. Er startete mit einer Lehre als Schaufenstergestalter, studierte Malerei, reiste zehn Jahre durch die Welt und entschloss sich erst mit 40 Jahren, ein Künstler zu werden. Ein Spätgeborener gleichsam, den die Mutter schon als Priester sah, der den gesamten „Überbau“ von sich abschüttelte, um in seiner merkwürdigen Nass-in-Nass-Technik die Beschäftigung mit Leben und Tod, mit Hell und Dunkel und mit all den „Elementargefühlen“, wie er es nannte, auf die Leinwand zu bringen.

Der Bonner Kurator Christoph Schreier hat sich diese Ausstellung als Abschiedsgeschenk vor seiner Pensionierung gewünscht, obwohl doch das Museum Goch erst zwei Jahre zuvor eine sehr schöne Schau brachte. Doch damals hätte es sich lediglich um eine Privatsammlung gehandelt, diesmal sei man systematischer vorgegangen, erklärt Schreier. Zu sehen sind über 70 Gemälde aus den Jahren 1988 bis 2012, darunter aus dem Nachlass 32 Werke und 35 Skizzenbücher.

Die Bilder sind nicht chronologisch gehängt, sie sollen Stimmungen ergeben, seinen fatalistischen Humor oder seinen melancholisch-romantischen Unterton zeigen. Den Auftakt macht das Motiv eines Wandergesellen, der mit seinem Sack auf einem minimalen Erdsockel steht und im grauen Einerlei auf zwei Autoscheinwerfer schielt, die ihn hoffentlich auf seiner Weltreise weiterbringen. Ebenfalls im Eingang hängt eine Baumlandschaft. Sie hat nichts mit den Stämmen des Edvard Munch zu tun, die stets senkrecht gen Himmel streben. Seine Bäume bestehen aus spindeldürren Ästen, die sich in den Pfützen spiegeln, die Kronen nach unten, als würden sie in den Boden wachsen. In der Nachbarschaft schiebt ein Radfahrer sein altmodisches Vehikel durch eine braunrötliche Tunke. Thomas Schüttes Mann im Matsch lässt grüßen. „Wir in dieser Drecksbrühe“ heißt ein Bild von 1997, mit sechs Schwänen in diesem sumpfigen Braun. Dennoch ist es kein Bild der Traurigkeit, dazu schnattern die Schwäne viel zu lustig. Sie werden überleben, gerade im Sud.

In einem großen, dunklen Nirgendwo gibt es ein Fenster mit hellem Licht und einer kleinen Figur, die sich so weit aus dem Fenster lehnt, dass der Betrachter fürchtet, sie werde gleich abrutschen und in der Dunkelheit untergehen. Im Selbstporträt von 2007 taucht der Maler als kleiner Wicht auf, angetan mit großer Brille und einem Mantel, aus dessen Tasche etwas weiße Farbe rutscht. „Nachdenken über Nichts“ nennt sich der Alter Ego. Man meint, ein leises Lachen zu hören, denn Schwontkowski liebt es unpathetisch. Im Gespräch mit mir bezeichnete er sich als „einen Mann aus Lakonien“.

Er ist kein Angepasster, kein Schönheitsapostel, kein Romantiker. Er sitzt gern zwischen allen Stühlen. Sein „Spiegelraum“ von 2004 ist kein Zero-Raum, denn die Spiegel sind blind und die Wand im Hintergrund ist schrundig. Seine Eisenbahn, mit der die Ausstellung endet, kommt aus einem Tunnel und führt in den nächsten Tunnel. Und zwischendurch lässt sie viel Dampf ab.

Seine Bilder entstehen oft genug aufgrund ungewöhnlicher Techniken. Keiner kann wie er mit der Spitze eines Gummi-Rakels so perfekt ein engmaschiges Geflecht aus dem Leinwandsud kratzen, in dem sich wie unter einem Moskitonetz ein Häufchen Elend verbirgt. Wer will, mag in „Der Schlaf“ von 2010 an Kafkas Gregor Samsa aus der „Verwandlung“ denken, aber bei Schwontkowski bleibt der Kerl wohlbehütet auf der Liege und wird nicht zugrunde gehen.

Seine Bilderfindungen sind beneidenswert. Drei Bogenlampen verneigen sich zum Tete à Tete. In der Reifenkammer („Good Year“, 2008) hängt die Farbe auf der Leine wie Schläuche. In „Bosch“ (2006) steht der arme Teufel nachts in kurzer Hose am Bosch-Kühlschrank und lässt sich von der offenen Tür und mithin von der Kälte erhellen. Das Licht ist ein spärliches Gut, kein Luxusartikel. Eine kleine Glühbirne hängt am Bildrand und erhellt nichts in der großen Dunkelheit.

Eines hat dieser Künstler nie gemocht, das große Theater. Selbst in der Kirche sah er nur eine große Illusionsmaschine und schrieb auf die Fassade einer Kathedrale das Wort „Kino“ (2002). Das ist alles andere als eine himmlische Erleuchtung. „Wenn es gut geht, ist es etwas sehr Schönes. Aber es geht oft daneben“, sagte er im Gespräch.

www.kunstmuseum-bonn.de