Titel: Zeit · Existenz · Kunst · von Heinz-Norbert Jocks · S. 326
Titel: Zeit · Existenz · Kunst , 2000

BAZON BROCK

Von der Notwendigkeit, ein historisches Bewusstsein auszubilden

EIN GESPRÄCH VON HEINZ-NORBERT JOCKS

Bazon Brock, der streitbare Kunsttheoretiker und Ausstellungsmacher, der zuletzt Die Macht des Alters kuratierte, hat sich seit jeher mit dem Phänomen der Zeit befasst. Als eine Bestandsaufnahme dessen, wie er historische Zeit begreift, versteht sich das im Düsseldorfer Malkasten geführte Gespräch über Zeitschöpfung und Zeitschwellenrituale von Heinz-Norbert Jocks.

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Auf Dauer gestellt

Heinz-Norbert Jocks: Worum ging es in Ihrer Ausstellung Die Macht des Alters?

Bazon Brock: In multikulturellen Lebensgemeinschaften, wie wir sie in unserer heutigen Gesellschaft vorfinden, kann es jedenfalls nicht mehr um kulturelle Identitäten, getragen von Religionszugehörigkeiten, ethnischen und genetischen Abstammungen gehen. Vielmehr muss man sich auf Gesetzmäßigkeiten analog zu denen der Naturevolution beziehen. Eine dieser kulturevolutionären Gesetzmäßigkeiten ist die extragenetische Vererbung: die Einflussnahme auf die Nach-uns-Kommenden durch kulturelles Schaffen, wie es in Mitteleuropa seit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts entwickelt wurde. Die Kenntnis kultureller Übertragungsmechanismen ist für die Entwicklung einer universalen Zivilisation unverzichtbar, etwa beim Aufbau von Institutionen, die für die kulturelle Übertragung über die Generationengrenzen hinaus zuständig sind, wie etwa Museen. Im Museum werden kulturelle Merkmale über Generationen – und nicht nur unter den gleichzeitig Lebenden – extragenetisch vermittelt. Dies geschieht durch Auf-Dauer-Stellen, aber nicht im herkömmlichen Sinne als Fest-Zementierung oder Beendigung der Evolution. Ganz im Gegenteil: das Auf-Dauer-Stellen im Museum oder im Denkmalschutz ist ein Aufbewahren und Verfügbarhalten. Dafür ist grundlegend, was wir in der europäischen Tradition mit dem Begriff des Alterns verbinden: hier wird das Alter der Menschheit nicht durch das bestimmt, was hinter uns, sondern durch das,…

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