Titel: Zeit · Existenz · Kunst · von Heinz-Norbert Jocks · S. 236
Titel: Zeit · Existenz · Kunst , 2000

GEORG BASELITZ

Mit Rauschenbergs Lachen durch Raum und Zeit

EIN GESPRÄCH VON HEINZ-NORBERT JOCKS

Was das Werk von Georg Baselitz, der 1938 im sächsischen Deutschbaselitz als Hans-Georg Kern zur Welt kam, mit Zeit zu tun hat, wo es doch nie und nimmer Zeit thematisiert, ja geradezu vermeidet, sie sichtbar werden zu lassen, ist eine berechtigte Frage. Gleichwohl hat man es mit einem Ringen um Bedeutung über den Tag hinaus zu tun, und das wiederum zeigt, dass Malen in seinem Fall nichts anderes als einen Versuch darstellt, „die Zeit totzuschlagen“. Davon redet denn auch Baselitz unaufhörlich in diesem Gespräch, aber auch darüber, was die Zeit mit ihm selbst macht und in welchem Verhältnis er zu ihr existenziell steht. Mit ihm sprach Heinz-Norbert Jocks auf Schloss Derneburg, einer besonderen Art Festung gegen die Zeit.

Die Furcht, in meiner Zeit zu sein

Heinz-Norbert Jocks: In welchem Verhältnis steht Kunst zur Zeit?

Georg Baselitz: In einem schwierigen. Bei der Frage denke ich immer an Zeitkunst oder Zeitgeist, und den fürchte ich. Es gibt zwar rückblickend interessante Ausstellungen wie Zeitgeist. Aber ob dort Zeitgeist wirklich als Geist auftauchte, bezweifle ich, weil ein Großteil der Künstler, die daran teilnahmen, immer noch, und zwar unabhängig von der Zeit, als Künstlerpersönlichkeiten arbeitet. Tauchen Kunst und Zeit im Zusammenhang auf, so fällt mir dazu stets die Identifizierbarkeit von Kunst als Zeiterscheinung ein. Dort, wo wir es mit einem Stil zu tun haben, deckt er unabhängig von einzelnen Künstlern eine Zeit ab, sagen wir mal die 20er, 30er, 40er oder 50er Jahre. Während ein Künstler arbeitet, hat er weder ein Gefühl für die Zeit, in der er arbeitet, noch einen Sinn für deren Ästhetik und deren Formulierungen. Merkwürdigerweise stimmt es nicht, dass herausragende Künstler zeitprägend sind. Vielmehr wird die Zeit durch eine ihr zugehörige Energie bestimmt. Der Einzelkünstler agiert in seiner Zeit mehr wie ein Außenseiter, und das ist das eigentlich Interessante daran. Da auch ich ein solcher sein möchte, fürchte ich, in meiner Zeit zu Hause zu sein. Diese tut nichts anderes, als zu ihren Bedingungen aus der Gesellschaft ein Ornament oder eine Ästhetik zu filtern. Als ich 1960 zu malen begann, war mir nicht bewusst, dass auch diese Zeit einen Stil wie Jugendstil oder Art Deco prägen werde. Heute wissen wir, dass die 60er ebenso wie die 70er oder 80er Jahre zeitbildbestimmend waren. In einem Zwanzig-Jahres-Rhythmus ist so ein Rückblick möglich. Nun passe ich nicht unbedingt in ein Zeitschema. Klar habe ich dies und das aufgenommen, und ich bin mir auch sicher, dass meinen Sachen aus der Distanz anzusehen ist, dass sie von einem Deutschen zu einer bestimmten Zeit geschaffen wurden; und vielleicht ist ihnen auch noch anzumerken, aus welchem Teil Deutschlands ich komme. So wird die Zeit eingefangen.

Was heißt für Sie, Zeit haben?

Ich rede lieber darüber, wie es einem als Künstler gelingt, die Zeit totzuschlagen, wie man sie übergeht oder überwindet.

Sie reden jetzt von der Dauer als Ziel.

Mich reizt, wie man Ewigkeit erlangt. Natürlich ist das ein bisschen albern ausgedrückt. Aber es geht um so etwas, und ich fürchte das Ornament, welches eine Zeit über sich selbst wirft. Es ist etwas, was sich in der Kunst im Gewerbe ausdrückt. Daraus kann man Kaffee trinken; darauf kann man sitzen und darin kann man wohnen. Aber Bilder oder Skulpturen haben nichts davon; sie besitzen ihre eigene Potenz.

Haben Sie sich mit dem Begriff der Dauer befasst?

Nein, noch nie. Aber in einem Museum oder in der Kunstgeschichte stoßen Sie darauf, was von Dauer ist und was diese ausmacht. Nehmen Sie die Frisur von Bertolt Brecht, sein nach vorn gestrichene Haar, sie wurde von Intellektuellen oder Studenten seiner Zeit Ende der 40er Jahre getragen. Nur fand diese Frisur keinen großen Anklang. Nur ganz wenige, eben eine Handvoll Intellektuelle lief so herum. Keine Ahnung, wie unser jetziger Innenminister Schily zu dieser Frisur kam, ob er Bertolt Brecht verehrt. Immer wenn die Zeit, die das hervorbrachte, vergangen ist, werden solche Schnörkel bizarr, verkommen zu einer Allüre, besser noch zu einem fremden Ornament, einem ganz komischen, nicht mehr allgemeingültigen, auch unverständlichen Ding.

Ist Ihr kurzes Haar kein Insiderstil?

An meinem Aussehen hat sich seit fast vierzig Jahren nichts geändert. Ich trage meine Haare seit langem abgeschoren und früher in Verbindung mit einem mit der Zeit immer kürzer gewordenen Bart. Jetzt ist er ganz ab. Auf Fußballplätzen oder in Städten sieht man viele mit kurzgeschorenem Haar. Jetzt, da viel älter geworden, muss ich, um aus der Zeit zu flüchten, an meinem Äußeren nichts mehr korrigieren. Das Alter lässt mich eh haarlos erscheinen; aber das ist etwas anderes.

Erwünschten Sie sich bereits als Kind den Fall aus der Zeit?

Ja, nur weiß ich nicht, inwieweit mir das so bewusst war. Aber gemacht habe ich es jedenfalls, wobei es dazu einer gewissen Anstrengung bedarf. Sobald Sie sich anders als andere kleiden oder anders frisieren, ziehen Sie die Aufmerksamkeit auf sich und müssen mit deren Unwillen rechnen. So hatte ich als Student in Berlin, nur weil ich anders aussah, zu fürchten, ein paar hinter die Löffel zu bekommen. Aber das setzte ich trotzdem durch, weil ich mich äußerlich von der Masse absetzen wollte.

