Ausstellungen: New York , 1990

Renate Puvogel

Mario Merz

The Guggenheim Museum, 28.9.-26.11.1989

Spiralförmig schraubt sich die Rampe des Baues von Frank Lloyd Wright in die Höhe und wird schließlich von einem parzellierten Glas-Dach überwölbt. Dieses organische Gehäuse aus Spirale und Iglu ist wie geschaffen für einen Künstler, der den funktionellen, symmetrischen, lebensabsorbierenden architektonischen Machwerken vielfach skeptisch gegenübersteht. Mario Merz greift den Geist der Architektur auf, indem er seine Arbeiten in den fließenden Rängen nicht chronologisch, linear ausbreitet, sondern mit ihnen das Phänomen Zeit als wuchernden Prozess von einem erfüllten Augenblick zum nächsten erfahrbar macht. Ideen, Themen und Bilder kehren über die dreieinhalb Jahrzehnte, die der Künstler aus Turin nun schon kreativ ist, in sich wandelnder, vielfach ortsabhängiger Gestalt wieder. Dennoch gibt Merz eine rhythmische Gliederung an die Hand; sie hebt oben mit frühen gegenständlichen Informel-Gemälden an und mündet in dem neuen, mehrteiligen Iglu auf dem Plafond, einem Geschenk an das Guggenheim Museum. Auf dem gläsernen Igludach glänzen hellblau die Worte „citta irreale“, Titel der Dreiecksarbeit von 1968, die am First des Museums unter der Glashaube angebracht ist; damit sind Basis und Gipfel, Vergangenheit und Gegenwart verklammert. Dazwischen setzen kleinere Iglus, keilförmige und spiralförmige Tische wegweisende Akzente. Kriechtiere, Dreiecke und das an der steilen Rampenwand befestigte Motorrad steuern interferierend wiederum nach oben und überhöhen Bau und Schau zu einer „città irreale“, in welcher des einen Außen des anderen Inneres abgibt und in der die Zeit progressiv und organisch ausgreifend heranwächst.

Die „unhierarchische Struktur von Wachstumsenergien“ (Marlis Grüterich) nimmt nicht nur in mit leuchtendem Obst üppig beladenen Spiraltischen, in gebündelten…

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