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Report: Biennalen · von Susanne Boecker · S. 422 - 424
Report: Biennalen , 2000

Susanne Boecker
»Biennalen im Dialog«

Internationale Konferenz in Kassel, 3. – 6. August 2000

Der Westen beginnt zu wackeln. Ein regelrechter Boom von „Biennalen“ katapultiert derzeit das bis vor kurzem noch sicher auf „westlichem“ Terrain verankerte Karussell periodisch stattfindender internationaler Großausstellungen heraus in den globalen Raum: Dakar, Shanghai, Moss, Montréal, Taipeh, Lima heißen die neu hinzugekommenen „Spielstätten“ – um nur einige zu nennen. Weltweit grassiert ein regelrechtes „Biennale-Fieber“, das Kuratoren, Künstler (und letztendlich auch das Publikum) vor neue Probleme stellt. Bedeutet die globale Ausweitung des Ausstellungsbetriebes aktueller Kunst doch einen Quantensprung im bislang halbwegs überschaubaren Kunstgeschehen – mit noch nicht absehbaren Konsequenzen für Produktion, Rezeption und Vermarktung. René Block, künstlerischer Leiter der Kunsthalle Museum Fridericianum und als Kurator verschiedener Biennalen mit der Problematik bestens vertraut, erkannte die Zeichen der Zeit und initiierte in Kassel gemeinsam mit dem Institut für Auslandsbeziehungen den „Auftakt zum globalen Gespräch“. Der Gesprächsbedarf war offenbar groß, denn seiner Einladung folgten fast vierzig Biennale-Kuratoren, Organisatoren und Künstler aus aller Welt. Vier Tage dauerte der intensive Austausch. Nach zweitägiger Klausur verkündete René Block das Ergebnis der internen Gespräche: den Beschluss, in einem regelmäßig agierenden „Biennalen-Komitee“ zusammenzuarbeiten, schließlich gelte es „Qualitätsmaßstäbe“ festzusetzen.

In dem anschließenden Sym.posium diskutierte man dann vor Publikum verschiedene Aspekte, wobei schnell klar wurde, dass sich Voraussetzungen, Vorgaben und Zielsetzungen der Biennalen (noch) stark unterscheiden. So etwa in der Bewertung des „Standortfaktors“. In Peru betrachtet man die Biennale als wirksames Mittel, um die politische Öffnung des Landes zu signalisieren, während sie im senegalesischen Dakar als Investition zur Herausbildung des „kulturellen Images“ des Landes gesehen wird. Die Biennale im koreanischen Kwangju wurde – statt eines Denkmals – als Symbol für das demokratische Korea initiiert. Ganz anders liegt der Fall in China: Die Shanghai-Biennale wurde von der Regierung gewissermaßen als Notbremse gegen den weltweiten Ausverkauf aktueller chinesischer Kunstproduktion eingeführt und soll wichtige Werke im Land halten. Dass auch Künstler aus dem Ausland eingeladen werden, hat den positiven (Neben-)Effekt, dass man eine „Öffnung nach außen“ demonstrieren kann. In Havanna gibt man seit 1984 Kunst der „Dritten Welt“ ein Forum – ein seinerzeit absolut singuläres Unterfangen, das aber mit der „Asia-Pacific Triennial of Contemporary Art“ Nachahmer gefunden hat. Auch „westliche“ Kuratoren erkennen zunehmend das Potenzial dieser bislang vom „Kunst-Establishment“ nicht be.achteten Produktionen (wie jüngst Jean-Hubert Martin auf der 5. Biennale von Lyon).

Kunst als Ausweis einer allgemeinen „Political Correctness“ – das scheint inzwischen überall gut zu funktionieren. Die Marketing-Beauftragten verschiedenster Regierungen haben das erkannt, und so kann man sicher sein, dass bald noch mehr Staaten für diese Art von Veranstaltungen Geld locker machen werden. Dabei ist die Wirkung nach außen jedoch nur die eine Seite der Medaille. Ebenso wichtig, für viele Länder geradezu essenziell, ist der Einfluss der Biennalen auf die lokale Kunstsituation. So wirkt die inzwischen mit ihrer 12. Ausgabe schon fest etablierte Biennale von Sydney als wichtiger Katalysator für die lokale Kunstszene (das erste und bislang einzige Museum für zeitgenössische Kunst in Australien wurde erst vor zehn Jahren eröffnet). In Istanbul gibt es bislang überhaupt keinen Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst. Hier ist die seit 1987 stattfindende Biennale die wichtigste Möglichkeit zur Auseinandersetzung – sowohl für die einheimischen Künstler als auch für das Publikum. Nicht zu unterschätzen ist auch der pädagogische Aspekt der Biennalen. In Lima ist der Eintritt beispielsweise prinzipiell frei, um ein möglichst breites Publikum zu gewinnen. Die mit üppigen Mitteln ausgestattete Biennale von Sao Paulo wird im Rahmen des Kunstunterrichts von jeweils 150.000 Kindern besucht – mit eingehender Vor- und Nachbereitung. Auch in Australien pflegen die Biennale-Macher enge Kontakte zur Universität, zu Schulen und Kunstschulen. Nach jahrelangen Bemühungen ist es ihnen gelungen, „International contemporary Art“ offizielles Fach auf dem Lehrplan der Schulen zu etablieren.

