Titel: 49. Biennale von Venedig · von Michael Hübl · S. 278
Titel: 49. Biennale von Venedig , 2001

Lettland

Ilmårs Blumenbergs, Viesturs Kairiss, Laila Pakalnina

Kommissar: Helena Demakova

Koordinatoren: Liga Marcinkevica, Paivi De Grandis, Paolo De Grandis

Kann denn Mozart Sünde sein? Wenn man einmal alles vergisst vor Glück? Für ihren Biennale-Beitrag „Papagena“ (2001) hat die lettische Journalistin und Regisseurin Laila Pakalnina die Unwirtlichkeit der Vorstädte mit den Hoffnungen der fortgeschrittenen Aufklärung konfrontiert. Die Schwarzweißaufnahmen ihres etwa zehnminütigen Films entstanden am Rand von Riga, in den Stadtteilen Pardaugava, Bolderaja und Grizinkalns, aber die Botschaft, die sich dort wie von selbst formiert, reicht um einiges über die postsozialistische Tristesse abgewohnter Plattenbauten und konversionsbedrohter Industrieszenarien hinaus. Der Film „Papagena“ handelt vor und von dieser Kulisse, aber er handelt auch von einem Klischee und davon, wie beide überwunden werden: das suburbane Szenario mit seiner dahinterliegenden sozialen Realität und das Verhältnis zu einem Musikstück samt seiner Rezeptionsmuster. Pakalnina hat Leute auf der Straße gebeten, sich für ein kurzes Innehalten, ein Intermezzo im Tagesablauf zur Verfügung zu stellen. Sie hat Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts dicke Kopfhörer aufgesetzt und sie mit einer kleinen Komposition konfrontiert, die bei manchem sentimentale Rührung weckt, anderen als Inbegriff nichtssagender Belanglosigkeit gilt: Wunschmusikgedudel, Töne von vorgestern – das Duett Papagena/Papageno aus Mozarts deutscher Oper „Die Zauberflöte“.

Der Film dokumentiert die Reaktionen der Paare und Passanten, zeigt, wie anfängliche Skepsis in Begeisterung umschlägt, wie sich mürrische Mienen aufhellen, verhärtete Züge auflösen in spontanes, unschuldiges Entzücken. Ein Junge fängt an zu swingen, zwei ältere Damen erinnern sich an den Text und singen mit. „Es ist das höchste der Gefühle“, und das Besondere dieser kurzen Begegnungen…

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