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Titel: Zeit · Existenz · Kunst · von Heinz-Norbert Jocks · S. 347 - 353
Titel: Zeit · Existenz · Kunst , 2000

RENÉ BLOCK

Chronos und Kairos,
die Götter der Zeit

EINE GESPRÄCHSMONTAGE VON HEINZ-NORBERT JOCKS

Unter den vielen Ausstellungen des letzten Jahres zum Thema der Zeit war die Schau Chronos und Kairos von René Block im Kassler Fridericianum insofern eine Ausnahme, da sie stärker an der Struktur einzelner Werke orientiert war. Anhand von über 130 Beispielen zeigte er, dass die zeitgenössische Kunst sich nicht darauf beschränkt, Zeitkategorien der Wissenschaften zu übernehmen, um sie blind oder kritisch zu illustrieren. Er demonstrierte, dass mit der Erweiterung des Kunstbegriffs auch eine Öffnung des Zeitbegriffs erfolgte. 1942 geboren und am Niederrhein aufgewachsen, eröffnete René Block als 22-Jähriger 1964 in Berlin eine Galerie. Deren erste Ausstellungen und Performances wurden von Künstlern wie Gerhard Richter, Sigmar Polke, Wolf Vostell, Joseph Beuys und Nam June Paik gestaltet. 1967 als jüngster Galerist Deutschlands in den „Verein progressiver deutscher Kunsthändler“ aufgenommen, zog es ihn 1974 nach New York, wo er seine Galerie mit der Aktion I like America and America likes me von Joseph Beuys bekannt machte. Zur gleichen Zeit kuratierte er große, teils historische Überblicks-Ausstellungen für den Neuen Berliner Kunstverein. Von 1982 bis 1992 betreute er im Rahmen des Berliner Künstlerprogramms des DAAD bildende Künstler und Komponisten und organisierte Ausstellungen und Konzerte. Seit Juli 1997 ist er Direktor der Kunsthalle Museum Fridericianum in Kassel. Der Kontakt zu ihm war nur per Fax und Telefon möglich. Das Gespräch auf Entfernung führte Heinz-Norbert Jocks sozusagen als Rückblick auf eine Ausstellung, die nur noch in der Erinnerung existiert.

*

Abhängig von der Zeit

Heinz-Norbert Jocks: Was hat Kunst mit Zeit zu tun?

René Block: Künstler leben nicht in einem zeitlosen Raum, Kunst ist direkt abhängig von der Zeit, in der sie entsteht. Sie kann diese Zeit, den Zeitgeist, spiegeln und fixieren, oder aber sie kann versuchen, ihn hinter sich zu lassen, zu ignorieren, um neue Wege aufzuzeigen. Eine Rolle zu übernehmen, die man vor langer Zeit „Avantgarde“ nannte. Mit anderen Worten: Künstler können in ihren Werken der Zeit, in die sie leben, voraus sein und neuen Inhalten auch neue Formen geben. Alles hat mit Zeit zu tun, und gerade die Vergangenheit wird durch künstlerische Stile bestimmt: Renaissance, Barock, Romantik, Spätromantik, Moderne.

Warum ist es überhaupt nötig, über Zeit in Form einer Ausstellung zu reflektieren?

Künstler, gerade zeitgenössische Künstler, reflektieren über Zeit und Raum, der ja auch durch die Zeit bestimmt wird. Der natürliche Weg, über künstlerische Forschungen, bzw. Ergebnisse zu informieren, ist die Ausstellung – trotz Internet. Denn es sind in der Regel immer noch über Internetpräsentation hinausgehende Objekte und Installationen, die die Künstler schaffen. Dinge, die erfassbar und erfahrbar sein wollen. Wir haben der Ausstellung den Titel Chronos & Kairos gegeben. Diese beiden griechischen Götter symbolisieren alle denkbaren Aspekte zur Zeit: die sich aus der Vergangenheit weiterentwickelnde, die fließende, aus dem Nichts kommende und im Raum aufgehende Zeit, aber auch den Augenblick, den Zeitgeist: den richtigen Zeitpunkt für Kunst: den der Schönheit. Wenn man On Kawaras Arbeit One Million years past ansieht und realisiert, dass unsere Zeitrechnung vom Jahre Null an, diese 2000 Jahre, die jetzt zu Ende gehen, nur wenige Seiten des letzten von zehn Bänden mit aufgeschriebenen Jahreszahlen ausmachen, dann sind Epochen wie Barock, Rokoko, Moderne nur Momente. Aber diese Bände muss ich vor mir sehen, ausgestellt, um das zu erfahren.

