Monografie · von Heinz Schütz · S. 206
Monografie , 1990

VON HEINZ SCHÜTZ

ZUM 75. GEBURTSTAG

1. Exposition:

Die Bedeutung von „Raum“

Das Wort „Raum“ ist mehrdeutig. Eine Bedeutung – seine handgreiflichste – meint „Raum“ als architektonische Einheit im Sinne von Zimmer, Saal, Halle. „Raum“ in dieser Bedeutung schließt die Raumgrenzen, d.h. die Wände, mit ein. „Raum“ wird aber auch die Leere zwischen den Wänden genannt. Sie wiederum reicht über den architektonischen Raum hinaus: Der Baukörper befindet sich im Raum. In diesem Sinne meint „Raum“ – jenseits der Un- terscheidung von innen und außen – den potentiellen Ort der Körper – den Behälter der Körper – das Gefäß der Materie. Die Frage nach der Eigenart des so verstandenen Raumes führt zur Physik, zu Theorien über den Zusammenhang von Zeit, Raum und Materie, über die Gestalt des Weltraumes, dessen Ausdehnung und Form. Physikalische Raumbestimmung wiederum rekurriert auf mathematische Modelle, die als ideale Entitäten am weitesten von der konkreten Wirklichkeit entfernt sind.

Mit den perspektivischen Raumdarstellungen – den „Raumschachteln“ – tritt in der Renaissance die Vorstellung ins Alltagsbewußtsein, Raum sei ein dreidimensionaler, quaderförmiger Behälter. Im Sinne dieser Vorstellung koinzidieren die übliche Quaderform der architektonischen Räume und das geometrische, d.h. euklidische Raummodell. Begründen ließe sich die Quaderform im anthropologischen Rekurs auf den menschlichen Leib. Die Leiberfahrung unterscheidet links und rechts, vorne und hinten, oben und unten. Der daraus ableitbare Kubus dehnt sich zum Quader, zieht man die nach vorne orientierte Blick- und Bewegungsrichtung in Betracht.

Die Leiberfahrung als Grundbedingung von Raumerfahrung bedingt nicht notwendig das geometrisch-ideale Modell der Raumschachtel. Daß Raum sich durchaus anders wahrnehmen läßt, wird in den…

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