Über Venedig, die 1895 gegründete Urmutter aller Kunst-Biennalen, wurde auf dieser Veranstaltung übrigens nicht geredet. Man war sich einig: das Modell des nationalen Kräftemessens in der Tradition der Weltausstellungen hat ausgedient. Zur Diskussion stand in Kassel der Biennale-Typ der zweiten Generation, jener internationalen, von Kuratoren verantworteten Kunstausstellungen, die sich in regelmäßiger Wiederkehr jeweils aktueller internationaler Kunstproduktion widmen. Ein Modell, das boomt – über 20 Biennalen sind derzeit am Start – das sind (rein rechnerisch) zehn Biennalen pro Jahr, macht fast jeden Monat eine Eröffnung. Eigentlich eine schöne Sache, deren Problem jedoch nicht zuletzt in ihrer Eigendynamik liegt. „Ich glaube, man erfährt die Daten der anderen Biennalen immer noch über auftretende Terminschwierigkeiten eingeladener Künstler“, brachte René Block die Krux auf den Punkt. Was zu handfesten Konflikten führen kann. Eine Besonderheit der Biennalen ist nämlich nicht zuletzt ihr Werkstatt-Charakter. Im Gegensatz zu traditionellen musealen Präsentationen entstehen die Biennale-Ausstellungen nicht allein auf der Basis vorhandener Werke, sondern verlassen sich immer mehr auf das Potenzial der eingeladenen Künstler. Diese realisieren ihre Arbeiten im Rahmen der Möglichkeiten und oft auch in intensiver Auseinandersetzung vor Ort: Biennalen als Keimzellen internationaler Kunstproduktion.

Inzwischen drohen sich die „Versuchsfelder“ zu Konkurrenzveranstaltungen zu entwickeln, wenn etwa Kuratoren ihren „Wunschkandidaten“ nicht bekommen, weil der gerade auf einer anderen Biennale arbeitet. Zugleich hat sich die Rolle des Kurators geändert. Fungiert dieser doch nicht mehr nur als „Ausstellungsmacher“, der die Auswahl und Anordnung der Exponate bestimmt, sondern gewissermaßen als Auftraggeber, der das, was er zeigt, vor Ort herstellen lässt. Eine verantwortungsvolle und nicht unproblematische Position. In Kassel hielt man es angesichts dieser Entwicklungen für notwendig, über eine „Ethik des Kuratierens“ zu diskutieren. Neuralgischster Punkt scheint (noch immer und aller Globalisierung zum Trotz) der nach wie vor nach westlichen Parametern ausgerichtete Blick auf die Kunst. In diesem Zusammenhang behauptete sich Okwui Enwezor, 1997 Leiter der Biennale Johannesburg und Künstlerischer Leiter der nächsten Documenta, als analytischer Kritiker tradierter und eingefahrener Denkmuster. Nach wie vor sei der „Westen“ Dreh- und Angelpunkt der Biennalen, auch die Selbstdefinition zeitgenössischer Kunst prinzipiell „westlich“. Dabei sei der Westen eine „Fiktion“, die es zu vergessen gelte. Statt dessen hätten Biennalen als „Kreuzungen von Geschichte und Raum“ die Aufgabe, auf die Mikropolitik vor Ort einzugehen. „Als Kurator mache ich Ausstellungen innerhalb einer Kultur und innerhalb eines Apparates – nicht innerhalb der Kunstgeschichte“. Enwezors Ansprüche sind hoch. Er will den autonomen Diskurs – ohne postkoloniale Voreingenommenheit, ohne das Korsett einer „Political Correctness“. Eine schwierige Aufgabe. Auf seine documenta 11 (2002) als Ort neuer Denk- und Bewertungsweisen darf man gespannt sein.

René Block sieht optimistisch nach vorn: „Kunst muss lebendig sein. Dafür brauchen wir Biennalen“. Trotz immer neuer Biennalen: noch scheint der globale Kunst-Kollaps nicht ins Haus zu stehen. Dafür ist eine radikale Veränderung der „internationalen Kunstszene“ zu konstatieren, die aus dem traditionellen Modell der Kunst-Metropolen ausbricht. Kreative Zentren wie Paris oder New York haben ausgedient, Kunst wird ab jetzt dort gemacht, wo sie geschieht, und umgekehrt. Und das kann überall auf der Welt sein. Übrigens: das nächste Biennale-Treffen ist bereits in Vorbereitung. Es soll im kommenden Februar im Rahmen der Kunstmesse „Arco“ in Madrid stattfinden.