Geht es der Kunst womöglich um einen anderen als den herrschenden Zeitsinn?

Was ist der herrschende Zeitsinn? Philosophen, Theologen und sicher auch Künstler haben eine andere Auffassung davon als Politiker, Industrielle oder Gewerkschaftsbosse. Und trotz Globalisierung haben Europäer, Amerikaner, Asiaten oder Afrikaner keinen einheitlichen Zeitsinn. Zeitsinn, Kairos, ist kulturell bedingt. Insofern gehen Künstler aus anderen geographischen Regionen auch anders mit dem Begriff „Zeit“ um als wir Westmenschen in unserer Westkunst.

Welche Konsequenzen hat es für unsere Betrachtung von Zeit, wenn wir wissen, dass in anderen Kulturen die Uhr anders tickt?

Wer kann mit „wir“ gemeint sein? Bin ich es, oder ist es der Westen schlechthin? Für mich hat das Wissen um eine andere Zeitbetrachtung in anderen Kulturen zunächst keine Bedeutung., die zu Konsequenzen führen würde. Zu welchen auch. Ich muss doch erst einmal lernen, mit meiner Zeit umzugehen oder vor allen Dingen: mit ihr zu haushalten. Es gibt eine wunderbare kleine Zeichnung von Ludwig Gosewitz. Die heißt Alles ist gleichzeitig. Wir müssen uns nur vergegenwärtigen, dass alles gleichzeitig ist auf dieser Welt. Die Installation von KP Brehmer Zeitzonen macht überdies deutlich, dass alle 24 Stunden eines Tages auch gleichzeitig auf der Erde stattfinden. Es genügt, dies zu wissen und das andere einfach als Gleichzeitiges zu respektieren.

Wozu dient Zeit? Dient sie uns? Dienen wir ihr?

Sie dient uns nicht. Sie ist da. Also schlagen wir sie tot. Peng. Peng. In Wild-West-Manier. Killing time von Sam Taylor-Wood ist eine zentrale Installation bei Chronos & Kairos.

Lässt sich vom Zeitsinn anderer Kulturen etwas lernen?

Wir müssen vom Zeitsinn anderer Kulturen lernen, weil wir den Sinn für unsere eigenen kulturellen Wurzeln verloren haben. Das, was wir von anderen Kulturen zu lernen glauben, ist ja oft religiösen Ursprungs. Nehmen wir als Beispiel die asiatische Auffassung von Zeit im Zen, so könnten wir ähnliches auch in unserer eigenen Kultur finden, wären die Wege zu ihren Wurzeln nicht längst abgegraben. Zeit findet außerhalb dieser Welt statt und gleichzeitig in uns. Aber man müsste schon eine Sensibilität für religiöse Empfindungen haben wie Augustinus, um das spüren zu können. „Was ist also Zeit? Wenn mich niemand fragt, weiß ich es. Wenn ich es jemandem erklären soll, weiß ich es nicht.“

In der Angst vor der Endlichkeit

Können Sie anhand einiger Künstler, die Sie ausstellen, einmal die Differenzen im Umgang mit Zeit herausstellen, bitte!

Im Grunde wird von allen Künstlern Zeit als ein Prozess verstanden, als etwas, das fortschreitet, nicht zu halten ist. Nun kann man mit diesem Prozess ironisch umgehen, wie das einige Fluxuskünstler taten. Ernst wie die Concept-art-Künstler. Meditativ wie Paik in seiner Videoinstallation mit dem eine Kerze betrachtenden Buddha, dem Denker, oder der TV Clock. Subjektiv wie On Kawara mit seinen auf sein Leben bezogenen Botschaften. Alle diese Spielarten der Zeitdeutung finden sich in der jüngsten Künstlergeneration ebenfalls.

Ist Zeit überhaupt darstellbar? Und wenn, auf welche Weise?

Vielleicht am ehesten durch die große Uhr von Darren Almond, die sie anzeigt. Sonst ist Zeit eher erleb- als darstellbar.

