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Ausstellungen: Stuttgart · von Johannes Meinhardt · S. 375 - 376
Ausstellungen: Stuttgart , 2000

Johannes Meinhardt
Joan Jonas

»Performance, Video, Installationen 1968-2000«
Galerie der Stadt Stuttgart, 16.11.2000 – 18.2.2001
»Zeichnungen«
Galerie Reinhard Hauff, Stuttgart, 10.11. – 23.12.2000

Abgesehen von einer ersten retrospektiven Ausstellung 1994 im Stedelijk Museum Amsterdam (an die sich die Stuttgarter Ausstellung anlehnt) hat es in Europa bisher keine umfassende Präsentation der Arbeit von Joan Jonas gegeben. Es ist höchste Zeit, eine der wichtigsten amerikanischen Performance-Künstlerinnen in Europa in größerem Maßstab bekannt zu machen, und die Ausstellung der Galerie der Stadt Stuttgart ist dafür sehr geeignet. Joan Jonas zeigt Installationen, die Sets für Performances waren; Installationen, die die Materialien und Überreste von Performances dokumentieren; Filme, die Performances weitgehend dokumentarisch präsentieren; Filme, die als eigene Arbeiten parallel und im Zusammenhang mit Performances hergestellt worden waren. Performance, Installation und Videofilm stehen bei Joan Jonas in einer extrem engen Verflechtung; dabei macht sie keine Videoperformances, sondern versteht die Filme als eine eigene, nicht nur performative Gattung. In einem fortlaufenden Projekt, einem ‚continous project altered daily‘, werden die Filme oder frühere Zeichnungen, Installationen und Materialien wieder Bestandteile von Performances und deren Sets, von denen ausgehend neue Filme inszeniert werden. Auch die ganze Ausstellung ist eine zusammenhängende Installation der Künstlerin, die die Auswahl, die tendenziell retrospektive Anordnung und die Neuinstallation nicht nur in den vorgefundenen Räumen, sondern auch für diese Räume unternommen hat – die ziemlich schwierigen Räume der Galerie der Stadt Stuttgart sahen noch nie so interessant aus.

Die frühen Performances von Joan Jonas (geboren 1936) ab 1968 waren eng verknüpft mit der Judson Dance Group in New York, mit der Joan Jonas enge Beziehungen unterhielt und die in den sechziger Jahren ein in seiner Bedeutung gar nicht zu überschätzendes Inkubationszentrum für die Veränderung und Ausweitung von künstlerischen Fragestellungen war: eine Gruppe von Tänzerinnen (mehrheitlich) und Tänzern, die fast alle Schüler von Merce Cunningham (und indirekt von John Cage) waren und die eine grundlegende Verschiebung der Wahrnehmung und des Interesses vom geschlossenen, ästhetisch komponierten Tanz (vom Werk) zu einer analytischen Untersuchung wirklicher, gefundener Bewegungen, zufälliger oder pragmatisch-zielgerichteter Abläufe von Bewegungen und zur parallelen Engführung, aber nicht mehr hierarchischen Unterordnung von Sprache, Geräusche, Bewegung, Tanz und Installation oder Objekten hervorbrachten – Veränderungen, wie sie auf der Ebene der Bildenden Kunst die Minimal Art durchsetzte, teilweise explizit inspiriert durch die Judson Dance Group (so vor allem Robert Morris).

Doch wurde der analytische Ansatz von Yvonne Rainer, Trisha Brown etc. bei Joan Jonas sehr früh schon in eine synthetische, fast eklektische Beschwörung intensiver Bilder (vor allem der Weiblichkeit) transformiert. In ihren ersten Performances arbeitete sie vor allem mit Spiegeln am eigenen Körper, der so fragmentiert und zugleich reflektiert wurde. Daraus wurde bald ein Spiel mit Masken und Kostümen, mit Verkleidungen, mit Puppen und Accessoires der Weiblichkeit aus verschiedenen Kulturen, die die traditionellen Rollenmodelle von Weiblichkeit demonstrierten, erprobten und unterliefen. Durch das Hinzutreten des Videobilds wurde in der Realzeit der Körper noch weiter fragmentiert, indem Körperpartien auf den Monitor ausgelagert wurden; beim Einsatz von aufgezeichneten Videofilmen in Performances oder als ein eigener Typ von Werken trat zur Fragmentierung noch die zeitliche Zersplitterung, die Vervielfältigung von Fragmenten auch in der Zeit.