Was verbinden Sie mit Ihrem Aus-der-Zeit-Sein und mit Ihrer Selbstverewigung per Kunst?

Schieben wir die Idee, Ewigkeit zu erlangen, einmal beiseite, denn das kann man als Künstler nur ganz schwer darstellen. Ein Schreiner kann Stühle oder Tische bauen, die lange halten, und auch in der Plattenindustrie ist pausenloses Reproduzieren möglich. Aber in der Kunst ist das ganz schwierig. Wenn Sie Begriffe wie Wahrheit, Endgültigkeit oder Ehrlichkeit zu Ihrer Prämisse machen, können nur Sie überprüfen, ob Sie die hohen, selbstgesteckten Erwartungen erfüllen. Das ist nichts, was Sie einem anderen zur Prüfung überlassen können. Das ist unprüfbar. Wenn Sie als Künstler ein Werk der Öffentlichkeit präsentieren, merken Sie an den Reaktionen nicht nur, wie es aufgenommen wird, sondern auch, wo Sie sich befinden, weil Sie mitbekommen, wie andere Künstler rezipiert werden. Insofern haben Sie einen ganz guten Vergleichspunkt.

Glauben Sie, dass eine ablehnende Mehrheit ein Indiz dafür ist, dass die Kunst aus ihrer Zeit herausfällt?

Ja, aber Sie müssen davon ausgehen, dass Künstler, und übrigens auch ich, stets so etwas wie Fortschritt propagieren, obwohl jeder weiß, dass es das nicht gibt. Diese Erneuerung, zumindest Veränderung heißt modern, und die Moderne schleppen wir schon seit dem ersten Papst mit uns herum. Jede Zeit nennt sich avantgardistisch. Ob Moderne oder Postmoderne, das sind wie Zeit übergeordnete Begriffe und nicht mit dem Stil in Verbindung zu bringen. Das Bestreben aller ist, aus der Zeit herauszukommen, ihr vorweg zu sein oder visionär in die Zukunft zu sehen. Das liegt daran, dass der Kunst ein progressiver Geist innewohnt, der, statt nur das Talent zu erproben, sich von dem absetzt, was er kennt, und sich fragt, was das wohl sein mag. Der Künstler hat keinen festen Boden unter den Füßen. Sein einziger Haltepunkt ist der, dass er sich umschaut, Informationen von rechts bis links innerhalb der Kunst aufgreift, um sie in die eigene Arbeit einfließen zu lassen. Das birgt die größte Gefahr, die es überhaupt gibt. Statt davon auszugehen, die Zeit voranzutreiben, muss jeder einzelne sich selbst auf unvergleichliche Weise realisieren, und das steht in Verbindung mit Fortschritt, der sich nie wiederholt.

Gerät der Künstler dabei nicht unter Zeitdruck?

Ob, das hängt mehr von seinem Charakter als vom generellen Fortschrittszwang ab. Man kann das sowohl langsam als auch konstruktiv, konzeptionell oder via Trance-Zustand angehen. Selbstverständlich hat jede Zeit ihre Regeln. Während meiner Studienzeit gab es die Regel des von den Surrealisten erfundenen und auch von meinem Lehrer Hann Trier, der Figuren und Zeichen via Unterbewusstsein entstehen ließ, ausgeübten Automatismus. Lesbar ist, was dabei auftaucht, erst im Nachhinein.

Entfliehen Sie der Zeit langsam oder schnell?

Ich würde es nie mit so philosophischen, fast religiösen oder ethischen Begriffen wie Schnelligkeit, Langsamkeit, Bedächtig- oder Verantwortlichkeit umschreiben. Früher besaß ich eine viel stärkere Neugierde, die hinausdrängte, um zu erfassen, was in der Zeit war. Im Gegensatz dazu sind meine heutigen Kontakte mit der Außenwelt doch recht reduziert. Das Interesse daran ist einfach nicht mehr da, und zwar nicht aus Faulheit oder Müdigkeit. Nein, meine Neugierde hat sich anderswohin verlagert. Zudem weiß ich, dass jedes Voraussehen und Vorausahnen spekulativer Natur sind. Derartige Spekulationen führen zu nichts. Besser ist, man analysiert unmittelbar, was man gemacht hat. In der Kunstgeschichte danach Ausschau zu halten, was brauchbar ist, das ist zuverlässiger als sämtliche Schlüssellochspekulationen.

Ist Stil so etwas wie die Strukturierung von Zeit auf ästhetischer Ebene?

Das ist, was ich vorhin sagte.

Demnach taucht, wer einen Stil kreiert, in die Zeit ein, statt aus ihr heraus, oder?

Es gibt welche, die meinen, das jetzige Chaos sei so groß, dass kein rechter Überblick mehr möglich sei. Sie gehen von einem der Stillosigkeit zugrundeliegenden Chaos aus. Aber das ist ein großer Irrtum. Wenn man tief im Sessel irgendwo, also übersichtslos sitzt, mag das einem so erscheinen. Aber aufrechtstehend, verfügt man über einen Überblick, der zeigt, dass es in der Jetztzeit nur wenige Beispiele, Experimente oder Ergebnisse gibt. Der Eindruck, wir seien einem unüberschaubaren Chaos ausgesetzt, rührt daher, dass noch vieles aus der Vergangenheit parallel dazu existiert. Viele Künstler arbeiten nach Modellen von gestern, womit ich jetzt weder das Malen auf Leinwand, noch das Arbeiten in Bronze oder das Benutzen von Zeichenpapier, sondern das Zeichnen wie Ingres, Michelangelo, Raffael, Picasso oder Matisse meine. Diese immer noch kursierenden Modelle sind die Voraussetzung für alles Zeichnen. Wenn Sie Zeichnungen von Beuys neben denen von Picasso oder Raffael halten, so stellen Sie zwar Veränderungen und Abweichungen, aber auch fest, dass diese von demselben Modell und von einer vergleichbaren Ästhetik ausgehen. Sie verschieben sich nur, verbeulen mal dieses, mal jenes. Soweit ist das okay. Wenn Sie anfangen, in dem Stück Papier mit Bleistift rumzubohren, Löcher reinzustoßen, reinzuschlitzen oder da etwas herauszubrennen, überschreiten Sie die Grenzen der Bildnerei. Sie liefern Zeugnisse, die zwar in der Philosophie und der Existenz zuhause sind, aber mit der Abstraktion, mit der ein Künstler normalerweise arbeitet nichts mehr zu tun haben. So behaupteten die Vertreter des Informells, es sei mit dem Formulierbaren auf dem Bild zu Ende. Nehmen Sie da nur Lucio Fon tana. Er ist ein Paradebeispiel. Fast alle damaligen Formulierungen, die keine besondere Qualität besitzen, reduzieren ihre Erscheinungen weitgehend auf den damaligen Zeitstil mit deren üblicher Erscheinungsform. Beim Mondrian der 30er oder 40er Jahre oder bei Rietveld mit dem Stuhl, da hat der Zeitgeist unmittelbar auf die Bilder eingegriffen. Das ist interessant, aber nicht fortsetzbar und deshalb auch kein Beispiel für die Ewigkeit. Im Moment des Machens ist das Limit bereits erreicht.

