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Titel: Zeit · Existenz · Kunst · von Heinz-Norbert Jocks · S. 340 - 346
Titel: Zeit · Existenz · Kunst , 2000

DANIEL SOUTIF:
»Gebt mir ein bisschen Zeit, schnell!«

EIN GESPRÄCH VON HEINZ-NORBERT JOCKS

Daniel Soutif, 1946 in Paris geboren, studierte Philosophie und war von 1972 bis 1993 am Lycée Mansart in St.-Cyr als Lehrer tätig. Ständiger Mitarbeiter der Zeitschrift Jazz Magazine, Kunstkritiker der Zeitschrift Libération und von 1984 bis 1988 Produzent der wöchentlichen Sendung Parigi espresso für Radio Tre (Rai). Er schrieb außerdem für Artforum. Dann, von 1987 bis 1991, Chefredakteur der Cahiers du Musée national d` art moderne, und schließlich, seit März 1993 Direktor der Abteilung für kulturelle Entwicklung am Centre Georges Pompidou, für das er die multidisziplinäre Ausstellung Le temps, vite kuratierte. In seinem Pariser Büro sprach mit ihm Heinz-Norbert Jocks über die Zeit und darüber, wie sie zur Ausstellung wird.

*

Die Fragmentierung der Zeit

Heinz-Norbert Jocks: Was ist die Grundidee Ihrer Ausstellung Le temps, vite im Centre Pompidou?

Daniel Soutif: Zunächst einmal handelt es sich um eine multidisziplinäre Ausstellung sowohl von Kunstwerken als auch von technischen Objekten aus den verschiedensten Epochen. Dabei spielt Musik, da sie ja eine Kunst der Zeit ist, eine nicht unwesentliche Rolle, und so nimmt auch der deutsche, von der IRCAM eingeladene Komponist Heiner Goebbels daran teil. Übrigens war IRCAM sehr stark in die Ausstellungskonzeption involviert. In erster Linie suchten wir für die Ausstellung nach einem Thema, das dem Centre Pompidou erlaubt, an seiner Tradition der großen interdisziplinären Ausstellungen anzuknüpfen. Um die Frage noch einmal anders zu beantworten: Den Anlass für unser Projekt lieferte die zu Jahresbeginn erfolgte Wiedereröffnung unseres Hauses. Wie Sie wissen, hatten wir hier über gut zwei Jahren eine fürchterliche Baustelle. Zwar war der Übergang ins zweite Jahrtausend für uns kein sonderlich signifikanter Anlass, aber es war immerhin ein nicht zu vernachlässigendes Ereignis. Überall auf der Welt reagierte man auf den Zeitenwechsel, und so stießen wir auf die Zeit als Thema. Beim Nachdenken darüber, was sich im Laufe der Zeit in den Beziehungen zwischen den Menschen verändert hat, stellten wir fest, welch großen Einfluss darauf die Beherrschung immer größerer Geschwindigkeiten hat. So kamen wir auf Le temps, vite und somit auf den in mancherlei Hinsicht etwas unverständlichen, aber mit einer gewissen Absicht gewählten Titel. Insofern er bei Duchamp-Kennern Assoziationen weckt, handelt es sich um einen Hinweis mit einem ganz kleinen Augenzwinkern für Liebhaber zeitgenössischer Kunst. Auf der anderen Seite ist klar, dass sich die Menschen in Europa und womöglich auf der ganzen Welt aus ganz konkreten und unterschiedlichen Gründen mit Zeit befassen. So etwa im Hinblick auf die Arbeitszeit und die Frage nach deren Verringerung, die sich heute mehr denn je stellt.

Was beinhaltet Le temps, vite noch?