Was halten Sie von Zeitschwellen, also von Übergangsritualen?

Die Zeitschwellen sind fließend. Die Datumsgrenze von 2000 auf 20001 ist künstlich. Wie künstlich das ist, beweist schon der Umstand, dass der Wechsel ein Jahr zu früh, nämlich von 1999 auf 2000 gefeiert wird. Aber es wird zu Beginn des neuen Jahrhunderts auch neue Energien geben, auch wenn diese vielleicht erst 2009 einsetzen. Schließlich erfand Duchamp das Readymade auch nicht 1901, sondern 1913.

Droht durch die neuen Technologien und Medien nicht ein Zeitsinn, der zum einen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht mehr trennt, und dadurch andererseits so etwas wie Erfahrung tilgt?

Es ist nicht das Problem der Trennung, sondern, dass Vergangenheit nicht mehr vorkommen wird. Der elektronische Zeitsinn geht immer nur von der jeweils momentanen Gegenwart in die Zukunft.

Von welchem Verständnis von Zeit gehen Sie selber aus?

Siehe Augustinus, wie sollte ich das dann erklären können.

Haben Sie sich mit Philosophen, Soziologen oder anderen Wissenschaften befasst, die über Zeit reflektieren?

Ich werde mich hüten. Ich will doch selber denken und nicht wiederkauen.

Ist Zeit für Sie nur etwas Objektives im Sinne des Messbaren, oder lässt sich Zeit subjektivieren?

Wir haben in der Ausstellung die Arbeit LIFE von Nam June Paik. Für diese Arbeit hat er über Jahre in Second-Hand-Läden alte LIFE-Magazine gekauft und die Titelseiten mit Kommentaren zu Ereignissen aus seinem Leben versehen. Die Kindheit in den 30er Jahren. Die Pubertät in den 40ern. Die Reife zum Mann und Künstler in den 50ern. Die Fluxuszeit in den 60ern, usw. Die Arbeit endet 1972 mit seinem 40. Geburtstag. Er hat 1982 zu seinem 50. Geburtstag noch ein LIFE-Meldung hinzugefügt, eine Ausgabe, die über den Künstler Paik berichtet. Diese Mitteilung enthält auch der Kommentar auf dem Titelblatt. Es ist eine Arbeit, die zwei Geschichten erzählt: die sehr persönliche eines einzelnen Menschen und gleichzeitig eine allgemeine anhand von Titelbildern der Weltgeschichte.

Gibt es so etwas wie Angst vor der Unendlichkeit der Zeit?

Nur bei Theologen. Alle anderen haben eher Angst vor der Endlichkeit der Zeit. Vor ihrem Tod..

Ist der Tod als das Ende von Zeit ebenfalls Thema Ihrer Ausstellung?

Nein, wäre dem so, dann hätte die Ausstellung ja Chronis, Kairos & Aion heißen müssen.

Welchen Einfluss hat der Tatbestand, dass wir sterben werden, auf die Produktion von Künstlern?

Geht es nicht vielen Künstlern – und anderen Menschen auch – gerade darum, etwas zu schaffen, das über den physischen Tod hinaus Bestand hat? Geist wird zu Materie, die bleibt.

Welche Rolle spielt in dem Zusammenhang der Begriff der Dauer, der im Bereich der Kunst ja so gepflegt wird?

Dauer ist Voraussetzung für die bewusste Erfahrung von Zeit. Die Dauer eines bestimmten Augenblicks, eines Musikstücks oder Films, sind noch bei Kairos anzusiedeln, für das „Überdauern“ wäre dann Chronos zuständig. Bach, Mozart, Wagner, Satie – ihre Werke haben verschiedene Generationen, Stile, usw. überdauert. Aber erleben können wir ihre Werke nur im Moment ihrer Wiedergabe für eine festgelegte Dauer.

Das Arbeiten mit Zeit

Zurück zu Paik, spielt in der Art, wie er sich dem Thema Zeit widmet, eine Rolle, dass er in Korea geboren ist?

Ganz bestimmt. Er geht ganz anders mit dem Zeitbegriff um als zum Beispiel Beuys. Das ist doch sehr genau zu beobachten in der Aufführung In Memoriam George Maciunas, wo beide für die Dauer von 74 Minuten an zwei Klavieren agieren. Bei dem Konzert waren nur die Instrumente, eben Klaviere, und die Dauer, eben 74 Minuten, vorher festgelegt. Es gibt glücklicherweise eine Videoaufzeichnung, die diesen Vergleich zwischen beiden Künstlern ermöglicht.

