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Essay · von Amine Haase · S. 192 - 197
Essay ,

Eine Zeitlinie zurück in die Zukunft

Von der Urgeschichte bis heute: Das Rätsel der Kreativität beschäftigt die Kunsthistoriker immer wieder
von Amine Haase

Wie kaum je zuvor verdichten sich die Anzeichen dafür, dass der Mensch dabei ist, sich selbst abzuschaffen. Forscher und Wissenschaftler machen schon lange auf selbstmörderische Tendenzen aufmerksam. Jetzt ist das Thema in aller (Politiker-) Munde. Und auf der Straße werden die Klima-Demonstrationen an den „Fridays for Future“ immer lauter. Auch die Künste wollen nicht mehr (nur) „schön“ sein, sondern die Finger in die Wunden legen, neue Modelle entwickeln. Tomàs Saraceno schickt den homo sapiens in eine Zukunft, in der er den Planeten brüderlich mit allen anderen Lebewesen teilt. Als „homo flotantis“ soll er das Schweben erlernen, um das „Aeorozän“ zu eröffnen. Michel Houellebecq beschreibt das Hier und Heute so: „Nous habitons l’absence“ (Wir bewohnen die Abwesenheit). Auf die Behauptung „Sie haben keine Chance“ erwidert der als Zyniker verschriene Schriftsteller: „Machen Sie weiter.“

Der Mensch vergeht im Anthropozän, frei nach Max Frischs „Der Mensch erscheint im Holozän“. Der Titel des 1979 erschienen Buchs des Schweizer Autors verweist auf einen künftigen Menschen, der allerdings in der Erzählung (noch) nicht auftaucht. Dass der Mensch im Holozän erscheint, ist aus naturwissenschaftlicher Sicht falsch. Frischs Protagonist hat Angst vor Gedächtnisverlust. Und während eines Unwetters steigert er sich in eine geradezu apokalyptische Katastrophe. Die versucht er mit einer Art Weltdeutung zu überwinden: Seine Wohnung verwandelt sich in einen chaotischen Zettelkasten, mit dem er das Wissen der Menschheit zu speichern glaubt.

Der Mensch vergeht im Anthropozän

Der Mensch kann sich nicht mehr als Mittelpunkt wiederfinden. Er kämpft um den zentralen Platz, den der homo sapiens sich auf seinem Weg durch die Geschichte erworben hat. Er muss erkennen, dass mancher sogenannte Fortschritt auf Missverständnissen beruht; Sprache und Zeichen erscheinen als nicht mehr allgemein verständlich: Wir ließen die Zeichen der alten Kulturen absterben, bevor wir neue geschaffen haben. Das Ende der kollektiven Erinnerung bedeutet Verlust an Sprache, an Ausdruck, an Bildern. Damit die Symbole wieder allgemein verständlich und so mit der Gesellschaft verbunden werden, ist ein Blick zurück sinnvoll, auf Mythen und Fakten der Menschheitsgeschichte. Damit ist nicht die übliche Plünderung der Kunstgeschichte gemeint und auch nicht eine „Historienmalerei in Zeiten der Post-Histoire“ (siehe KUNSTFORUM Band 214). Eher könnte man an die Ausstellung „Primitivism in 20th Century Art: Affinity of the Tribal and the Modern“ von 1984 in New York denken, bei der vor allem Kunst aus Afrika, Ozeanien, der Ureinwohner Amerikas Werken der Heroen der westlichen Moderne gegenübergestellt wurde.

Wir ließen die Zeichen der alten Kulturen absterben, bevor wir neue geschaffen haben.

Die Zeit ist gekommen, wieder einmal zurückzuschauen und dieses Mal weiter gefasst, räumlich und zeitlich. Kann man so zu einer verbindlichen Sprache finden, die Gegenwart und Vergangenheit miteinander versöhnt und Weichen für die Zukunft stellt? Für die bildende Kunst setzte eine Ausstellung im Pariser Centre Pompidou in diesem Sommer ein Hoffnungszeichen: „Préhistoire – Une énigme moderne“ (Vorgeschichte – ein modernes Rätsel) nannte sie sich bescheiden – und war beispielhaft: wissenschaftlich nachvollziehbar und doch voller poetischer Freiheit, mit originellen Gegenüberstellungen und überwältigend schönen Objekten. Cécile Debray, Rémi Labrusse und Maria Stavrinaki haben dieses bemerkenswerte Projekt betreut, zu dem ein bleibender Katalog erschien. Alle drei sind Spezialisten für moderne und zeitgenössische Kunst; Cécile Debray als Direktorin des Musée de l’Orangerie, Maria Stavrinaki als Hochschullehrerin an der Sorbonne, und Rémi Labrusse forscht im Laboratoire Histoire des arts et des représentations in Paris-Nanterre.

Es geht den Kunsthistorikern nicht so sehr darum, prähistorische archäologische Funde neben Kunstschöpfungen der Moderne zu stellen, wie es vorwiegend in der New Yorker Ausstellung von 1984 mit außer-europäischer und westlicher moderner Kunst geschehen war. Vielmehr wollen sie eine Zeitlinie ziehen, die von der Ur- und Frühgeschichte bis heute verläuft und den kreativen Impuls erkennbar machen möchte: die Frage nach dem Da-Sein und So-Sein des Menschen. Es gab einen Anfang für ihn, wird es auch ein Ende geben? Der Tod des Einzelnen ist ein geradezu alltägliches Motiv, der Untergang der Menschheit ein apokalyptisches.

