Ausstellungen: Paris · von Michael Hübl · S. 403
Ausstellungen: Paris , 1997

Michael Hübl

Immer größere Fische

César – Retrospektive

Galerie Nationale du Jeu de Paume, Paris, 10.6. – 19.10.1997

Lady Di und Dodi allenthalben: An der Place de l’Alma in Paris wird noch immer der „Princesse de Galles“ gedacht. Einige dokumentationsfrohe Passanten haben hier mit dickem Filzschreiber auf der Brüstung, von der aus man die unten liegende Schnellstraße beobachten kann, die Ereignisse des 31. August 1997 skizziert, haben mit schematischen Darstellungen die kollidierten Fahrzeuge angedeutet und mit Kreuzen den Crash markiert. Foliengeschützte Blumenbündel werden immer noch – Stand Oktober ’97 – abgelegt, Botschaften an das kleine Denkmal geheftet, das ausweislich einer Bronzetafel seit zehn Jahren französisch-amerikanische Freundschaft symbolisiert. Auf einem zylindrischen Sockel klassizistischen Zuschnitts ruht eine Form, die aussieht wie eine Mischung aus überdrehter Sahnehaube und hybrider Tulpenzwiebel. Diese Form ist vergoldet und die originalgetreue Reproduktion der Flamme auf der Freiheitsstatue in New York. Memento mori, High-Tech, Kitsch, Fortschrittssymbolik, das Einzelne, Individuelle, das Teil wird von Masse und noch mehr Masse: Diese Momente treffen an diesem höchst speziellen Ort aufeinander. Und finden sich doch einige hundert Meter in anderem Zusammenhang wieder – in einer Retrospektive, welche die Galerie Nationale du Jeu de Paume einem Künstler ausgerichtet hat, der französische Autoren wiederholt zu wortreichen Lobreden stimulierte. Rodin? Picasso? Seinesgleichen. Als den „Bildhauer des Jahrhunderts“1 hat ihn Pierre Restany, Weggefährte seit den Tagen der Nouveaux Réalistes, bezeichnet. François Mitterand soll gesagt haben, er kenne nur zwei seines Namens: Gaius Iulius Caesar und ihn, César.2

Man muß diese Elogen gegen den Strich lesen, um aus ihnen Gehalt zu gewinnen….

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