Auch die Forderung: „Gebt mir ein bisschen Zeit, schnell“. Andererseits verbindet sich damit die meines Erachtens falsche Vorstellung, es gäbe so etwas wie eine Beschleunigung von Zeit. Gewiss, es gibt immer größere Geschwindigkeiten: Da ist die Geschwindigkeit der Informationsübertragung, die viel höher ist als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte. Auch die Transportgeschwindigkeit für Passagiere nimmt beständig zu. So ist es heute möglich, 500 Personen mit einer Fluggeschwindigkeit von annähernd 1000 km/h zu transportieren. Also es gibt bezogen auf Geschwindigkeit ruckartige Veränderungen, die aber mit der Beschleunigung von Zeit nichts zu tun haben. Es macht keinen Sinn, von einer Beschleunigung der Zeit zu sprechen, da diese mit der Definition der Geschwindigkeit zusammenhängt und diese wiederum von der durch die Zeit geteilten Distanz abhängt. Hingegen ist es ein Fakt, dass sich im Verlauf der letzten Jahrzehnte sowohl die Wahrnehmung als auch die Konzeptionen und Darstellungen von Zeit beträchtlich modifiziert haben. Ich glaube, dass die linearen Zeitabläufe, wie sie in der Vergangenheit bestanden, oder die langsamen Kontinuitäten, die sich im Bewusstsein der Menschen festgesetzt haben, heute durch Fragmentierungen ersetzt werden. Man wechselt sehr schnell von der einen in die andere Zeit, wie das Beispiel heutiger Kommunikation belegt. Was geschieht da? Das Telefon klingelt. Einer der Gesprächspartner befindet sich in einem anderen Zeitzusammenhang. Es ist, als zappte man von einer zur anderen Zeit. Nehmen wir das Reisen per Flugzeug: Man startet mit der Pariser Zeit, und sechs Stunden später ist man sich mitten in New Yorker Zeit.

Aber das allein ist nicht Thema der Ausstellung, oder?

Anfangs wollten wir uns vor allem derartigen Phänomenen widmen. Hinzu kamen weitere Überlegungen, da die Geschwindigkeit ja auch den Informationstransfer prägt. So verfügen wir heute über Telefon, Fernsehen, Internet, usw. Gemeint ist aber auch die Geschwindigkeit beim Transport von Menschen. Eine der Geschwindigkeiten, die seit Ursprung großer Zivilisationen am stärksten gesteigert wurden, ist die der Informationsaufzeichnung. Gerade sind Sie dabei, alles, was ich sage, Ihrer Aufnahmetechnik entsprechend aufzunehmen. Wenn wir die Geschichte der Aufzeichnung seit Beginn der Schrift bis zur Erfindung der Festplatte Revue passieren lassen, so haben wir es mit sich beträchtlich verändernden Parametern von in immer kürzerer Zeit gespeicherten Informationen zu tun. In meinen Augen erzeugt das ein erhebliches Zeitproblem, über das nachzudenken die Menschheit wenig Zeit verschwendet. Man speichert quasi immer mehr Zeit. Wenn Sie eine einstündige Tonbandaufzeichnung transkribieren, so benötigen Sie dafür mehr Zeit, als das Gespräch dauerte, weil sie es wieder und wieder abhören müssen. Wiederum werden andere das Gedruckte lesen und damit wieder Zeit zubringen. Kurz und gut, wir speichern immer mehr Zeitmengen, während die normale Lebenszeit eines Menschen in etwa gleich geblieben ist. Somit entsteht ein Paradox.