Besonders stark interessiert Joan Jonas das Auseinandertreten und zugleich die Ähnlichkeit und Ununterscheidbarkeit unterschiedlicher ‚Räume‘, was eine klare Distanz zwischen dem Publikum, der Performerin (und den in späteren Performance zunehmend auftretenden Schauspielern) voraussetzt: der materielle Raum der Betrachter, der Bühnenraum der Performance, der Raum im Blickfeld der Filmkamera, der fiktive Raum im Monitor, der einen Film zeigt, oder auf der Wand (bei den Filmprojektionen, die Realraum, Kamerablick und ‚Bühnenraum‘ der Performance noch stärker ineinander verschränken), werden nicht kategorial voneinander unterschieden, sondern überlagern einander. Dabei ist vor allem die räumliche Unentscheidbarkeit aller Räume, die nicht dreidimensional und körperlich-haptisch determiniert sind, also aller ‚ästhetischen‘ Räume, ein wichtiges Moment: die als Sonderraum, als Installation im Ausstellungsraum aufgebaute Bühne und die im Film abgebildete, auf einen Schirm projizierte Inszenierung fallen fast zusammen, unterscheiden sich nur minimal. Ihr räumlicher Unterschied geht in der Installation nahezu unter, so wie auch ihr zeitlicher Abstand – der Abstand zwischen dem performativen Ereignis in der Vergangenheit und dem zeitlos präsentischen Kunstwerk, etwa in der Form der Installation – zu einer flüchtigen Differenz wird.

Diese Räume sind immer mit gelenkten Blicken verknüpft: mit der materiellen Ausrichtung des Blicks und mit der Passivität des Gezeigt-Bekommens auf der Bühne, in der Kamera, auf dem Monitor, in der Projektion, aber auch in den ‚Boxes‘, Bildschirmen in kleinen Guckkästen. Der Blick des Betrachters wird starr und passiv, und was ihm zu sehen gegeben wird, verschmilzt kategorial oder gattungsmäßig zu einer vielschichtigen und widersprüchlichen Dichte, die narrative, dramatische, theatralische, reflexive, poetische und rein visuelle Momente oder ‚Räume‘ ineinander blendet. Solche theatralischen Räume sind der performative Bühnenraum, der ästhetische Ausstellungsraum, der mediale Bildraum, und sogar der im Zuhörer narrativ provozierte imaginäre Raum (Joan Jonas setzt in neuen Arbeiten irischen Mythen und isländischen Erzählungen ein).

Das einfachste Grundmodell einer Blicklenkung ist natürlich der Spiegel, der den Blick zu einem Starren und den Körper zum Theater macht (der Spiegel ist fast immer auf den eigenen Körper gerichtet, so wie später die Videokamera). Es gibt hier eine Art Nullpunkt des Raums: den Raum, der noch nicht als Theaterraum oder als skulpturaler Raum oder als Bildraum ästhetisch und gattungsmäßig definiert ist, ein potentieller Raum, ein Raum vor den Unterscheidungen des Äußeren und es Inneren, des Objektiven und des Subjektiven, der Wahrnehmung und der Imagination, des Körpers und des Geistes.

Häufig zeichnet Joan Jonas in ihren Performances, fast immer mit Kreide auf Tafeln: sie zeichnet Umrisse von Steinen und Gegenständen, die eigenen Körperumrisse, immer denselben Hund, Schleifenbilder, die über lange Zeit hinweg immer dichter einen leerlaufenden Graphismus der Hand demonstrieren. Dieses Zeichnen hat sich noch kaum von einem (natürlich inexistenten) Nullpunkt der Zeichnung wegbewegt, an dem noch nicht entschieden ist, welche Gattung von graphischen Objekten (Schrift, Ideogramm, Abbild, expressive Linie) die Zeichnung hervorbringt und in welchem die Zeichnung sich noch kaum von der Tätigkeit des Zeichnens, dem Hinterlassen von Spuren und Markierungen, gelöst hat.

Joan Jonas arbeitet lange an ihren eklektizistischen Werken, die sie immer mehr auflädt und verdichtet, die sie zu einem Image (im emphatischen Sinn) zu machen versucht. Diese Arbeit ergibt eine Verdichtung, in der organisches Material (etwa Honig), Filme, Photos, Musik, Tanz, Performance, Zeichnung, Instrumente, Reliquien oder Überreste, Bühnenbauten und Werkzeuge zusammenspielen und sich gegenseitig aufladen (es gibt hier eine eigentümliche Nähe mit den Verfahren von Beuys).

Parallel zur Ausstellung läuft ein umfangreiches Begleitprogramm: Performances von Joan Jonas am 12. und 13. Januar 2001, Performances und Vorträge von bekannten Künstlern (Lili Fischer, Boris Nieslony, Ulay, Marina Abramovic, Ulrike Rosenbach) und von deren Studenten (mit eigenen Ausstellungen), dazu Videovorführungen und Vorträge. Ein Katalog (ca. 240 Seiten) erscheint Anfang Dezember und enthält auch die Photos der Installationen von Joan Jonas vor Ort. Die Galerie Reinhard Hauff zeigt im Zusammenhang mit dieser Ausstellung Zeichnungen von Joan Jonas.

von Johannes Meinhardt

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