An welche jungen Künstler denken Sie bezüglich des Zeit-Themas?

Wenn ich Marijke van Warmerdam, Janine Antoni, Mariko Mori, Maria Eichhorn, Sam Taylor-Wood, Asta Gröting noch als junge Künstlerinnen bezeichnen darf, nenne ich auch diese Namen. Ganz sicher zählen Christian Jankowski, Christiane Krumwiede, Nick Laessing, Maura Biava, Nina Fischer und Maroan el Sani oder Olaf Val noch zur jüngsten Künstlergeneration.

Was hat Sie überhaupt dazu gebracht, diese Ausstellung zu machen? Gibt es da auch persönliche, biografische Gründe? Den Wunsch, durch Kunst etwas zu klären?

Biografisch sehe ich die Ausstellung als mittleren Teil einer Ausstellungstetralogie. Für Augen und Ohren fand bereits 1980 statt und beinhaltete das Thema Musik. Jetzt also Zeit, und in diesem Jahr werden Worte Gegenstand einer Ausstellung sein. Spannend und wichtig ist für mich, dass im Rahmen der Gattungsüberschreitungen in einigen Fällen die gleichen Künstler an all diesen Projekten beteiligt sind.

Worin unterscheidet sich der Zeitsinn eines Kunsthistorikers oder Ausstellungsmachers von dem des Künstlers?

Der Historiker behandelt die Vergangenheit, der Ausstellungsmacher die Gegenwart und der Künstler die Zukunft.

Könnten Sie vielleicht auf einzelne Werke, die Sie ausstellen, detaillierter eingehen, um den Zeitsinn, der darin zum Vorschein kommt, noch mehr zu konkretisieren?

Das ist eigentlich genau das, was ich nicht gerne mache, obwohl ich im Verlauf des Fragenbeantwortens schon einige Beispiele genannt habe, um bestimmte Aspekte zu verdeutlichen – aber keinesfalls, um zu interpretieren. Sehen Sie, der umfangreiche Katalog kostet nur DM 5,– (im Versand DM 10,–). Da steht so viel drin. Da wird die Konzeption deutlich.

Woran liegt es Ihrer Ansicht nach, dass der eine gar kein oder nur gelegentlich ein Zeitbewusstsein hat und ein anderer ein so stark ausgeprägtes, dass er keinen Tag lang vergessen kann, dass das Showdown der Zeit läuft, so dass Zeit für immer vergeht?

Weiß ich nicht. Dachte immer, speziell den letzteren Fall gebe es nur in der Literatur oder vielleicht noch in Bergmann-Filmen.

Ist der Künstler sensibler für das, was Zeit existentiell bedeutet?

Glaube ich nicht.

Wie geht On Kawara mit Zeit um?

Er dokumentiert in seinen date paintings bestimmte Tage, aber auch die Orte, an denen er sie gemalt hat. Auf dem Bild selbst wird dies durch die Sprache, in der das Datum erscheint, manifestiert, in dem das Bild begleitenden Karton zusätzlich durch eine Zeitung des betreffenden Tages vom Ort des Entstehens. In anderen Serien verkündete er seine Existenz durch das Versenden von Telegrammen I AM STILL ALIVE oder die Postkarte – I got up at… Und dann sind da noch die privaten, in Ordnern festgehaltenen Aufzeichnungen jeden Tages: I met…, I went …und I read…

Künstler der Land-art-Bewegung haben zwangsläufig einen anderen Zeitsinn, nicht wahr?

Sie haben sich natürlich immer mit Zeit auseinandergesetzt. Für sie spielen Tageszeiten, Nachtzeiten und auch Jahreszeiten eine zentrale Rolle. Walter de Maria hat, glaube ich, einmal gesagt, dass der Künstler, der mit Erde arbeitet, auch mit Zeit arbeitet. In der Ausstellung verzichteten wir auf eine Dokumentation der Land-art und griffen ein authentisches Beispiel heraus. Die Fotoarbeit The shortest day at the van Abbemuseum von 1970. Hier hat Jan Dibbets am kürzesten Tag des Jahres, also an einem Dezembertag, seinen Fotoapparat vor einem Fenster in einem Raum des Museums fest installiert und alle 6 Minuten von innen nach draußen fotografiert. Im Ergebnis erscheinen die sich verändernden Einfallswinkel der Sonnenstrahlen und die hierdurch bedingten, sich verändernden Lichtverhältnisse auf den Fotos. Ein mit einfachen Mitteln gefertigter Beweis für die Rotation der Erde.