Über die Frage der subjektiven Dauer

Warum wird Zeit gespeichert?

Keine Ahnung, ob es sich dabei um eine Neurose oder eine Manie handelt; jedenfalls ist es in allen Zivilisationen etwas Zentrales und zugleich eine verwirrende Tatsache. Einen breiten Raum nimmt in unserer Ausstellung das Thema der Zeitspeicherung und der Aufzeichnungsgeschwindigkeit ein. Das betrifft sowohl die Fotografie als auch das Buch. Einerseits Wert auf wissenschaftliche Dimensionen legend, müssen wir andererseits berücksichtigen, dass wir, wenn auch multidisziplinär ausgerichtet, in einer Kultur- und Kunstinstitution arbeiten. Hier, in Paris, gibt es ja noch eine andere Institution, nämlich die Cité des sciences, in der womöglich irgendwann die Zeit aus physikalischer oder kosmologischer Sicht beleuchten wird. Unsere Ausstellungskonzeption beinhaltet also nicht nur, was ich bereits beschrieb, sondern auch Grundsätzliches wie die ersten Vorstellungen von objektiver Zeit, die sich an der Bewegung der Sterne orientiert. Es gibt, um die Kontinuität aufzuzeigen, sowohl Kunstwerke als auch alte Gegenstände, darunter ein prähistorischer Knochen, auf dem vor 30.000 Jahren etwas eingeritzt wurde, das man für die Oberfläche des Mondes hielt, sowie ein Werk von Nam June Paik aus unserer Sammlung, in dem es ebenfalls um die Gestalt des Mondes geht. Dazwischen Werke wie Zeichnungen. Auch Galilei hat im 17. Jahrhundert die Mondgestalten festgehalten. Außerdem werden seltene, wenig bekannte Objekte von Athanasius Kircher ausgestellt sein. Beispielsweise Tische aus einem vergessenen römischen Museum, der Beziehung zwischen Mensch, Himmel und Mond gewidmet. Das ist ein Aspekt. Ein anderer ist die objektive Zeit. Der Frage der subjektiven Dauer gehen wir mit Hilfe von Selbstportraits nach. Seit fünf oder sechs Jahrhunderten ist es eine Konstante in der Kunst des Okzidents, dass Künstler die Wirkung von Zeit auf ihrem eigenen Gesicht sowie auf ihrem Körper zur Darstellung bringen. Wir machen da etwas für Ausstellungen Untypisches. Wir sind zeitgenössisch. Wir versammeln zeitgenössische Selbstportraits von Giuseppe Penone, Andy Warhol, Gordon Matta-Clark, Michael James Snow oder Boltanski. Es ist an der Zeit zu zeigen, wie fundamental die Frage der menschlichen Identität mit der Idee der Zeit verknüpft ist. Wir präsentieren quasi die ganze Vergangenheit des Okzidents am Beispiel des Selbstporträts. Dabei konfrontieren wir zeitgenössische Bildnisse virtuell mit einer Art Parade von Phantomen, nämlich mit Selbstportraits von Dürer über van Gogh bis zu Malewitsch. Wir inszenieren, um es mit einem Wort zu sagen, ein Schauspiel, welches über die Frage der subjektiven Dauer reflektiert.