Der Zeitgeist ist ein Zeitgespenst

Wie gehen Sie vor, wenn Sie Werke anderer vor Ihrer Zeit für sich rezipieren? Versuchen Sie da, den Charme des Zeitlosen zu entdecken?

Ja, am besten gelingt das bei der Betrachtung von Karikaturen aus der Zeit. Nehmen Sie Courbet, Monet oder van Gogh, aus deren Zeit gibt es eine Reihe von Karikaturen, die die damalige Rezeption belegen. Auch damals gab es den Zeitgeist einer herrschenden Malerei. Im Vergleich kristallisiert sich heraus, inwieweit die Künstler dem widersprachen, indem sie sich weit aus dem Fenster ihrer Zeit herauslehnten. Sobald sie weder Zeitgeist noch Zeitstil beanspruchen, bringen sie sich insofern in eine gesellschaftlich unbequeme, schwer aushaltbare Situation, als sie sich im Widerspruch zur Gesellschaft behaupten müssen. Die will in ihrer Sehnsucht nach Ruhe Neues weder hören noch sehen, sondern sich mit dem abfinden, was ist. Sie vermeidet in der Regel jede Aufregung. Nur der Künstler ist zu Recht der Ansicht, seine Existenz ausschöpfen und ausfüllen zu müssen, weil er die geschichtlichen Beispiele der Erneuerung kennt, und das ist sein Zwiespalt.

In welchem Verhältnis sehen Sie Ihr eigenes Werk zur Zeit, rückblickend von den Anfängen bis heute?

Das kann man ja bei einem fast vierzig Jahre umfassenden Werk ganz gut überblicken. Einer Ausstellung, einsetzend mit Bildern von 1965, sind die Gründe für die Aufregung ganz genau und zudem auch ablesbar, warum die Kritik mich nicht gerade höflich behandelt hat. Inzwischen hat sich, was ich gemacht habe, fortgesetzt und in einer ganz bestimmten, auch isolierten Weise manifestiert. Der Raum drumherum ist nicht besonders groß, und es gibt keine Schule. Soll heißen, was ich schuf, ist nicht schulbildend gewesen. Ob das gut oder schlecht ist, ist mein Problem. Hingegen gibt es reichlich Künstler, die Schulen begründeten und dementsprechend Nachfolger haben. Gelegentlich, wenn ich mich im kleinen Kreis mit Künstlerkollegen darüber unterhalte, ärgere ich Jörg Immendorff mit dem Hinweis auf seine Epigonen in Amerika, und er konterte mit einem Wink auf meine in China. Das ist natürlich kokett gemeint, denn es ist ja sehr isoliert. Weder Pop-art noch Tachismus oder Fotorealismus haben ihren Niederschlag gefunden.

Was machen die Zeitströme aus? Wozu sind sie da?

Nun, wozu sie da sind, weiß ich nicht. Ich habe es anfangs zu erklären versucht. Man spricht von Zeitgeist, und Geist ist ja nicht unbedingt ein intellektueller Vorgang oder etwas im Kopf Ablaufendes, also Geistvolles. Nein, Geist kann auch eine Erscheinung, besser noch eine Geistererscheinung oder so etwas wie ein Gespenst sein. So gesehen, wäre Zeitgespenst der passendere Ausdruck. Wer seine Ruhe, Verständnis für alle Vorkommnisse und den Schlüssel zur Zeit will, geht am besten mit dem Zeitgespenst um. Das Schwierigste daran ist das Zeitlimit, also das Zerfallsdatum. Sie können schlecht von einer Zeit in die nächste, von Epoche zu Epoche springen. Der deutsche, sehr alt gewordene Maler Christian Rohlfs hat ein Werk hinterlassen, dessen Stil sich so oft gewandelt hat, dass sich seine Werke wenig berühren. Sie wirken, als stammten sie von mehreren Malern. Eigenartig ist, dass es bei ihm nichts Herausragendes, also nichts Einzelnes gibt. Zwar ist er als Künstlerpersönlichkeit in den jeweiligen Perioden seines Werks identifizierbar, aber darin eben nicht frei von der Zeit. Gewiss, er ist ein tiefer Künstler, und es wäre unangemessen, ihm zu unterstellen, nicht tief genug zu sein. Aber seinen Werken haftet ähnlich wie den Automodellen an, was für die Zeit steht. Bei Kirchner, bei dem es nur einen einzigen großen, nämlich am Ende seines Lebens durch die Begegnung mit Picasso provozierten Bruch gibt, ist das, vielleicht weil er nicht so alt geworden ist, weniger der Fall. Nur hatte diese Veränderung weniger mit dem Aufgehen in der Zeit als mit dem Einfluss eines anderen zu tun. Solche Beobachtungen lassen sich machen. Noch leichter ist das bei namenlosen Künstlern aus weit zurückliegender Vergangenheit zu erkennen. Da lässt sich wunderbar die Herkunft und zudem bestimmen, ob das ein Italiener, ein Franzose oder ein Deutscher, Manierismus oder Ende der Renaissance ist. Sogar die Gegend, ob er nun aus Venedig oder der Toskana kommt, ist den Werken auf Anhieb entnehmbar, wobei das mit großer Qualität nichts zu tun hat. Zeitgeist hat eine ganz bestimmte Solidität. Der Vortrag der Zeit, der ist perfekt.

Jetzt haben Sie sich mit Manierismus relativ viel beschäftigt, oder?

