Essay · von Wolfgang Welsch · S. 174 - 191
Essay ,

Nach dem Ende des Anthropozäns

Künstlerische Vermutungen

von Wolfgang Welsch

 

1. Die moderne Denkform und ihre Überschreitung – Zur Problematik des Anthropozäns

„Wenn man den Menschen oder das denkende, die Erdoberfläche von oben betrachtende Wesen ausschließt, dann ist das erhabene und ergreifende Schauspiel der Natur nur noch eine traurige und stumme Szene. Das Weltall verstummt, Schweigen und Dunkelheit überwältigen es; alles verwandelt sich in eine ungeheure Einöde, in der sich die Erscheinungen […] dunkel und dumpf abspielen. Das Dasein des Menschen macht die Existenz der Dinge […] erst interessant. […] Der Mensch ist der einzigartige Begriff, von dem man ausgehen und auf den man alles zurückführen muss.“1 Das ist eine exemplarische Formulierung der Denkform der Moderne. Sie stammt von Diderot und findet sich in seinem 1755 publizierten Artikel über die Enzyklopädie.

14 Jahre später, 1769, lesen wir bei einem anderen Autor: „Wer kennt die Tierrassen, die uns vorangegangen sind? Wer weiß, welche Tierrassen uns folgen werden?“2 „Jedes Tier ist mehr oder weniger Mensch, jedes Mineral ist mehr oder weniger Pflanze, jede Pflanze mehr oder weniger Tier. Es gibt keine scharfe Abgrenzung in der Natur …“3 „Alles verändert sich, alles geht vorüber […].“4 Natürlich ist dieser andere Autor erneut Diderot – aber ein Diderot, der sich inzwischen die Perspektive der Evolution zu eigen gemacht hat und dadurch zu einem entschiedenen Kritiker der modernen Denkform geworden ist. Die zuletzt zitierte Äußerung findet sich in Diderots Essay D’Alemberts Traum. Der Mensch hat nun nicht mehr den Status des Leitwesens, nach dessen „einzigartigem Begriff“ alles zu begreifen ist, sondern…

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