Wie ausgeprägt ist Ihr Zeitbewusstsein?

Ziemlich. Ich trage seit 30 Jahren keine Uhr mehr mit mir herum.

Worin unterscheidet sich der Zeitsinn in der Fotografie von dem der Videokunst? Was lässt sich Zeit in der Malerei thematisieren und wie in der Bildhauerei? Welche Beispiele fallen Ihnen da als erstes ein?

Es ist wie zwischen Fuge und Sonate. Die Fuge ist die Momentaufnahme, die Sonate der Film. In der Malerei gab es die Phase des Actionpainting, und seitdem ist Malerei häufig aus einem gezielten Malprozess entstanden, in dem das Ergebnis zunächst vor dem Entstehungsprozess zurücksteht. In der Bildhauerei gibt es einmal die ganze Abteilung der kinetischen Skulpturen, die oft raumgreifend angelegt sind. Es gibt die Welt der Klangskulpturen, und es gibt spätestens seit der Propagierung des erweiterten Kunstbegriffs eine neue Definition von Skulptur, und da ist der Zeitfaktor doch wichtiger Bestandteil.

Die Zeit bei John Cage

War Ihre Ausstellung eine konzeptionelle oder mehr auf die Präsentation von Erscheinungen aus?

Chronos und Kairos war eine Art Bestandsaufnahme, wobei eine angemessene Präsentation der unterschiedlichen künstlerischen Ideen selbstverständlich von vorrangiger Aufgabe war.

Wie breit war das Spektrum der Künstler? Wo lagen die Gewichtungen?

Es war natürlich sehr breit bei 64 teilnehmenden Künstlern. Aber die Größe des Museums Fridericianum erlaubte eine spannungsreiche, jede Arbeit gerechtwerdende Vorstellung dieser sehr unterschiedlichen künstlerischen Ansätze. Ich kann nur noch einmal auf den Katalog verweisen.

Musik war zudem ein Leitmotiv Ihrer Zeit-Ausstellung?

Nicht von ungefähr ist dem Katalog zur Ausstellung als Vorspiel eine kleine Oper von Georg Brecht vorangestellt. Sie besteht aus einer einfachen Handlungsanweisung für ihre drei Akte. Die Ausstellung selbst setzte ein mit einer kleinen Hommage an Eric Satie. Bei ihm beginnt etwas, das wir als „konzeptionelle Musik“ bezeichnen können, und auch die Anfänge der „visuellen Musik“ liegen hier, wie seine berühmte Komposition Form einer Biene oder die Notenschrift in Form von Wellen in der Komposition Bain de Mer von 1914 zeigen. 1921 konzipierte Satie die wahrscheinlich längste Komposition der Klavierliteratur Vexations, die bei mittlerem Tempo der Vortragsweise eine Länge von 18 bis 19 Stunden ergibt. Vorgetragen wird in der Regel von mehreren Pianisten, die sich, wie beim Staffellauf, am Klavier abwechseln, sozusagen den Ton übergeben. Dabei ist es ein relativ kurzes Stückchen Klaviermusik, das Satie notierte. Nur versah er es mit der Anweisung, es 840 mal zu wiederholen. Wie bei Vexations, so wird auch bei der 1917 konzipierten und 1920 realisierten Komposition Musique d’Ameublement die zeitliche Länge der Musik ein entscheidender Faktor, die Musik soll wie Möbel im Raum vorhanden sein, permanent und selbstverständlich. Aber auch der Raum selbst wird in dieser Komposition einbezogen. Raum und Zeit, Klang und Umgebung werden als zentrale Problemstellungen für die weitere Musikpraxis entdeckt und gerade von John Cage weiterentwickelt. Es war auch Cage, der 1979 die erste Realisierung der Möbelmusik als akustische Installation vorschlug. Musste zu Saties Lebzeiten das Stück durch drei Musikgruppen live für ein bestimmtes Ereignis aufgeführt werden, so kann die Musik heute dank moderner Technik mit Endloskassetten permanent während einer mehrwöchigen Ausstellungszeit aufgeführt werden. So wie Musik in Supermärkten oder in Flughäfen. 1920 bei der Erstaufführung durch drei Musikgruppen soll Satie, da sich die Zuhörer still verhielten, zornig ausgerufen haben: „Hört nicht zu! Geht! Unterhaltet Euch!“ Für unsere Ausstellung rekonstruierten wir den Raum aus der Augen und Ohren-Ausstellung.

