Titel: Zeit · Existenz · Kunst · von Karin Thomas · S. 298
Titel: Zeit · Existenz · Kunst , 2000

KARIN THOMAS

Vernetzte Zeiten

ÜBER GERHARD RICHTER, ANSELM KIEFER, HERIBERT C. OTTERSBACH, NEO RAUCH

Der poetische Strom gegen die »ewige Leier« der Zeit

Es ist eine Binsenweisheit und doch die folgenreichste Determinante unseres Lebens: Geburt und Tod zwängen die physische Existenz des Menschen in den Ablauf von Zeit. Um sich über das Jetzt, aber auch über das Davor und Danach in vergleichbaren Intervallen verständigen zu können, werden Zeitspannen in Sekunden, Minuten, Stunden, Tagen und Jahren gemessen. Die genormte Uhr verbürgt Kongruenz und Vergleichbarkeit von Zeitangaben. Dennoch weiß jedermann aus eigenem Erleben, dass die subjektive Erfahrung die Rhythmen geeichter Zeitspannen außer Kraft setzt. So empfindet ein Kind schon den Ablauf von mehreren Stunden – etwa beim Schulaufenthalt – als lang, während alte Menschen häufig von der weglaufenden Zeit sprechen, da sie den Fluss von Tagen plötzlich wie den von Stunden in früheren Jahren wahrnehmen. Hinter beiden Zeiterfahrungen verbirgt sich die eigene Uhr eines jeden Menschen, aus der sich subjektive Zeiterfahrungen wie z.B. „verfrüht“ oder „verspätet“ ergeben, Begriffe, deren Wortsinn mit Bezug auf die gemessene Zeit die andere, die erlebte Zeit, reflexiv mitbeinhaltet.

Derartige Erfahrungsphänomene von gedehnter oder geraffter Zeit im Augenblick, der plötzlichen Gleichzeitigkeit von weit auseinanderliegenden Zeitphasen im Traum, der wiederbelebten Vergangenheit in der Erinnerung und der vorweggenommenen Zukunft in den Projektionen der Wünsche, dies alles sind subjektive Zeitdimensionen jenseits chronometrischer Messung, in denen sich individuelle Emotionen niederschlagen und aus denen die Bedürfnisse des künstlerischen Sprechens und Bildfindens erwachsen.

In seinem Roman „Land aus Glas“, dessen hinreißende Sprache zuweilen den Klang musikalischer Akkorde annimmt, bekundet Alessandro…

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