Die bedrohliche Ahnung kann zum kreativen Akt führen, egal ob in der Selbstversicherung einer Höhlenzeichnung oder in einem gerade entstandenen Bild, ob in der „Venus von Lespugue“, vor 23.000 Jahren in einer Grotte der Haute Garonne geformt, oder in der „Harmless Woman“ von Louise Bourgeois aus dem Jahr 1969. Fruchtbarkeitssymbole beschwören das Weiterleben. Eine andere prähistorische Venus (die von Laussel) interessierte Alberto Giacometti – wie sein Skizzenbuch von 1929 zeigt. Und auch Henry Moore hielt in seinen Skizzen eine prähistorische Figur fest: die Venus von Grimaldi.

Picasso ist für alle Inspirationen offen; eine Venus ist auch unter den von ihm neu definierten Frucht-barkeits-Symbolen: „Buste de femme, 1931 in Boisgeloup“ entstanden. Und er schuf 1945 eine „Venus du Gaz“ bestehend aus industriellen Versatzstücken eines Gasbrenners. Weniger bekannt sind Körper-Zeichnungen von Joseph Beuys wie „Zwei Frauen“, die vor-zeitlich anmuten, aber 1955 entstanden.

Paul Cézanne war mit Archäologen und Geologen befreundet. Seine Bilder ahmen aber nicht Formen prähistorischer Funde nach, sondern geben eher scheinbar zeitlose Strukturen wieder: „Die Montagne Sainte Victoire von den Steinbrüchen Bibémus aus gesehen“ (1898). Fast in die Abstraktion führt die Inspiration, die Künstler wie Joan Miro, Robert Delaunay, Paul Nash oder Barbara Hepworth aus den Zeichen der frühen Künstler schöpfen. Yves Klein bedient sich sogar ihrer Technik, des Abdrucks, in seinen Anthropometrien“. Mit bloßen Händen zeichnet Miquel Barceló auf mit Lehm bedeckte Fensterscheiben: „Il trionfo della morte“, ein allumfasssender Strudel, der alles verschlingt. Einem kreisenden Wirbel, der uns mit einem urzeitlichen Erscheinen und Verschwinden konfrontiert, setzt uns Robert Smithsons Film zu „Spiral Jetty“ (1970) aus, der am Rande des Salzsees von Utah entstand. „Unsere Gegenwart neigt dazu prähistorisch zu sein“, befand Smithson. Marguerite Duras lässt Prähistorie und Gegenwart in einem Kurzfilm zusammenschnurren: „Les mains négatives“ (1978, so genannt nach Abdrücken von Händen, die man in Felshöhlen fand,) erzählt von der Verlassenheit der ersten Menschen und zeigt Bilder der frühmorgendlichen, fast leeren Pariser Straßen.

Der Mensch, seine Fragilität und sein Überlebenswille beschäftigten bereits die Kreativen der Cro- Magnon-Zeit vor rund 40.000 Jahren. Von ihnen stammen die Venusfiguren und ebenso Höhlenmalereien und geritzte Felszeichnungen, die so viele Künstler inspirierten. Die Zeitlinie zurück in die Zukunft lässt sich weit spannen: Mit dem Schädel von Cro-Magnon, der 1868 in der südfranzösischen Dordogne gefunden wurde, beginnt der Parcours auf den Spuren des schöpferischen Menschen, ein Hoch auf die Kreativität des homo sapiens. „Die Zeit“ (1933) von Paul Klee und Odilon Redons Zeichnung eines Mannes, der aus einer Höhle ans Tageslicht tritt (ca. 1878), können weitere Akzente zu Zeit und Raum setzen. „Erinnerung an eine verlorene Zeit“ nennt Alberto Savinio ein Bild von 1928, in dem er urtümliche Tiere miteinander kämpfen lässt – und vielleicht leichte Zweifel an der Umkehrung der Zeitlinie aufkommen lässt.

Der Tod des Einzelnen ist ein geradezu alltägliches Motiv, der Untergang der Menschheit ein apokalyptisches.

Die Phantasie der Künstler überbrückt den Abgrund, den die Zeit zwischen ihn und den Cro-Magnon-Menschen spannt. Wissenschaftlich begann man sich ab dem 18. Jahrhundert mit der Urgeschichte zu beschäftigen. Langsam gab man mythologische Erklärungsversuche einer Entstehungsgeschichte auf, und um 1900 entstand allmählich ein historisches, anthropologisches und künstlerisches Konzept. Mit der Entdeckung von Höhlenmalerei und in Stein gehauener, aus Knochen oder Stoßzähnen geschnitzter Figuren wurde die Auseinandersetzung mit der Frühgeschichte immer intensiver. Heute hat sie ihren Platz auch in der Kunstgeschichte gefunden und behauptet ihre Rolle bei der Suche nach dem Ort, den wir hier und jetzt und in Zukunft einnehmen wollen.

Der Katalog zur Ausstellung kostet 39,90 Euro.