Na, soviel nicht. Jedoch hatte ich 1965 ein Stipendium in Florenz. An der Schule bei uns wurde ja mehr Klassik als Manierismus gelehrt, weil dieser eine zerbrochene, eher kurze Zeit, eine Zwischenzeit zwischen Renaissance und Barock darstellt, mit eigenartigen Künstlern und keineswegs breiten, also sehr speziellen und bizarren, nur zur Ausschmückung der Paläste verwendeten Formulierungen. Das interessierte mich, weil ich viel mit Grafik zu tun hatte und das benutzte und weil ich mich zwar mit Cranach, nicht aber mit Dürer wohlfühle.

Der Zeitstau zur Lebensmitte

Apropos Zwischenzeit, haben Sie dafür eine Schwäche?

Das merken Sie ja nicht. Sie können weder das Zeitende noch das Aufgehen der neuen Zeit abpassen. Man erlebt zwar die Zeit gesellschaftlicher Umwälzungen und Unruhen. Aber erst im nachhinein redet man vom legendären Mai `68 als einer Aufbruchszeit. Dabei hat diese der Kunst überhaupt nichts gebracht. Weder diese Umwälzung noch der Kalte Krieg oder der Zusammenbruch des Kommunismus mit samt orientierungsloser Phase danach treten in der Kunst in Erscheinung. Keine Ahnung, was man damit anfangen soll. Wer wie ich sich als Außenseiter orientiert, sucht in der Geschichte nach Bestätigungen dafür, dass immer die Randfiguren, statt die Hauptströmungen die Eigentlichen waren. Was bleibt mir auch anderes übrig? Ich bin eben kein Hauptstrom.

Wie erleben Sie Zeit existenziell?

Anfänglich mit täglicher Existenzangst, die mich lange plagte, darüber grübelnd, wie man ihr entkommt. Eine Situation, geteilt von den meisten Künstlern, die weder eine feste Bindung noch ein festes Einkommen haben. Aber das Problem hat sich zum Glück jetzt gelegt, und auch die Bedrohung von außen ist verschwunden. Doch eine andere taucht im Alter mit schwindender Gesundheit auf.

Verändert sich nicht das Zeiterleben mit den Jahren?

Ich kann darauf nicht antworten. Mir ergeht es wie vielen, die sagen, die Zeit sei vergangen und weg. Jedoch habe ich für alle Jahre und Tage Dokumente, nämlich datierte Zeichnungen und Bilder, und kann mich auch in die Zustände von damals versetzen. Ja, wenn ich ein Bild sehe, weiß ich genau, was drumherum stattgefunden hat. Das heißt, ich erinnere das Umfeld eines Bildes und auch den Zustand von damals. Es wäre ja ziemlich schlecht, die nächtlichen Träume als Maßstäbe für den Tag zu benutzen, und ich finde es ziemlich albern, wenn jemand sagt, es gäbe Träume, die für sein Leben wichtig seien. Was in der Nacht geschieht, lässt sich, wie wir wissen, am allerwenigsten beeinflussen. Es ist zwar möglich, sein Tagesprogramm nach dem gestrigen auszurichten und danach den ganzen Monat zu planen, aber abstrus, seinen Weg danach auszurichten, was man in der Nacht geträumt hat.

Wie erleben Sie Zeit für sich? Das Gefühl dafür ist ja im Alter von zehn ein anderes als mit zwanzig oder dreißig Jahren, oder?

Gewiss, es gibt die Langsamkeit des Beginns, die Schnelligkeit des Endes und in der Mitte diesen Zeitstau. Als Kind wünschte man sich, die Zeit schneller zu durchlaufen, um endlich erwachsen sein. Ich wollte nach Möglichkeit nur eine kurze Weile Kind sein, weshalb ich alles mögliche machte, um erwachsen zu werden. Es ging mir nicht nur um bestimmte Filme im Kino, die ich sehen wollte, sondern auch um Mitsprache. Die Diskriminierung des Kindseins empfand ich als etwas ungeheuer Scheußliches. Die Erwachsenen wissen oft gar nicht, was sie Kindern damit und mit ihrem Beschützerbedürfnis antun. Die Kinder, deren Kopf viel voller ist als der elterliche, wollen erwachsener als die Erwachsenen sein. Wissend, dass der übervolle Kopf eines Kindes planlose Dinge hervorruft, ist das Bewusstsein des Erwachsenen hingegen eher konstruktiv auf Abgabe bedacht. Während er limitiert, genau, bedachtsam und planvoll vorgeht, um zu erreichen, was er will, hat ein Kind Flausen im Kopf, also Ideen, von denen es keine realisieren muss. Es kann von einem zum anderen übergehen, und tut das auch. Sandburgen zu bauen, um sie wieder zu zertrampeln, ist sein Privileg. Diesen Lebensablauf kann man nicht verändern, und das ist auch in Ordnung. Wer die Lebensmitte überschritten hat, stellt fest, dass er ins Alter nicht durch sein biologisches Alter, sondern durch die Umgebung, also dadurch kommt, dass er sieht, wie Freunde in die Jahre gekommen sind. An sich selbst erkennt er das nicht, und auch ich habe nie das Gefühl, alt zu sein. Auf der Straße einen Zwanzigjährigen treffend, grüße ich ihn zuerst, weil ich annehme, er sei jünger. Da liegt ein Missverhältnis vor.

Wie alt fühlen Sie sich?

Ich kann mich altersmäßig schlecht einschätzen und fühle mich jünger als Sie.

Vielleicht liegt das daran, dass Künstler in ihrer Fantasie den Kontakt zur Vorstellungswelt von Kindern haben.

Mag sein, doch müsste man erst noch überprüfen, ob das nicht bei Nichtkünstlern, also bei ganz „normalen“ Menschen auch so ist. Als Älterer hat man, wenn alles gut geht, eine gewisse Autorität, die manch einer schamlos ausnutzt. Ich bin oft, worüber ich jedes Mal staune, in der Situation, dass man mir, ohne mich zu unterbrechen, zuhört. Wenn ich meine Frau frage, warum das so sei, antwortet sie, man hätte, weil ich der Alte sei, Angst vor mir.

Das Rauf und Runter der Lebenskurve

Sie sprachen vom Zeitstau. Was ist damit gemeint?

