Titel: I love New York , 1998

CHARLES LONG:

»Betrachtung als Daseinsdrama«

Seit wann lebst du in New York und warum?

Ich lebe seit 1980 im East Village, und mein Atelier liegt in Chelsea. Nun, was empfinde ich für New York? Zunächst einmal ist es ein guter Ort zur Weiterentwicklung meiner Arbeit, aber auch ein lästiger. Zu der Zeit, als ich meinen Lebensunterhalt als Zimmermann verdiente, der Dachwohnungen berühmter Künstler wiederherstellte, da konnte ich rausgehen und mir ansehen, was ich wollte. Daß ich dabei mit einer Menge guter Arbeiten in Berührung kam, verhalf mir zu einer eigenen Kosmologie der Kunst. Jetzt, als Vollzeitkünstler, fehlt mir die Zeit. Allein beim Wechsel von der östlichen zur westlichen Seite Manhattans geht eine halbe Stunde drauf, und den Rest des Tages widme ich der Arbeit und der Familie.

Was für ein Verständnis von Skulptur hast du?

Ich entschied mich, Bildhauer zu werden, obgleich ich die Skulptur als Medium problematisch finde. Mein Ausgangspunkt ist eine postmoderne Kritik an Objekten als bürgerliche, ziemlich exzentrische, mit Aura versehene. Ein Ausweg bahnte sich mit der Kenntnis an, wie Duchamp mit Objekten umging, wenn er sie aus dem Alltag in den Kunstkontext beförderte. Aber auch diesen Ansatz verwarf ich bald, erkennend, daß dieses Vorgehen sehr akademisch ist. Mir fiel zudem auf, daß in der Bildhauerei all die Dinge und Begriffe, die wir abschütteln wollten, weiterexistierten. Wenn ich vor einem Kunstobjekt stehe, so ist das für mich eine Art psychologisches Theater oder ein Daseinsdrama. Dieses existiert nach wie vor ungeachtet dessen, wie rational die eigene Idee von Präsenz oder Aura à la…

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von Heinz-Norbert Jocks

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