Was ist an der Zeit so seltsam?

Dass sie sich im Gegensatz zum Raum nie absolut zeigt. Seit der Definition von Augustinus weiß zwar alle Welt, was Zeit ist. Aber wenn man von ihr spricht, gibt es nichts zu zeigen. Ich könnte Augustinus paraphrasieren, wenn er sagt, er wisse zwar, wenn man ihn fragte, was Zeit sei, aber wenn er das auszudrücken hätte, wüsste er nichts zu sagen. Bis auf die historischen ikonographischen Symbole gibt es keine Bilder von Zeit, und es wird sie wohl auch in Zukunft nie geben. Lediglich ganz konventionelle symbolische Darstellungen, aber nichts Sichtbares, wie wir es von der Fotografie kennen.

Was ist außerdem zu sehen?

Da es uns auf das Multidisziplinäre ankommt, kommen auch Zeitmessungs- und jene Geräte zum Zuge, die der Konstituierung von Zeit dienten. Das umfasst die Zeit des alten Ägypten bishin zur Uhr im 16. Jahrhundert. Um den Aspekt der Zeitmessung zu veranschaulichen, suchten wir nach so schönen wie seltenen und bedeutsamen Objekten. Darunter sowohl florentinische Sonnenuhren aus dem 15. als auch eine Uhr aus dem 16. Jahrhundert. Die ganze Ausstellung steht unter dem Emblem eines der ältesten Objekte, nämlich einer ägyptischen Wasseruhr aus der Zeit um 1500 v. Ch., die, normalerweise im Museum in Kairo aufbewahrt, ausnahmsweise nach Europa ausgeliehen wurde. Das Fliessen des Wassers symbolisiert ja wohl recht einfach und offensichtlich das Zerrinnen der Zeit, weshalb unsere Ausstellung auch die Metapher des fließenden Wassers aufgreift. Zahlreiche Werke funktionieren auf die eine oder andere Weise mit Wasser. Auch das Selbstporträt von Alighiero Boetti aus Bronze, auf dem zu sehen ist, wie er sich den Schädel begießt. Und zwar so, dass ein dort platzierter Widerstand das Wasser in Dampf verwandelt. Dieses Werk ist im Grunde eine vollendete Darstellung dessen, was wir zum Ausdruck bringen wollen. Es bezeichnet den Ort des Vorübergehens subjektiver Zeit, welche ja die mentale Sphäre des Menschen ausmacht, und gleichzeitig ist es die Metapher des beständig Fliessenden, das sich im Fliessen auflöst. Solche für unsere Ausstellung wichtigen Werke tauchen in Beziehung zu anderen auf. Hinzufügen will ich noch, dass eine solche Präsentation natürlich nicht in einem klassischen musealen Kontext entstehen konnte. Ich glaube, dass in Zukunft Ausstellungen – und dafür gibt es erste Anzeichen – Reflexionen über die Bedingungen der Präsentation ihrer Objekte enthalten müssen. Vorbei ist die Epoche weißer Wände und der Musealisierung, die systematisch auf Modellen zurückliegender Epochen beruht. Meines Erachtens funktionieren derartige Ausstellungen ein bisschen so wie Bücher, die man projiziert, also wie weiße Seiten mit einem Gegenstand in der Mitte. Wir haben bei der Konzeption der Ausstellung in Begriffen einer Szenografie gedacht. Denn für mich sind Ausstellungen Schauspiele, weshalb wir uns auch an einen Bühnenbildner wandten. Der Schweizer François Confino ist übrigens in Deutschland durch die Expo 2000 in Hannover ziemlich bekannt. Er war dort, bis es zum Bruch kam, der künstlerische Direktor. Mit ihm, der vor einigen Jahren eine sehr erfolgreiche Ausstellung gemacht hat, arbeiten wir schon seit geraumer Zeit zusammen. Unsere Ausstellung berücksichtigt unsere Ausgangshypothese der Schichtung von Zeit, die in gewisser Weise das antike Leben organisiert. Sie versucht auch vom Standpunkt ihrer Organisation dem darin Angesprochenen auf der Ebene der Präsentation zu entsprechen. Ich sprach vorhin vom Informationstransfer per Internet und Telefon. Da heute vieles von der Frage nach Hypertextualisierung durchdrungen ist, verliehen wir der Schau die Dimension einer Hyperausstellung. Es geht nicht mehr um das Modell des Buches, sondern um das Modell des Hypertextes. Alles in allem ist Le temps, vite ein erster Versuch in diese Richtung.

