Ausstellungen: Köln · von Martin Seidel · S. 360
Ausstellungen: Köln , 2000

Martin Seidel

Cildo Meireles +
Lawrence Weiner

Kölnischer Kunstverein, 19.8. – 1.10.2000

Udo Kittelmann kennt keine Berührungsängste. Der Kölnische Kunstvereinsleiter ist einer, der sich schon mal künstlerisch einmischt. Beispiel: In der 1998 gezeigten Themenausstellung „h:min:sec“ präsentierte er die Aufzeichnung einer mehr als fünfstündigen autor-, wort- und personenlosen Führerstandsmitfahrt im ICE Bonn-Berlin, die vom Sender Freies Berlin fürs öffentlich-rechtliche Nachtprogramm produziert worden war. Mit dieser präzedenshaften Aufnahme der nicht-künstlerischen Zugfahrt in den Kunstbereich brachte Kittelmann die Rede von aufgeweichten ästhetischen Begrifflichkeiten und Systemen ebenso beiläufig wie bravourös auf den Punkt.

Geschah dieser Eingriff inmitten vieler Werke bekannter Künstler noch recht unauffällig, so tritt Kittelmann, der frisch gebackene Biennale-Kommissar, in der aktuellen Ausstellung „Cildo Meireles + Lawrence Weiner“ als Initialzünder und Mitkünstler in Erscheinung. Die Idee besteht darin, zwei Werke zusammenzuführen, die eigentlich nicht zusammengehören: das sind der Schriftzug „AS FAR AS THE EYE CAN SEE“ von Lawrence Weiner (geboren 1942) und der gerade einmal neun Quadratmillimeter kleine, sehr unscheinbar ohne Sockel oder sonstige Akzentuierung auf dem Boden der 200 Quadratmeter großen Halle liegende Holzwürfel des Brasilianers Cildo Meireles (geboren 1948). Weiner kam ebenso wie Meireles nach Köln, um sich um die Umsetzung von Kittelmanns Idee zu kümmern.

Dass Kunst sich nicht über Größe, Masse oder Volumen definiert, machte Weiner in seiner vielzitierten „Declaration of Intent“ (1968/69) deutlich: „1. DER KÜNSTLER KANN DAS WERK BAUEN. 2. DAS WERK KANN ANGEFERTIGT WERDEN. 3. DAS WERK MUSS NICHT GEBAUT WERDEN.“ Diese Ab-Bild-Abstinenz rückt den Rezipienten in den Mittelpunkt der ästhetischen Kommunikation, fordert den Betrachter auf, selbst zu sehen, sich…

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