Sie haben ungeheuerliche Pläne, ausgerichtet auf den Umsturz der Welt. Sie wollen nicht nur alles Mögliche reformieren, sondern auch umstürzen. Die Ideen des Anfangs sind so umfassend und geeignet, alles Etablierte beiseite zu fegen. Nach Jahren stellen Sie fest, dass Sie Ihren Ideenfaden verloren haben; und es fällt Ihnen schwer, ihn wieder aufzunehmen. Dafür müssten Sie als Künstler Ihre Dokumente hervorholen und schauen, was war. Vielleicht haben Sie Glück. Oftmals spüren Sie jedoch den Faden selbst in den Dokumenten nicht auf, weil sie als solche gar nicht, sondern immer nur als manifeste Ergebnisse, bezogen auf das Produkt, tauglich sind. So schleift sich die anfängliche Euphorie ab. Eines Tages finden Sie sie überhaupt nicht mehr, und dann beginnt die Zeit des Staus und Ihres größten konstruktiven Vermögens. An Ihrem Erfolg arbeitend, sind Sie hemdsärmelig unermüdlich und strengen sich an, sich zu etablieren. Sie müssen rundherum Formulierungen treffen, hinten alles genauso beobachten wie vorne und rechts und links. Sie dürfen dabei weder sich noch Ihre Umwelt aus den Augen verlieren. Dieser Zeitraum zwischen dem 25. und 50. Lebensjahr ist die Zeit Ihrer größten Potenz. Danach setzt etwas ganz anderes ein. Dass das so ist, zeigt sich beim Lesen gewisser Literaten.

An wen denken Sie jetzt?

An Henry Miller, der konzeptlos und, ohne zu konstruieren, tagebuchartig sein Leben in Büchern beschrieben hat. Bei der Lektüre sieht man, wie die Zeiten bei ihm laufen, wo die Jugend, dieser Stau war und wann das Alter einsetzte.

Das klingt ein bisschen, als wäre das von Henry Miller Realisierte etwas Paralleles zu dem, was Sie auf dem Feld des Bildnerischen machen.

Vielleicht können Sie Henry Millers Schweineroman-Debüt mit meiner Großen Nacht im Eimer gleichsetzen. Aber ich bin mit dem Vergleich nicht besonders glücklich. Miller, mit dem ich nichts zu tun habe, ist lediglich ein Beispiel für die Lebenskurven, dieses Rauf und Runter. Es gibt andere, die auf ein Ziel schauen, egal ob dieses nun Weltveränderung oder das beste Bild heißt. Andere wiederum arbeiten an verschiedenen Zielen, staffeln oder streuen diese. Ich gehöre zu jenen, die ihre Ziele unentwegt verändern. Ich kenne mein jetziges, aber nicht mein nächstes Ziel.

Was ist Ihr jetziges?

Mich bewegen gewisse, aber nicht näher bestimmbare Fantasien, und so gehe ich den Dingen nach. Tue ich das nicht, was auch vorkommt, weil mir die Zeit dazu fehlt oder mir etwas dazwischenkommt, so gärt es nicht mehr in mir. Es verschwindet spurlos. Es kann sein, dass es ein Jahr später wieder auftaucht. Wissen Sie, das ist, wie wenn etwas herumfliegt, was man wieder einfängt, dabei man sich erinnert. Es gibt schon merkwürdige Erlebnisse, und so verhält es sich womöglich mit den Ideen, die sich verlieren. Wie gesagt, der mittlere Lebensabschnitt ist geprägt durch diese Abgrenzung, das Aufstellen von Behauptungen, das Sicherheitsdenken und Sich-Durchsetzen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Das war für diese Etappe ganz wichtig. Danach – wobei ich nicht weiß, ob das der letzte Abschnitt ist – kommt nicht Humor, sondern die Leichtigkeit des Seins. Haben Sie einmal Rauschenberg erlebt? Er feixt immer. Nun kenne ich ihn immer im gleichen Alter und im gleichen Zustand, und zwar mehr als zwanzig Jahre. Diesen Zustand, in dem das Ringen um Rechtfertigung, jede Form der Selbstverteidigung und Behauptung entfallen, meine ich. Genau in diesem Zustand befinde ich mich seit zehn Jahren.

Ist das ein Zustand erfrischender Angstlosigkeit?

Vollständig angstlos und auch problemlos.

Was bedeutet es für Sie, keine Zeit für etwas zu haben, was Ihnen wichtig ist?

Das ist eine Sache des Charakters oder der Erziehung. Dass ich mir manche Dinge einfach nicht erlaube, geht wohl auf meine protestantische Erziehung zurück und war bei meinem Vater mehr als bei meiner Mutter ausgeprägt.

Was verbieten Sie sich?

Reisen im Sinne der Erlebnissuche, weil dabei nichts Brauchbares herauskommt. Mir reichen die paar, mir hier und da abgezwackten Reisen. Ich rede immer noch von meiner Marokko-Reise vor dreißig Jahren, ohne sie zu wiederholen. Doch jetzt wollen wir sie vielleicht doch noch einmal antreten.

Die Scheußlichkeit der Langeweile

Was bedeutet für Sie, Zeit totschlagen?

Die Doppelbedeutung des Begriffs finde ich interessant. Wissen Sie, wenn man die Zeit umgehen, also aus Tag und Nacht einen Tag machen, d.h. die Grenzen aufheben könnte, das wäre eine gute Sache.

In Anbetracht der Wahnsinnsgeschwindigkeit, mit der Zeit vergeht, und in Erinnerung daran, dass ich Zeit auch als langsam vergehende erlebt habe, frage ich mich, wie sich das bewirken lässt. Zumindest hin und wieder. Der Geschwindigkeit zu entkommen, mit der die Zeit durch den Körper bis zu seiner Verendung jagt, das wäre doch etwas, oder?

