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Titel: Report. Bilder aus der Wirklichkeit - III. Bilder von Krieg und Krisen · von Jan Wenzel · S. 122 - 129
Titel: Report. Bilder aus der Wirklichkeit - III. Bilder von Krieg und Krisen ,

Ein aus dem Zusammenhang gerissener Junge

von Jan Wenzel

Ein Kind, um das die Welt weint – Innerhalb von wenigen Stunden schaffte es das Bild weltweit auf die Titelseiten der Tageszeitungen. Die Fotografin Nilüfer Demir, die im Auftrag der türkischen Nachrichtenagentur DHA unterwegs war, hatte es am Morgen des 2. September 2015 am Strand des türkischen Badeorts Bodrum aufgenommen: Ein kleiner Junge im roten T-Shirt, der tot am Strand lag. Die Fotografin hatte das Kind als Erste entdeckt. Nilüfer Demir rief die Küstenwache. Kurz habe sie gezögert, ob sie von dieser Situation wirklich ein Foto machen solle, sagt sie später in einem Interview.

Schaffst du es hinzusehen? – Ein Junge, mit seinen Eltern auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg, ertrunken beim Versuch, Griechenland zu erreichen. 2.500 Jahre zuvor entstand dort, wohin die syrische Familie zu flüchten versuchte, die antike Tragödie als Form gesellschaftlicher Kommunikation. Ist der bürgerliche Roman jene literarische Form, die den Einzelnen als Individuum mit seinen Wünschen und Konflikten in den Mittelpunkt rückt, so wird in der Tragödie die Gesellschaft als Ganzes und der fortwährende Prozess des Konstituierens, Verwerfens und Neuanpassens ihrer verschiedenen Teile dargestellt. Aus einem religiösen Ritual, einem Opfergesang im Heiligtum des Dionysos, hatte sich eine Form performativer Selbstreflexion der Polisgesellschaft entwickelt, eine Form, um die Komplexität, die die eigene Vergemeinschaftung erreicht hatte, betrachten zu können. Tragödien beschreiben den schmalen Grat zwischen Ordnung und Chaos, zwischen Vernunft und ekstatischer Emotion, zwischen geglückter Vermittlung und dunklem, unbeherrschbarem Schicksal. Wenn die Tragödie die Zuschauer bis an den worst case heranführt, so…

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