Ausstellungen: New York/Marseille , 1990

Heinz Liesbrock

Edward Hopper

Edward Hopper hält in Amerika schon seit den vierziger Jahren den Rang eines Klassikers. Es gibt wohl im zwanzigsten Jahrhundert keinen Maler, dessen Arbeit so sehr wie die Hoppers einer kollektiven Erfahrung der amerikanischen Nation entsprochen hätte. Dies ist zunächst überraschend, da Hoppers Bilder kaum erzählerisch bestimmt, sondern Frucht eines präzisen Formwollens sind. Er schafft machtvolle Ikonen, die sich letztlich jeder Übersetzung in sprachliche Strukturen verweigern – eine malerische Wirklichkeit, der auch die Abstrakten Expressionisten, gegen deren Dominanz Hopper selbst in den fünfziger Jahren polemisierte, ihren Respekt nicht verweigerten.

Sein Werk ist in Europa spät, plötzlich und nachhaltig zu Ruhm gelangt. Bis 1980 eigentlich ein Unbekannter, hat ihn eine 1981 in drei europäischen Städten, unter anderen in Düsseldorf, gezeigte Retrospektive populär gemacht. Dieser Beifall aber war in seiner Intensität das Ergebnis eines recht selektiven Blicks. Was an Hoppers Malerei damals vor allem gerühmt wurde, ist ihre Darstellung der Situation des Menschen der Moderne und ihre „Amerikanität“. Immer wieder fielen im Zusammenhang seiner Bilder Stichworte wie „Vereinsamung“ und „Entfremdung“ oder Vergleiche zu den Gangsterepen der Schwarzen Serie.

Zwei Ausstellungen boten nun in den letzten Monaten Gelegenheit zu einem neuen, durch die zeitliche Distanz möglicherweise auch geschärften Blick. Im Musée Cantini in Marseille waren etwa dreißig Bilder aus allen Phasen des Werkes, dazu Zeichnungen, Aquarelle und Radierungen zu sehen. Im New Yorker Whitney Museum wurde erstmals eine Auswahl des Hopper-Vermächtnisses an das Museum gezeigt. Zwar mußten beide Ausstellungen auf solche Inkunabeln wie „Nighthawks“ oder „Sun in an Empty Room“ verzichten, doch war…

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