Wovon Sie reden, betrifft einen Menschen, der in einem Verhältnis zu seiner Welt steht. Bei mir ist das schwierig. Wenn auch hin und wieder dazu aufgerufen, da Lehrer, habe ich stets den Eindruck, nicht in der Verantwortung des Mitmensch-Sein-Kontextes zu stehen. Lehrer-Sein ist nichts anders als, dass man von mir etwas will. Beruhigend daran ist, dass die Forderungen der anderen so tiefgreifend nicht sind, weil es ausreicht, mein Gesicht zu zeigen. Zurück zu Ihrem Gedanken, der beinhaltet, dass man Gedanken daran verschwendet, wie mit der Zeit womöglich besser per Einteilung, Acht- und Sorgsamkeit umzugehen sei! Das ist mir zu religiös. Der ganze Gedanke ist mir zu mitmenschlich. Viel zu egoistisch für derartige Überlegungen, weiß ich gar nicht, was es heißt, mehr Zeit für sich selbst zu haben. Dazu eine Anekdote: Vor langer Zeit erzählte Ulrich Rückriem mir, er führe gerne Auto, weil er dann seinen Gedanken nachhängen könne. Es hat mich erstaunt, wieso jemand dafür die Isoliertheit des Autos braucht, denn dieses Ding beansprucht einen so, dass es einen davon abhält, über etwas wirklich intensiv nachzusinnen. Auf meinen Fahrten zur Kunstschule nach Karlsruhe versuchte ich damals, auf einem Diktiergerät Briefe, Gedanken und dergleichen zu sprechen. Das klappte nicht, weil das Autofahren mich zu sehr davon ablenkte. Ich versuche, in meinem Atelier alle meine Sachen beieinander zu halten. Mehr brauche ich nicht. Alles andere wäre nur störend. Langeweile, das ist etwas, was plötzlich wie eine Krankheit auftritt. Also es gibt Zeiten, wo ich, weil mein Kopf vollständig ausgehöhlt ist, absolut nichts mit mir anzufangen weiß. Dann setzen rein mechanische Handlungen wie Drucke-Machen ein.

In der Langeweile ist Zeit unendlich lang und in ihrem Stillstand erlebbar.

Das ist ein unbewusster, ziemlich scheußlicher Zustand. Zum Glück vergeht er so ruckartig, wie er gekommen ist. Ich kann mich jetzt an gar keine Langeweile erinnern, weiß nur, dass es sie gibt. Ich fürchte sie fast. Gut, es gibt Stimulantien wie Kaffee oder Alkohol in Maßen, um Anregung oder Anstoß zu haben. Ich denke, dass man diese seltsamen Ruhephasen der Langeweile nicht braucht für die körperliche Gesundheit. Auch, wer ständig unter Druck steht, ohne sich Ruhepausen zu gönnen, kann sehr helle uralt werden.

Was halten Sie von einer Kunst, die Zeit bewusst zur Erscheinung bringt?

Meinen Sie jetzt Jasper Johns mit seinen letzten Bildern, wo die Zeit in Gegenständen wie Pendel, Uhr, Schatten, Leiter und solche Dinge vorkommt? Ja, wenn die Bilder gut sind, dann ist das in Ordnung. Auch wenn seine Bilder wegen der Symbole in bezug auf Zeit lesbar sind, so sind sie deshalb noch lange nicht gut. Mich interessieren sie nicht, weil sie viel mehr die Schwäche des Alters zeigen, während Dalís Metapher zerfließender Zeit einfach gut ist. So kann man es machen, aber es ist nicht mein Thema. Wie sollte ich Zeit darstellen? Nun gut, mir fällt dazu noch Beuys ein. Er hat viel damit zu tun, weil er mit seiner Vergangenheit arbeitete. Er war überhaupt einer, der denkend gesellschaftlich in die Zukunft, sogar in Form einer Parteigründung dachte, aber künstlerisch mit der Vergangenheit arbeitete. In Bezug auf erinnerte Zeit ist die Straßenbahnhaltestelle sein markantestes Beispiel, damit Schul- und Studentenzeit, eine ganz bestimmte Stadt im Rheinland, ganz bestimmte Kindheitserinnerungen verbunden sind.

Was fällt Ihnen zu Zeitschwelle ein?

Wissen Sie, das Interessanteste an der Zeit ist, dass, wenn man darüber redet, sie bereits vergangen ist. Zum Glück, sagt man, ist sie vorbei. Eine Frage, die ich mir in jungen Jahren stellte, war: Habe ich als im Krieg Geborener in der Zeit, die mich hervorgebracht hat und in der alles in Trümmern lag, überhaupt eine Chance? Zum Glück bin ich nachfolgend zu einer wahnsinnig interessanten Zeit innerhalb der Kunst geboren. Wenn man mit dem Anspruch der Avantgarde antritt, die sich ja mehr aufs Destruieren denn aufs Konstruieren versteht, muss man ziemlich extreme Bewegungen machen, um überhaupt etwas hervorzubringen. Jedenfalls ging ich nie davon aus, dass sich die Avantgarde als Konstruktives oder als konservative Ordnungsmacht versteht. Eine wenn auch künstliche Schwelle, über die sich alle einig sind, stellt die Jahrhundertwende dar. Weil mit der letzten vieles zusammenbrach, kann es sein, dass unter der bevorstehenden wieder einiges zusammenstürzt. Nun ist das endende Jahrhundert ein destruktives gewesen, aber voller stabiler Hervorbringungen.

Existentialistische Zeit

Woran denken Sie?

Die Kommunikation ist wohl die entscheidendste Hervorbringung unseres Jahrhundert.

Haben Sie Angst vor dem neuen Fin-de-Siècle?

Angst habe ich keine, denn ich stehe ja vor meinem Finale. Wenn man als Künstler denkt, dass einen nur die Destruktion weiterbringt, dann ist das ganz schwierig, weil oftmals die Voraussetzungen für eine derartige zerstörerische Aktivität fehlt, denn die Welt ist ohnehin instabil. Also was ist, wenn nichts da ist, was sich zerschlagen lässt?

Welche Zeitschwellenerlebnisse im Jahr erleben Sie noch bewusst?

Da im Januar geboren, fühle ich mich immer von Ende November bis Mitte Januar schlecht. Eine chinesische Freundin erklärte mir diesen Zustand mit meinem Geburtstag im Januar. Es wäre halt so, dass ich während dieser Zeit Geburtsprobleme hätte, was eben daran läge, dass mein Organismus rhythmisch darauf eingestellt sei, während der Zeit herauszukommen. Das ist eine chinesische Weisheit, dank der ich mit mir Frieden geschlossen habe.

Fallen Ihnen noch andere Zeitschwellen ein?

Es gibt die Zeiten physischer Schwäche. Früher hatte ich keinerlei Probleme, den Mittag zu überstehen, aber heute. Nun datiere ich meine Arbeiten, und immer, wenn ich ein Problem habe, schaue ich in meinem Katalogsystem nach, fragend, wie das im November letzten Jahres war? Dabei stellt sich heraus, dass Probleme sich zyklisch wiederholen.

Nehmen die Zeitprobleme Einfluss auf Ihre Arbeit?