Cage ging über Satie hinaus?

Cage äußerte einmal, dass bei Beethoven die Teile einer Komposition durch die Harmonik bestimmt würden, bei Webern und Satie hingegen durch die Zeitlängen. Bei Beethoven ist Dauer, Tonhöhe, Lautstärke und Farbe von gleicher Bedeutung. Gegenpart des Tons und von gleicher Bedeutung aber ist Stille. Stille wird ausschließlich durch Zeit wahrgenommen. Aber diese Entdeckung hat schließlich zu einer der Schlüsselkompositionen des 20. Jahrhunderts geführt, zu „4’33“. In dieser Komposition wird eine bestimmte Zeit zu Musik erklärt. Alles, was in dieser Zeit an Geräuschen oder Gesprochenem gehört wird, wird Musik. Am Klavier werden kleine Klänge produziert. Es gibt eine Sequenz in dem Paik Video A Tribute to Cohn Cage, in der Cage selbst dieses Stück aus dem Jahre 1952 aufführt. Bei dem Wort „Stille“ denke ich gleich an das Objekt Das Schweigen von Joseph Beuys. Nach Cage ist es die Klangskulptur, wenn auch eine stumme, also ein Werk, das mit Zeit zu tun hat. Die Idee der Musique d’Ameublement griff Cage selbst noch einmal 1991 in einer Hommage an Mozart auf. Den Titel seines Rozartmix ironisierend, nannte er das Werk Mozart Mix. Es dürfte sich hierbei um das erste multiplizierte Klangenvironment handeln, und es wurde hergestellt in einer Auflage von 35 Exemplaren. 25 Endloskassetten unterschiedlicher Länge enthalten verschiedene Mozartmusiken, jeweils 5 werden gleichzeitig abgespielt, so dass ein neuer Soundmix entsteht – eben Cage.

Der Titel der Ausstellung verweist auf die beiden griechischen Götter Chronos und Kairos. Nur wurde nicht verraten, mit wem wer korrespondiert.

Wir wollten es den Besuchern überlassen, Zuordnungen zu treffen. Drei Beispiele möchte ich, wo Sie mich darauf ansprechen, zur Anregung nennen. Zunächst einmal eines die Auswahl von Künstlern betreffend, das ich exemplarisch an den drei japanischen Künstlern On Kawara, Miyajima und Matriko Moro darlegen kann. Während Miyaijma und Kawara eindeutig den „Chronos-Aspekt“ belegen, verkörpert Mori den Kairos, den Zeitgeist, den richtigen Moment, die Schönheit des Augenblicks, der ja manchmal auch schwer zu ertragen ist. Beispiele für die Gleichzeitigkeit von Chronos und Kairos in Werken eines Künstlers finden wir in Arbeiten von Endre Tót. Seine Bilder zeigen zwar einzelne Momente der Zeit und der Kulturgeschichte, als Serie aber deren Verlauf, wären also eher dem Chronos als dem Kairos zuzuordnen, wohingegen die bearbeiteten Buchseiten des Kamasutra, die kleinen Montagen erotischen Inhalts, eindeutig einen gewissen richtigen Moment darstellen, unter dem Schutz des Kairos stehen. Und dann gabt es in unserer Ausstellung noch Eastern-Daylight-Fluxtime, ein kleines Objekt von gleich zwei Autoren: Georg Brecht und Robert Filliou. In diesem Objekt symbolisiert das metallene Gehäuse der Taschenuhr, dieses Minichronometers, den Chronos. Der bunte Inhalt an Perlen und anderen Kleinigkeiten hingegen deutet auf Kairos hin.

von Heinz-Norbert Jocks

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