Titel: Zeit · Existenz · Kunst · von Doris von Drathen · S. 182
Titel: Zeit · Existenz · Kunst , 2000

DORIS VON DRATHEN

Weltzeitsprünge

ZUM WERK VON GIUSEPPE PENONE

Die Unterscheidung zwischen „Lebenszeit“ und „Weltzeit“ ist ebenso revolutionär wie jenes Abenteuer, zu anderen Kontinenten hinter dem Horizont aufzubrechen. „Weltzeitsprünge“ nennt Hans Blumenberg dieses Phänomen, das der Philosoph unmittelbar in den Zusammenhang von Weltorientierung und Überschreitung des Zeithorizonts stellt. Mit dieser Koppelung wird erst wirklich deutlich, warum die Kirche um die Verankerung ihres Weltbildes fürchtete, als Giordano Bruno als erster solcherart Ideen postulierte. Ob das ein Grund sein kann, ihn im Jahr 1600 zu verbrennen, ist eine andere Frage. Aber die Inquisitions-Flammen des Scheiterhaufens auf dem Campo dei Fiori können nicht krasser die Revolution ins Bild setzen, die sein Gedankengut bedeutete. Brunos These hieß: „Der Himmel ist ein absoluter Raum, der alle Körper in seiner Unendlichkeit erfasst.“1 Bruno ging über die Betrachtung der Planetenbewegung hinaus und erkannte, dass der zeitliche Lebensraum des Menschen und der Weltraum in verschiedenen Dimensionen zu begreifen seien. Hundert Jahre nach der Überschreitung des Welthorizonts, war damit der Zeithorizont verschoben.

Es gibt Künstler, deren visuelle Feldforschung zu den gleichen Ergebnissen führt wie die Untersuchungen der Naturwissenschaften und der Philosophie. Dazu gehört Giuseppe Penone. Er begegnet den abenteuerlichen Zeiträumen des Makrokosmos im alltäglichen Mikrokosmos. „Weltzeitsprünge“ entdeckt er, wenn er das Wachstum eines Baumes etwa genau beobachtet. 1968 arbeitet er dreimal mit Bäumen und setzt jedes Mal Titel, die nicht in der Gegenwart liegen: Er wird weiterwachsen außer an dieser Stelle (Continuerà a crescere tranne in quel punto), Beim Wachsen wird er das Gitter hochheben Crescendo innalzerà la rete, Ich habe drei Bäume…

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