Zwischen den Zeiten springend

Worin besteht der Unterschied zwischen alten und neuen Zeitkonzeptionen?

Von der Philosophie ausgehend, sind die Unterschiede gar nicht so groß. Wenn man von Konzeption im Sinne eines theoretischen Diskurses spricht, so sind keine großartigen Änderungen seit Augustinus bis heute zu konstatieren. Es gibt große zyklische Zeitkonzeptionen, die älter sind als die Theorien griechischer Philosophie, die heute keine Verwendung mehr finden, obwohl die Physik manchmal den Eindruck erweckt hat, sie befasse sich mit zyklischen Zeitvorstellungen. Die jüngsten theoretischen, eher kosmologisch ausgerichteten Entwicklungen der Physik neigen eher in die Richtung einer ewigen Ausdehnung des Universums. Demnach scheint die Idee zyklischer Zeit erledigt zu sein. Trotzdem behaupte ich nicht, die Unterschiede spielten sich auf dem Gebiet der Vorstellung von Zeit ab. Nein, innerhalb der Philosophie zeichnet sich keine außergewöhnliche Entwicklung ab. Wer heute Texte von Aristoteles, Platon und Augustinus über Zeit liest, dem kommt es so vor, als seien sie gerade erst geschrieben. Im Gegensatz dazu hat sich aber unsere Art, die Zeit zu leben, also unsere enge Beziehung zur Zeit, und zwar in aller Welt aufgrund von Technologien stark verändert. Vielleicht ein Beispiel: Im 17. Jahrhundert schaffte das schnellste Transportmittel nicht viel mehr als 2 km/h. Jemand wie Galilei war, wenn er wegen seiner Prozesse von Florenz nach Rom reiste, ungefähr einen Monat unterwegs. Er hatte sowohl einen Bezug zum Raum als auch ein Zeitbewusstsein. Dieses unterscheidet sich zwangsläufig von dem Verhältnis, was der Mensch heute dazu hat, wenn er um 13 Uhr in Paris in eine 747 steigt, um acht Stunden später in New York anzukommen. Damals bewegte man sich fortlaufend in ganz dicht nebeneinander verlaufenden Zeitverhältnissen, während man heute, um Informationen auszutauschen, zwischen sehr weit entfernten Zeitlichkeiten hin- und herspringt, manchmal innerhalb von wenigen Sekunden mit Hilfe modernster Kommunikationsmittel. Für den physischen Transport unserer Körper benötigt man hingegen einige Stunden. Das hat der Grund, weshalb wir ein eher fragmentarisches Verhältnis zur Zeit haben. In gewisser Weise reisen wir in der Zeit, aber nicht wie im Science-Fiction, wo es möglich ist, in der Zeit vor- und zurückzugehen. Wenn man beim Reisen in Betracht zieht, dass jeder Ort sein Zeitverhältnis hat, so ist die Zeit von New York eben eine andere als die von Berlin oder Paris, in der die Leute leben und sich bewegen. Das ist ein bisschen so wie das Zappen vor dem TV, das ja auch eine Zeitmaschine ist. So kann es passieren, dass Sie gerade beim Essen sind und sich im Zeitverhältnis ihrer kleinen Familie in einem kleinen Ort bei Paris befinden, und dann sehen Sie ein aus St. Denis übertragenes Fußballspiel und finden sich auf einmal im großen Stadion wieder, also nicht allzu weit weg von Ihrer Wohnung. Das nächste Bild versetzt Sie nach Melbourne, und so reisen Sie in völlig simultanen Zeitverhältnissen. Diese Veränderungen wirken sich doch erheblich auf das menschliche Bewusstsein aus. Was sich ebenfalls beträchtlich verändert hat – und das mag ein Fortschritt sein –, ist die Einprägung immer genauerer Zeitmasse im menschlichen Geist. Bis zum Auftauchen mechanischer Uhren war die Zeitmessung sehr ungenau. Im Mittelalter war die Wahrnehmung einer Stunde gar nicht möglich, und es ist nicht einmal sicher, ob die Menschen in der Lage waren, die Tage zu registrieren. Sie wissen, dass man beim Übergang vom julianischen zum gregorianischen Kalender ungefähr 14 oder gar 15 Tage unterschlagen hat. In gewisser Weise war der Kalenderwechsel eine administrative Entscheidung, die keine außergewöhnliche gesellschaftliche Umwälzung provozierte. Stellen Sie sich einmal vor, was in unserer heutigen Zivilisation geschähe, würde man mit einem Schlag 14 Tage überspringen. Das ganze System bräche zusammen. Eine solche Umstellung wäre analog zu dem Problem, das sich mit dem 2000-Jahr-Virus verbindet. Weder Banken noch Züge oder Flugzeuge, nichts würde mehr funktionieren. Das liegt daran, dass wir heute in einer durch Techniken vollregulierten Zeit leben. Wir unterliegen Techniken, die ihrerseits von den Techniken zur perfekten Zeitsynchronisierung abhängig sind. Trotzdem glaube ich, dass Augustinus, wenn er in unsere Gesellschaft käme, an den Passagen, die er über Zeit schrieb, nichts zu korrigieren hätte, da sie absolut grundlegend sind. Was ihn vermutlich in Erstaunen versetzte, wäre, dass die gesamte Sozialstruktur dem Diktat der Uhren folgt. Man kann sagen, dass man den Raum mittels der Zeit denkt. Das trifft für die Physiker zu, für die der Raum eine Funktion der Zeit geworden ist. Wir durchschreiten heute den Raum längst nicht mehr wie Galilei auf seinem langen und viel Zeit in Anspruch nehmenden Weg von Florenz nach Rom. Heute haben wir es mit beinahe augenblicklichen Übersetzungen von einem Ort zum andern zu tun. Anders ausgedrückt, wir organisieren mittels Terminkalender unsere Zeit viel stärker als unsere Beziehung zum Raum. Bis es dazu kam, vergingen mehrere Jahrhunderte. Für die Physiker steht nunmehr fest, dass die Basiseinheit die Zeiteinheit ist, weshalb sie auch anstreben, alle anderen Einheiten auf die Zeiteinheit zurückzuführen. Die Raumeinheit, der Meter, ist bereits eine Funktion der Zeiteinheit. Ein Meter ist demnach die vom Licht im leeren Raum im Bruchteil einer Sekunde durchlaufene Entfernung.

Vom Mars zur Erde

Laut Virilio verschwinden die Übergänge zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit der Geschwindigkeit via Telekommunikation.

