Essay , 2016

Der Schriftsteller als Künstler und Kurator

Michel Houellebecqs Auftritt im Pariser Palais de Tokyo wirft Fragen auf

von Amine Haase

„Le monde est une souffrance déployée“
(Die Welt ist ein ausgebreitetes Leid)
Michel Houellebecq, „Rester Vivant“, 1991

Sich Künstler nennen zu dürfen, muss wohl noch immer äußerst begehrenswert sein – trotz der Dauer-Inflationsgefahr durch das zum Slogan verkommene verstümmelte Beuys-Zitat „Jeder Mensch ein Künstler“. Würde sonst ein Star unter den zeitgenössischen Schriftstellern versuchen, als Künstler aufzutreten? Das aber tut derzeit mit wahrem Furor Michel Houellebecq, Poet, Essayist, Filmer, Sänger und Autor so viel diskutierter Bücher wie „Extension du domaine de la lutte“ (1994, Ausweitung der Kampfzone), „Les particules élémentaires“ (1998, Elementarteilchen), „Plateforme“ (2001), „La possibilité d’une île“ (2005, Die Möglichkeit einer Insel), „La carte et le territoire“ (2010, Karte und Gebiet) und, 2015, „Soumission“ (Unterwerfung).

Auf der Manifesta 11 in Zürich (sh. Kunstforum Band 241) und im Pariser Palais de Tokyo steht der Sechzigjährige jetzt auf der Liste der bildenden Künstler. Die Manifesta-Organisatoren hatten Houellebecq eigentlich als Katalog-Autor anheuern wollen; der aber zog eine „künstlerische“ Beteiligung vor. Sein Beitrag, die Resultate eines medizinischen Check-up, ist ohne Anführungsstriche wohl kaum als Kunst – oder Anti-Kunst – einzuordnen. Im Palais de Tokyo hat Hausherr Jean de Loisy dem Schriftsteller 2000 Quadratmeter zur Verfügung gestellt, den Löwenanteil des Kunstpalasts, der diesen Sommer die „Saison happy sapiens“ mit insgesamt einem halben Dutzend Ausstellungen feiert. Und Houellebecq durfte seinen Auftritt selber arrangieren, das heißt vor allem seine Fotografien sowie einige Filmausschnitte, etwas Gesang, ein paar Arbeiten von Freunden (Robert Combas, Renaud Marchand, Iggy…


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