Titel: 48. Biennale Von Venedig · von Michael Hübl · S. 110
Titel: 48. Biennale Von Venedig , 1999

LA BIENNALE – GIARDINI

Deutschland

ROSEMARIE TROCKEL (siehe auch S. 270)

KOMMISSAR: GUDRUN INBODEN

ASSISTENT: NIKLAS FÜHRER

PAVILLON: DANIELE DONGHI, ERNST HAIGER

Starr schaut das Auge auf den Betrachter. Ungeniert, ungerührt, unerbittlich. Objektiv wie eine kamerabewehrte Sprechanlage. Nur gab es die noch nicht, als Jan Provost um 1500/10 seine „Christliche Allegorie“ (Louvre, Paris) mit dem omnipotenten, von einer goldenen und roten Aura umstrahlten monotheistischen Blick malte. Das wachsame Auge hat in der europäischen, zuvor auch in der ägyptischen Ikonographie einen festen Platz. Der Moderne begegnet es, mittels Büroklammer an ein Metronom geheftet, als „Gegenstand der Zerstörung“ (1932). Der Autor, Man Ray, meint das komplette Objekt, das „mit einem einzigen, wohlgezielten Hammerschlag“1 zu zertrümmern sei, aber in früheren Zeiten war auch das Auge selbst – nicht nur bei Polyphem – Ziel der Aggression. Zu sehen etwa bei Rembrandt, der „Die Blendung Samsons“ (Städel, Frankfurt) 1636, also noch während des 30jährigen Krieges, mit drastischem Realismus schildert. Noch Bruce Naumans Arbeit „Poke in the Eye/Nose/Ear/ 3/8/94/ Edit“ (1994), die in „dAPERTutto“ gezeigt wird, erinnert an solche Verletzungen, obschon Nauman bei seinem Video vollkommen auf dokumentarische Neutralität setzt. Daneben bleibt das – ebenfalls hochgezoomte – Auge, das Rosemarie Trockel im Deutschen Pavillon präsentiert, in jeder Hinsicht flach. Wie weiland Hans Haacke hat jetzt auch Rosemarie Trockel ihrer Ausstellung ein Entrée vorgeschaltet. Das hemmt den Schritt, verlangt nach Innehalten. Bei Haackes „Germania“ (1993) erfüllte ein Foto von Hitler als Ausstellungsbesucher diese Funktion; Rosemarie Trockel wählte die Breitwandprojektion eines Auges. Folgte bei Haacke das Krachen und Knacken der Bodenplatten, gewissermaßen als demokratische…

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