Das glaube ich aus verschiedenen Gründen überhaupt nicht. Zunächst, weil die Telekommunikation den elementaren Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht symbolisiert. Außerdem sollte man nicht zu sehr über das phantasieren, worüber wir sprechen. Über die sogenannte Realzeit, mit der sich Virilio beschäftigt, darf man sich keine Illusionen machen. Im strikten Sinne gibt es sie gar nicht. Das heißt, die augenblickliche Kommunikation von was auch immer existiert nicht. Es gibt immer eine Zeit, die trennt. Für den Transport von Information ist stets eine Zeit notwendig, weil sie nicht schneller ist als die Lichtgeschwindigkeit, die 300.000 Km pro Sekunde beträgt, und wenn man die Illusion einer Realzeit hat, so rührt das daher, das wir es mit sehr kleinen Entfernungen zu tun haben. Auf der Oberfläche unseres Planeten haben wir es grundsätzlich mit ganz kleinen Entfernungen im Verhältnis zu 300.000 Km in der Sekunde zu tun. Nun, wenn wir wie jetzt miteinander sprechen, so werden die Informationen mittels Schallgeschwindigkeit übertragen, also 300 m/sec. Das ist nicht sonderlich schnell, aber da wir ganz nahe beieinander sitzen, ist der Zeitbruchteil, der die Aussendung einer Aussage durch mich und deren Empfang durch Sie trennt, völlig zu vernachlässigen. Wenn Sie mich in Paris von Düsseldorf aus anrufen, verhält es sich genauso, denn das Telefon funktioniert mit 300.000 Km/sec. Wir befinden uns folglich in einer Illusion von Realzeit. Nehmen wir größere Distanzen: Wenn man eine Maschine auf den Mars schickt, vergrößert sich die Distanz ziemlich, was dazu führt, dass ein sich mit einer Geschwindigkeit von 300.000 km/sec. bewegendes Signal ca. acht Minuten benötigt, um von hier zum Mars zu gelangen. Das ist ein Durchschnittswert, denn die relative Position ist variabel. Das hat zur Folge, dass sich ein Objekt nicht fernsteuern lässt, weil der Hin- und Rückweg 16 Minuten beträgt. Was man machen kann, ist, ein Objekt zu programmieren, um sein Programm weiter zu modifizieren. Aber eine Realzeit ist nicht mehr gegeben, denn sie ist keine Zeit des Universums, sondern zwangsläufig eine lokale. Deshalb glaube ich, dass sich Virilio bezüglich der Realzeit einer ziemlich großen Illusion hingibt. Denn sie ist nichts anderes als eine lokale Illusion mit diversen Auswirkungen. So hat sich auch die Vorstellung von Gleichzeitigkeit gewandelt. Um herauszukriegen, ob zwei Ereignisse gleichzeitig sind, muss man die Information zwischen zwei Punkten auf den Weg schicken. Wenn dazu zwei Tage mit dem Pferd erforderlich sind, besteht die Gleichzeitigkeit aus allem, was sich in den vier Tagen abspielt, die für Hin- und Rückweg nötig sind. Wenn man eine hunderstel Sekunde benötigt, vollzieht sich die Gleichzeitigkeit in einem wesentlich kürzeren Zeitabschnitt. Daraus folgere ich erstens, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in planetärer Größenordnung universell geworden sind, und zweitens, dass es keine unbestimmten, an die Gleichzeitigkeit gebundene Zeitabschnitte mehr gibt. Die Tatsache, dass man im 18. und 19. Jahrhundert vielleicht vier Tage benötigte, um Informationen zu übermitteln, führte dazu, dass die Geschichte, also Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, unschärfer war, wenn man eine Beziehung zwischen mehreren Orten herstellen wollte. Das gibt es heute nicht mehr. Mit dem, wie ich denke, bin ich sehr weit weg von Virilio. In Frankreich gibt es zwei apokalyptische Denker. Sowohl Virilio als auch Baudrillard, deren Leistung ich gar nicht schmälern will, haben aufgehört, an das Reale zu glauben. Sie gehen davon aus, dass die Entwicklung der Technologie und der Kultur die Auflösung der Realität bewirkt. Baudrillard denkt, dass alles ein Simulacrum ist, und Virilio, dass alles zu schnell geht. Ich glaube hingegen, dass es das Reale immer geben wird, eine sehr komplexe Entität und mit Sicherheit eine Funktion der Art und Weise ist, wie man denkt und konstruiert. Aber ich glaube nicht, dass es erhebliche Unterschiede zwischen der unsrigen und der Situation im alten Griechenland bezüglich des Realen bestehen.

Versteht sich die Ausstellung als Beschreibung oder als Kritik an dem Phänomen der schnellen Zeit?