Ja, es gibt Zeiten, wo ich schlechte Sachen mache. Wenn man aber einmal weiß, warum, kann man damit umgehen. Sie kennen doch das berühmte Tagebuch von Pontormo. Er führte das Tagebuch wohl deshalb, weil er die ewige Wiederkehr seiner Probleme als Messlatte überprüfen wollte. Auf diese Weise wollte er seinen Problemen begegnen. Mehr als Dinge wie Nahrungsaufnahme und Verdauung danach enthalten die Tagebücher nicht. Ich finde es interessant, dass jemand aus rein hygienischen Gründen Tagebuch führt.

Welche Rolle spielte Frankreich in Ihrem Leben?

Damals gab es in Deutschland den Tachismus, der aus Frankreich kam. Auch mein Lehrer Hann Trier arbeitete so. Alle schauten damals nach Paris, und auch ich unterlag während meiner Studienzeit dem französischen Einfluss, hatte französische Kommilitonen. Das war die Zeit, als ich Brassons, Jacques Brel und auch moderne Musik hörte, mich für französische Filme begeisterte und neben Marcel Proust, auch Lautréamont, Michaux, Artaud und Genet las. Mit dem letzten verbinde ich eine Zeit, wo man sich weder vor Kälte noch vor Ratten oder selbstgedrehten Zigaretten fürchtete, im Grunde eine lebendige Zeit ohne die Angst, anzuecken. Es gab ja eine gesellschaftliche Situation, wo sowohl Studenten als auch Künstler in Frankreich sehr wohl geduldet waren. Man war da zu Hause, und das war beruhigend. In Deutschland war das nicht so, dafür aber hatte man Frankreich im Rücken, von wo alles herkam. Paris galt als Zentrum der Emigration. Nun war Frankreich weniger der Ort, wo Künstler geboren wurden, als das Becken, wo man sich versammelte, darunter viele Emigranten, die dorthin wie zu einem Magneten strebten und sich dort solange wie möglich aufhielten, sogar noch während des Krieges. Später verlagerte sich alles nach New York, und in Europa kehrte Stille ein. Doch ist Frankreich, wie Paris zeigt, ungeheuer potent in seiner wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Entwicklung, was man von Deutschland nicht behaupten kann.

Spielte der Existentialismus eine Rolle?

Wenn ich mich an Sartre und seine Theaterstücke, an die Filme, an Ionescos Die Nashörner und an Beckett, der in Berlin auch seine eigenen Stücke inszenierte, erinnere, wird es mir ganz warm ums Herz. Die ungeheure Lustigkeit und Lebendigkeit der Stücke Becketts und Ionescos sind heute unvorstellbar. Dass das so ist, hat wohl mit der Zeit zu tun, die eine existentialistische war.

Inwiefern?

Es gibt ja den Ausspruch „Hoppla, wir leben noch“ von Ernst Toller, der zwar den Krieg davor meinte, aber auf eine ähnliche Situation wie die nach dem zweiten Weltkrieg gemünzt war. Auch da gab es die konfuse Aufbruchstimmung irgendwohin, weil ja alles rundherum zerstört war, vor allem in Deutschland. Komischerweise fand das weder im deutschen Theater noch im deutschen Kino seinen Niederschlag. Die deutschen Kriegsfilme sind ja absolut lächerlich, albern, spießig und dumm. Über einen Heinz Erhardt habe ich nie so recht lachen können.

Die Tortur der Erinnerung

Reden Sie oft über Zeit?

Nein, nur jetzt, da Sie mich befragen.

Wie verflochten ist eigentlich Ihre Kunst mit Ihrer Existenz und Ihren Erlebnissen?

Es sind weniger die Erlebnisse als die Erinnerungen, auf die sich bezieht, was ich mache. Dabei kommt der Erinnerung an die Kunst der Vergangenheit keine geringe Bedeutung zu, stets aber zurechtgebogen oder eingeordnet in etwas, was meine eigene Vergangenheit ausmacht. Ein Beispiel: Wenn ich wie im letzten Jahr nach Mexiko fahre, um Diego Rivera zu sehen, dessen Werk ich aus einem Buch der 20er Jahre und auch deshalb kenne, weil er in der DDR ein berühmter Künstler war, so reagiere ich darauf auch als Maler. Jedenfalls habe ich in Mexiko erstmalig Originale gesehen und fand sie großartig. Es sind Bilder ohne Schule, irrsinnig isoliert, fortsetzungslos und ohne eine Verbindung zur Volkskunst. Wenn man so will, ist Frieda Kahlo, seine Frau, die größere Künstlerin, obwohl ihre Bilder viel kleiner sind. Darüber hinaus erlebte ich in Mexiko viele Besonderheiten. Ich wäre auf dieser Reise besser gefahren, wenn ich mich nicht kurzfristig mit Frieda Kahlo und Diego Rivera befasst hätte. Wäre ich dort als ganz normaler Mensch und nicht als Künstler unterwegs gewesen, hätte ich mich ausschließlicher den Erlebnissen hingegeben. Als Künstler kam für mich dabei nichts heraus. Es ist eher störend, und ich muss diese Störung irgendwie überwinden. Retrospektiv zeigt sich, dass mein Werk von solchen Dingen unbeeinflusst bleibt. So war das immer. Egal, ob ich einen Flugzeugabsturz oder brennende Häuser erlebe, es nimmt keinen Einfluss auf meine Bilder.

Was passiert mit der erinnerten Zeit im Augenblick ihrer Übersetzung in Werke?

Als ich vor Jahren anfing, die Familie, Vater, Mutter und Geschwister zu malen, da gab es einen Anlass, nämlich Akteneinsicht bei der Gauck-Behörde zu nehmen. Ich fuhr nach meiner Anfrage dorthin, und zwar im Glauben, es sei eine unmittelbar vergangene Zeit. Aber nein, der Bericht ging viel weiter zurück, nämlich bis zu meinem letzten Schuljahr in Kamenz und zu Beginn meiner Zeit in Ost-Berlin. Nach meinem Weggang hatte man mit dem Sammeln von Informationen aufgehört. Als ich das alles las, brach alles wieder in mich ein. In diesen Berichten ist ja alles über einen bis zu den banalsten Dinge zusammengetragen. Wer diese Tortur der Erinnerung auf sich nimmt, dem wird eine psychologische Beratung angeboten, worüber ich zunächst verwundert war. Ich fragte mich, wieso denn das? Das kann doch so schlimm nicht sein! Danach, konfrontiert mit dieser Scheißzeit, fragte ich mich, wie ich als Künstler darauf reagieren könne? Irgendwie wollte ich das Bild in meiner Kunst zurechtrücken, um mit der Geschichte fertig zu werden. Den frühen Tod meiner Eltern bedauernd, fragte ich mich, was ich noch in nachholender Erinnerung tun könne. Daraufhin entstanden diese meine Schulzeit, die Erlebnisse und den damaligen Lehrstoff betreffenden Bilder. Derzeit beschäftige ich mich mit dem russischem Realismus, weshalb Herr Beaucamp behauptet, ich sei Stalinist. Mein Stoff war stets die Vergangenheit. Sich nun auf den schlechten Teil der Erinnerung zu stürzen, ist einerseits unangenehm, macht aber andererseits wegen des gewonnenen Abstands sogar viel Spaß. Es kommt mir so vor, als liefe ich mit Rauschenbergs Lachen durch Raum und Zeit.

