Ausstellungen: Stuttgart/Hamburg · von Jochen Becker · S. 362
Ausstellungen: Stuttgart/Hamburg , 1992

Jochen Becker

General Ideas »Fin de Siècle«

Württembergischer Kunstverein, Stuttgart, 30.4. – 14.6.1992

Hamburger Kunstverein, 27.11.1992 – 3.1.1993

Draußen vor der Tür steht General Ideas graffitibesetzter skulpturaler AIDS-Schriftzug, welcher – gestaltet in Abwandlung der einprägsamen LOVE(Story)-Typographie – sich inzwischen erfolgreich als Markenzeichen des Immundefekts durchgesetzt hat. Im zentralen Kuppelraum des Württembergischen Kunstvereins liegen fünf sarggroße Kunststoff-Pillen auf dem Boden (One day of AZT), während an der Wand darumherum 1825 halbplastische Kapseln – arrangiert als puristisch-unterkühlte Minimal-art – den Jahresbedarf des umstrittenen Anti-AIDS-Medikaments AZT veranschaulichen. Im letzten Raum richteten General Idea eine kitschige Eislandschaft aus unzähligen Styroporplatten auf, in der verloren drei ausgestopfte Seehunde ausharren.

„Fin de Siècle“ – so der Name des trostlosen Raums und zugleich Überschrift der bis Ende 1993 dauernden Welttournee – steht ganz offensichtlich nicht nur für das Ende des 20. Jahrhunderts. Das konzeptuelle Promo-Foto, das auf Katalog, Plakat und als Gemälde im Foyer der Ausstellung auftaucht, zeigt das Trio im Arztkittel, während sie sich gegenseitig die Herztöne ablauschen. Seitdem die vormals heterogene Künstlergruppe General Idea sich zu einer dreifaltigen Formation konsolidierte, findet man die Gesichter von AA Bronson, Felix Partz und Jorge Zontal in unterschiedlichsten Selbststilisierungen auf Leinwand wieder. Das neueste, pillengekrönte Medizinerbild ist extrem retouchiert; in Wirklichkeit wirkt ein Mitglied wie von einer Krankheit tief gezeichnet. Das Ende des Zeitalters und das des Künstlertrios General Idea fallen möglicherweise zusammen.

Die Rückschau in Stuttgart zeigt aber auch den inneren Verfall einer Konzeption, welche bis weit in die 80er Jahre hinein Maßstäbe in puncto Ausstellungsdesign, Löschung der Autorschaft bei programmatischer Selbststilisierung und Virtuosität…

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