Nein, es gibt keine kritische Dimension außer bei der Frage nach der Arbeitszeit. Ich teile beispielsweise Virilios negative Sicht der Geschwindigkeit, also seine Besorgnis hinsichtlich der Auswirkungen der allgemeinen Nutzung der beinahe augenblicklichen Kommunikation auf unserem Planeten überhaupt nicht. Ich finde, er überzeichnet diese Dinge. Kennen Sie Pierre Lévy? Er und Virilio ergänzen sich gegenseitig. Sie sind im Grunde dazu bestimmt, miteinander im Dialog zu stehen. Pierre Lévy, den wir bereits des öfteren ins Centre Pompidou eingeladen haben, ist der Auffassung, das Internet werde alle Probleme der Menschheit lösen, während Virilio davon ausgeht, dass das Internet und die allgemein nutzbare Kommunikation zwangsläufig in eine Apokalypse mündet und zur Auflösung des Realen führt Ich, gewiss kein enthusiastischer Internetfan, glaube nichts davon. Wenn Lévy und Virilio ihre Ansichten vertreten, so bin ich immer ganz perplex. Ich persönlich neige zu der Ansicht, dass die Menschheit sich immer als Herrscherin über ihre Techniken behaupten wird. Meines Erachtens bleiben die damit verknüpften Fragen letztlich immer politische. Es gibt nie eine innere technische Notwendigkeit, die bewirkt, dass die Dinge schlecht laufen, weil die Technik unvermeidbar zu schlechten Dingen führt. Die Dinge sind stets das, was der Mensch, also die Politik daraus macht. Das Problem, wie ich es sehe, ist, dass das Denken von Virilio und Lévy eine Art Verweigerung der politischen Dimension darstellt. Wenn nun eine kritische Dimension in unserer Ausstellung sichtbar wird, so bezieht sie sich auf die Frage der Arbeitszeit. Ich meine, dass die Frage der Arbeit für die Menschheit eine der schwierigsten überhaupt bleibt. Sie ist und bleibt noch für viele Menschen eine Zeit der Erniedrigung und Unterdrückung. Um das zu verdeutlichen, zeigen wir u.a. Arbeiten von Andreas Gurski, der das Arbeitsumfeld des Menschen fotografiert hat. Das ist vielleicht das Stärkste, was sich im Bild über Arbeitszeit aussagen lässt. Denn wenn man diesen völlig geometrisch gestalteten Raum vor sich hat, so versteht man, was Arbeitszeit bedeutet. Von denen, die aus der Becher Schule hervorgegangen sind, ist Gurski wohl der Interessanteste. Keine Ahnung, ob das, was er uns zeigt, von ihm beabsichtigt ist. Vielleicht liegen seinen Bilder über die Struktur von Arbeitsräumen keine sonderlich tiefgehenden Gedanken zugrunde, aber trotzdem.

Die Entfremdung der Freizeit

Zurück zu den Begriffen Arbeit und Freizeit, bitte!

Das sind Begriffe, die widersprüchliche Realitäten abdecken. Die Arbeit kann sowohl die fürchterlichste Form des Leidens und der Entfremdung als auch der stärkste Ausdruck von Freiheit sein. Ein Beispiel dafür ist die Arbeit der Künstler im Unterschied zur entfremdeten Arbeit in der Industrie. Beim Industriearbeiter konzentriert sich alles auf eine Bewegungsrationalisierung. Im Gegensatz dazu ist die Arbeit des Künstlers – und das ist etwas, was man bei Velázquez sieht – eigentlich ein Moment des Innehaltens. Der Moment, den er zeigt, wenn er die Menins malt, ist der, wo alles innehält. Er tut nichts, sondern betrachtet. Picasso malt die Menins mehrere Jahrhunderte später noch einmal. Auch die Freizeit ist entweder Horror oder absolute Freiheit. In unserer Ausstellung haben wir eine zweifache Evozierung dieser Dinge. Bezogen auf das Thema der Freizeit, hätten wir auch Fotos von Gurski nehmen können, der ja Leute im Schwimmbad oder beim Wintersport fotografiert hat. Wir haben es aber aus Gründen der Abwechslung vorgezogen, auf die Fotos des italienischen Fotografen Massimo Vitali zurückzugreifen. Er hat italienische Strände so fotografiert, dass es zu einer schrecklichen Darstellung von Freizeit kommt. Außerdem zeigen wir eine große, vom Stedelijk Museum ausgeliehene Installation von Edward Kienholz mit Menschen in einer Bar, die alle eine Uhr an Stelle des Gesichts tragen. Das alles ist eine Evokation entfremdeter Freizeit. Um den Aspekt noch mehr zu verdeutlichen, greifen wir auf ein musikalisches Werk zurück, das alle Welt kennt, nämlich die vier Minuten und 33 Sekunden dauernde Stille von John Cage. Er wählt einen Zeitraum, den er derart definiert, dass nichts geschieht, so dass dieser Zeitraum der Subjektivität zur Verfügung steht. So gesehen ist das Werk von John Cage Ausdruck absoluter Freizeit. Soweit einige Überlegungen zum Thema.

