Titel: 48. Biennale Von Venedig , 1999

LA BIENNALE – GIARDINI

USA

ANN HAMILTON (Interview S. 288)

KOMMISSAR: KATY KLINE, HELAINE POSNER

PAVILLON: CHESTER HOLMES ALDRICH, WILLIAM ADAMS DELANO

Ann Hamilton bewegt sich mit ihrer Arbeit in Bereichen, in denen subjektives Dasein und objektive Wirklichkeit, persönliche Konstitution und zivilisatorische Konditionierung aufeinandertreffen. In ihren formal stringenten, inhaltlich komplexen Installationen versucht sie, die gleichsam synhaptischen oder unscharfen Übergänge von reinem Urzustand zu kultureller Kodifizierung und Normatierung sinnlich erkennbar zu machen. Die Aura des Ursprünglichen wird mitunter bereits im Titel angesprochen, mit Begriffen wie „aleph“ (1992, MIT List Visual Arts Center, Cambridge, Massachusetts), „lumen“ (1995, Institute of Contemporary Art, Philadelphia, Pennsylvania) oder jetzt in Venedig „myein“. Das altgriechische Verb hat eine deutlich onomatopoetische Wurzel: „my“ meint die zusammengepreßten, gespitzten Lippen, hat also mit Schweigen zu tun – daher die Wortbedeutung „einweihen (in die Mysterien)“1.

Das Moment der Initiation, das da angesprochen wird, stellt Ann Hamilton mittels einer 30 m breiten, 5,50 m hohen Wand aus Glasbausteinen her, die sie dem amerikanischen Pavillon im Abstand von etwa zwei Metern vorblendet. Auf diese Weise wird der direkte, zielstrebig-schnelle, erobernde Zugang verhindert; Besucher müssen sich dem 1929, während der Wirtschaftskrise geplanten und 1930 fertiggestellten Gebäude bescheiden von den Seiten annähern. Zugleich wird durch das wellige Glas die Sicht auf den Pavillon gestört, wird „das autoritäre staatliche Gebäude in die Virtualität einer Fata Morgana“2 überführt. Im Inneren hat Ann Hamilton durch einige unauffällige, aber einschneidende Eingriffe wie die Beseitigung der abgehängten Decken teilweise den ursprünglichen Zustand als Ort demokratischer Selbstrepräsentation wiederhergestellt; er kann nun wieder als Metapher für Prinzipien wie…

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von Michael Hübl

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