Fotografische Fixierungen

Nun ist der Erinnerungsprozess auf bildnerischer ein anderer als auf erzählerischer Ebene.

Soviel anders ist das nicht. Es fällt mir leichter, jemanden, den ich liebe, als einen zu malen, den ich nicht genügend kenne. Vergeblich habe ich es mit Stalin versucht, und das ist mir einfach auch zu dämlich. Es ärgerte mich, in einer Inszenierung von Heiner Müllers Hamletmaschine Stalin zigarettenrauchend als Denkmal auf dem Podest mit einem leichten, ihm auf die Arme springenden Mädchen zu sehen. So große Leute als Teil eines Stückes oder eines Bildes zu benutzen, das erweist sich letztendlich als abträglich fürs Ganze. Es ist auch mir nicht möglich, Hitler zu benutzen. Das liegt wohl daran, dass das Ganze sublimer ist, weil es eben doch nicht alles auf die großen Schurken hinausläuft. Die Figur, die Picasso auf seinem Litho À ta santé, Stalin hervorbrachte, ähnelte der historischen Horrorfigur nur sehr entfernt. Es ist ja eine, da ihr zu unähnlich, eigentlich unbrauchbare Ikone. Jede Stalin-Ikone ist immer anders, und so sehen alle erinnerbaren Transparente anders aus. Bei der Friedenstaube, die wie die formal nicht so geglückten Olympischen Ringe ein Symbol geworden ist, funktioniert das ganz anders. Also, was ich sagen will: Ein Bild ist zwar keine Erzählung, aber man kann die Gegenstände, wenn auch nicht beschreiben, so doch auftauchen lassen.

Was läuft in Ihrem Kopf ab beim erinnernden Malen?

Zunächst einmal benutze ich eine Mal- und Konstruktionsmethode und etwas, das wie ein Bild aussieht. Farbe, ob dick oder dünn. Kontur, schwarz-weiß, und eine Methode, tachistisch oder konstruktiv. Eigentlich habe ich, wenn ich mich rückerinnere, weniger oder überhaupt nicht über das Sujet, sondern nur über die Methode nachgedacht. Jetzt beim Erinnerungs-Thema ist natürlich die Methode das Primäre und alles andere sekundär und überflüssig.

Spielt da so etwas wie eine Erinnerungsatmosphäre eine Rolle?

Sicher. Ich habe mich oft an Selbstporträts versucht. Doch das funktioniert wohl deshalb weniger gut, weil ich mich darin selten wiederfinde. Mir fällt es leichter, mich von frühen, mir vertrauten Fotos her zu zeichnen oder zu malen. Damit habe ich gar keine Probleme. Genauso ergeht es mir beim Malen von Geschwistern und Eltern. Fotografischen Fixierungen mit ihrer Erinnerungsatmosphäre sind mir wesentlich näher als Spiegelbilder. Wenn ich so ein Foto sehe, auf dem ich mit einer Papiermütze in kurzer Hose bei einem Kinderfest mit Hakenkreuzfahne im Hintergrund abgelichtet bin, so tauchen Erinnerungen auf. Man nimmt ja bewusst ein Klassenfoto zur Hand in der Absicht, sich zu erinnern. Seit einigen Jahren nehmen brieflich oder per Anruf ehemalige Schulkameraden, von denen ich nie wieder etwas gehört hatte, Kontakt zu mir auf. Wohl deshalb, weil sie sich an früher erinnern. Ich frage den Anrufer dann, weil ich mich nicht erinnere, wer er sei, wie er aussehe und war wir zusammen unternommen haben. Die Erinnerung, bezogen auf die eigene Lebenszeit, fällt einem erheblich leichter, weil man mit den Fotos zusammen gelebt und diese ständig mit sich herumgeschleppt hat. Außerdem haben mir meine Geschwister zu meinem 50. Geburtstag so ein Fotoalbum von der Wiege bis heute geschenkt, und das ist eine wunderbare Erinnerungsgrundlage.

Nun ist ja die Erinnerung sentimental, nicht wahr?

Schwerst, ganz schlimm sentimental. Was ich in den letzten Jahren durchgemacht habe, ist Midlife-Krise pur. Doch die lässt sich auch als Stoff benutzen, dem Bilder entspringen. Provoziert wurde diese Krise durch die Konfrontation mit der Stasi-Akte, sitzend auf einer Holzbank, zurückblickend auf die Zeit vor vierzig Jahren und mit Namen von Lehrern, Bekannten, Freunden, Mitschülern und vor allem Berichtschreibern in Berührung kommend. Darunter Decknamen, was einen am meisten zu schaffen macht, weil man nicht weiß, wer sich dahinter verbirgt. Damit beschäftigt, gerät man in eine Krise, die sich in der Malerei niederschlägt.

Malen Sie, um sich von Erinnerungen zu verabschieden?

Nein, um etwas gutzumachen. Aber nicht in dem Sinne, dass ich für mich etwas gut zu machen hätte. Nein, ich wollte die Sache ins richtige Licht rücken, weshalb ich auch meine Eltern und Geschwister porträtierte. Gott sei Dank habe ich sie, obwohl auf dem Kopf stehend, so getroffen, dass sie sich nicht beklagen. Zusammenfassend kann ich wohl sagen, dass die erinnerte Zeit mich auf Trab hält.

(s.a.: Monografisches Interview mit Georg Baselitz mit Abbildungen aus allen Werkphasen in KUNSTFORUM Bd. 136, Seite 254.)

von Heinz-Norbert Jocks

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