Titel: Fiktion der Kunst der Fiktion · von Thomas Dreher · S. 54
Titel: Fiktion der Kunst der Fiktion , 2010

Thomas Dreher

Flecken, Wolken und Projektionen

Wirklichkeit und Beobachtung

Weltbeobachtung’ erwies sich in Natur- und Geisteswissenschaften als ein Problem der ‘Beobachtungsoperationen’: Das `Wie´ der Beobachtung erzeugt das Beobachtete.1 Ohne die menschliche Fähigkeit, Erscheinungen jeder Art in Konfigurationen aufzulösen und Aspekten zuzuordnen, lässt sich Welt nicht erkennen bzw. beobachten. Die jeweilige Art des „Aspekt-Sehens“2 wird von sprachlich geleiteten `Wahrnehmungsgittern´ (s. u.) beeinflusst.

Was wir wahrnehmen, hängt von der Auflösung von Sinnesreizen in Schemata ab. Die Fähigkeit zum Erkennen von Wirklichkeit wird von Schemata erzeugender Imagination und vom Gedächtnis konstituiert, das Schemata für Weltbeobachtung bereit hält. Die Art der Schemabildung ist kulturell determiniert, aber deshalb nicht unveränderbar.

Flecken und Wolken

Aristoteles (384-322 v. Chr.) entwirft Mimesis als Vollendung des Nachgeahmten: Obwohl eine Darstellung vom Dargestellten verschieden ist, enthält sie dessen Anlagen in Idealform. Diese Idealform soll es erleichtern, die Anlagen der Natur zu erkennen. Philostratus´ (ca. 172-vor 238 n. Chr.) Vita des Apollonios von Tyana weist über das aristotelische Mimesisverständnis hinaus. Zunächst äußert sich Apollonios´ Gesprächspartner Damis über die Malerei als Nachahmung mit gemischten Farben. Dann stellen Apollonios und Damis das Erkennen von Gegenständen als menschliche Neigung vor, in Naturphänomenen wie den Wolken Ähnlichkeiten mit Vorstellungen von Tieren und anderem aufzuspüren.

Diese Projektionen sind beobachter- und nicht naturbedingt, wie die aristotelische Mimesiskonzeption. Nachahmung ist auf Beobachtungsoperationen der Gegenstandserkennung angewiesen, die nach Philostrats Apollonios selbst eine „Gabe der Nachahmung“ voraussetzen. Darstellende Malerei setzt also handwerkliche und mentale Fähigkeiten voraus. Fähigkeiten der Gegenstandserkennung müssen auch Beobachter einbringen, um das Dargestellte zu erkennen.3

Plinius (Historia Naturalis XXXV/XXXVI, bis 77 n. Chr.), Leon Battista…

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