Titel: Das Gequälte Quadrat , 1990

Erich Franz

Konstruktion jenseits des Überschaubaren

GEHEIMNIS ALS ENTZOGENE UND ALS »GEBORGTE« REALITÄT IN DER KUNST

Konstruktiven Kunstwerken – mit klar nachvollziehbaren Anschauungszusammenhängen – wird oft Enge und Eingeschränktheit auf das Nur-Rationale vorgeworfen. Die These ist hier, daß die eindrucksvollen, den Betrachter berührenden Kunstwerke, die mit überschaubaren visuellen Konstruktionen arbeiten, ihre Bedeutung nicht allein durch die Rationalität ihres Systems, sondern erst durch dessen Verhältnis zum Unüberschaubaren und jenseits der Konstruktion Liegenden gewinnen. Das Nur-Überschaubare ist tatsächlich beschränkt und leblos. Betonung des Rationalen heißt Betonung von Grenzen und weist damit von sich aus bereits auf die andere Seite – jenseits dieser sich selbst definierenden Beziehungsebene. Es ist das unüberschaubare und dem gesetzten System sich entziehende Reale, das in den großen Werken des Konstruktiven immer als Hintergrund anwesend ist. Konstruktion ist dort nicht ein fertiger Zustand, sondern eine Energie, der Wille zum Bauen, aus diesem Hintergrund des Unüberschaubaren und Unfaßbaren eine bewußte und klare Konstruktion zu gewinnen.

Gegen dieses dem Konstruktiven entrückte Geheimnis als ein Mit-Denken und Mit-Bedeuten von Erfahrungsebenen, die den Bildzusammenhängen nicht erreichbar sind (und die von ihnen als nicht erreichbare bewußt gemacht werden), setze ich die vordergründige Geheimnistuerei, die sich dadurch interessant macht, daß die Zusammenhänge des Bildes, aus denen es sich für das Auge erschließt, primär von nichtbildlichen Bezügen ausgeht, die hier für das Bild sozusagen ausgeborgt werden: Geschichten, Assoziationen, expressive Gesten, willkürliche und überraschende Bildungen, biographische oder politische Zusammenhänge usw. Die Konstruktion solcher Bilder, der formale Umgang in der Zusammenfügung und anschaulichen Durchbildung, ist dabei simpel oder chaotisch – der Gegenstand…

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