Titel: Realkunst - Realitätskunst , 1987

Kapitalistische Stigmata

von Brian Wallis

Im Jahre 1919 schrieb André Breton, erschüttert durch die Erfahrung des zweiten Weltkriegs und noch nicht der Doktrin des Surrealismus verpflichtet, seinen Freunden, daß er sich eine radikal neue Sehweise der Funktionsweise von Kunst vorstelle: Kunst sei wie Reklame. Der kritische Impuls der Kunst manifestiere sich im Lebensstil des Künstlers und dessen Existenz, und das ausgeführte Kunstwerk wolle den Betrachter zu dieser Existenzweise bekehren, ähnlich wie das Christentum dem Himmel Publizität verschafft habe. Darüber hinaus sei Kunst, wie Breton argumentierte, eine wirkende Kraft, weil sie dem Bourgois seine Wurzeln entziehen könnte und ihn in das erhebende Streben nach Wissen und Wahrnehmung einführe, das so charakteristisch ist für den Künstler-Bohemien.

Heute scheint uns Bretons Vorstellung seltsam vertraut, weil wir um uns herum Bilder von Künstlern und Kunststilen sehen, die genau das zu sein scheinen: Anzeigen für einen besseren Lebensstil. In einer Art nichtssagender Ironie hat die Werbung die Ästhetik kolonisiert. Ein typisches Beispiel der jüngsten Vergangenheit ist eine Anzeige für Gordon’s Gin. Eine attraktive, smart gekleidete junge Frau sitzt am Strand, eifrig bemüht, eine Seelandschaft zu malen. Sie hat die koketten Annäherungen eines Mannes fast vergessen, der hinter ihr sitzt und sie beobachtet. Hier dient die Kunst keinem wirklichen Zweck mehr außer die Zeichenhaftigkeit der Frau zu verdoppeln, sie bezeichnet deren Freiheit, deren Muße und ihre Unabhängigkeit: Qualitäten, die für den idealen Gordon’s-Gin-Konsumenten als erstrebenswert gelten sollen. Doch beweist und aktiviert die Verdoppelung, die Transformation eines Fotos in sein Zeichen, die ideologische Bedeutung dieses Bildes. Heute ist das Zeichen,…

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