Ausstellungen: Stuttgart , 1999

Johannes Meinhardt

Harald Fuchs – »in vitro«

Württembergischer Kunstverein Stuttgart, 19.6. – 22.8.1999

Ein methodischer Grundsatz, der über den Strukturalismus in die Sozialwissenschaften eingewandert war, hat in der Kunst seit den sechziger Jahren, vor allem aber seit den späteren achtziger Jahren, Furore gemacht; der Grundsatz, soziale Tatbestände und Institutionen so zu untersuchen, als ob sie völlig fremd und unbekannt seien – ihnen gegenüber die Haltung desjenigen einzunehmen, der ihre Bedeutung und ihr Funktionieren nicht kennt und der statt dessen, mit einem fremden Blick, unverständliche und unentzifferbare Rituale vorfindet. Dieser methodischen Blick macht auch das fremd, was er gut kennt, wovon ein Wissen zu haben er unreflektiert überzeugt ist. So sehr dieser Grundsatz, der das soziale Wissen, das erworbene Vorverständnis und die Selbstverständlichkeit dessen, was dem Blick entgegentritt, unterlaufen und es zum Objekt einer systematischen Rekonstruktion (die in der Tat ihren Gegenstand erst konstruiert) machen will, einerseits mit grundlegenden Erfahrungen der Moderne zusammenhängt (dem Fremdwerden des Selbstverständlichen: der Sprache, der Wahrnehmung, des Bewusstseins, des Verhaltens), so sehr er andererseits einem Grundprinzip der Phänomenologie ähnelt (der Epoché, dem reflektierenden Herausarbeiten der Bedingungen von Wahrnehmung oder Objekten), so sehr unterscheidet er sich doch von diesen: denn die Verweigerung eines jeden Verständnisses nötigt das Bewusstsein, auch sich selbst gegenüber die selbstverständliche Vertrautheit aufzugeben.

Harald Fuchs hat in vielen seiner Ausstellungen auf Typen von Gegenständen und Orten Bezug genommen, die stark affektiv und diskursiv aufgeladen sind (und meist deswegen gesammelt und musealisiert wurden): auf Kirchenräume, Reliquienschreine, naturwissenschaftliche Sammlungen, Museen, Arbeitsmaterialien westafrikanischer Medizinmänner, wissenschaftliche Großfotografien (vor allem von Insekten) etc….

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von Johannes Meinhardt

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