Warum sparen Sie an Kritik?

Bei allem, was wir zur Sprache bringen, hielten wir es nicht für nötig, kritisch zu sein. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Techniken üblich geworden sind. Sie sind einfach da. Alle Welt benutzt sie, einschließlich jene, die sie kritisieren. Nun ist die Philosophie von Heidegger, der ein großer Denker der technischen Apokalypse ist, ein Denktypus, den ich wirklich nicht besonders schätze. Seine Kritik an der Technik wurde ja in Frankreich stark rezipiert. Wenn man die menschlichen Techniken kritisiert, so erscheint mir das stets als politische Stellungnahme.

Vermutlich bestehen gewisse Unterschiede zwischen Medien wie Musik, Kunst, Literatur oder Philosophie in der Darstellung von Zeit.

Das ist wahr. Die Musik ist wohl die Disziplin, die wie die Kunst eine enge Beziehung zur Zeit unterhält. Aber das Problem des Musikers ist ein anderes als das des bildenden Künstlers. Dem Betrachter wird im Bezug zur Zeit eben nicht in der selben Weise Raum gegeben. Künste wie Film oder Video kombinieren die Charakteristika von Musik und Kunst. Aber innerhalb einer Ausstellung ist es schwierig, mit den Unterschieden zu operieren. Man kann der Musik in einer solchen Ausstellung keine zu großen Zeiträume zur Verfügung stellen, auf die sie eigentlich Anspruch hat. Um das Stück von John Cage aufzuführen, werden wir deshalb einen die Bedingungen eines Konzertes erfüllenden Raum schaffen und die Besucher bitten, dort vier Minuten und 33 Sekunden Platz zu nehmen. Andere Werke werden hingegen auszugsweise behandelt. So werden die Besucher das Werk von György Ligeti für 100 Metronome nicht vollständig hören. Das liegt einfach daran, dass man beim Konzipieren einer Ausstellung die Öffnungszeiten zu berücksichtigen hat. Wenn ein Besucher durchschnittlich anderthalb Stunden in der Ausstellung zubringt, so ist das schon eine ganze Menge. Ich persönlich bin immer sehr frustriert, wenn ich mir Dinge entgehen lassen muss. So wird Heiner Goebbels Überlegungen darüber anstellen, wenn er jede Viertelstunde ein Klangereignis erzeugt, das sich durch die ganze Ausstellung als eine ferne Erinnerung an die Zeit zieht, als die Glockentürme in den Dörfern noch jede Viertelstunde angaben.

Eine andere, vielleicht letzte Frage: Was hat sich für den Menschen bezüglich seiner Subjektivität durch die schnelle Zeit geändert?

Ich werde mich nicht zu einer Definition des Menschen versteigen. Jeder spürt in seiner Subjektivität, was sich in der technisch-sozialen, technisch-wissenschaftlichen Beherrschung von Zeit verändert hat. Jeder unterliegt diesem Prozess. Ich weiß, dass ich in einer Stunde einen Termin habe. Auch das hat mit meiner Subjektivität zu tun. Denn die Uhr, die ich an meinem Handgelenk trage, gehört zu den Gegenständen, die ich ständig konsultiere. Das betrifft jeden.

Führte die Vorbereitung der Ausstellung dazu, dass Sie über sich selbst und Ihren Umgang mit Zeit reflektieren?

Gewiss reflektiere ich über mich selbst. In die Konzeption geht meine wenn auch nicht sehr originelle Zeiterfahrung ein. Nun bin ich 52 Jahren alt, und im Laufe meines Lebens hat sich – wie sollte es auch anders sein – mein Bezug zur Zeit gewandelt. Aber sie unterscheidet sich wohl nicht sehr von anderen, die wie ich in einer Stadt wie Paris 50 Jahre alt geworden sind. Alles, was wir tun, geht immer auch auf unsere individuelle Erfahrung zurück, und so gehe ich davon aus, dass sich jeder in der Ausstellung wiederfindet. Das Interessante muss teilbar sein.

von Heinz-Norbert Jocks

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