Titel: 49. Biennale von Venedig , 2001

Frankreich

Pierre Huyghe

Kommissar: Centre d’Art „Le Consortium“, Dijon

Zu den Problemen, die durch stochastische, also mit Zufallsfaktoren operierende, Rechenmodelle neue Impulse erfahren haben, gehört die Frage nach der „Emergenz des Sozialen“. Es geht bei ihr darum, herauszufinden, wie und wieweit sich aus individuellen Einstellungen, Vorlieben oder Lebensentwürfen Kräfte herausbilden, die auf einer übergeordneten Ebene für die Gemeinschaft richtungsweisend werden, und zwar ohne dass die einzelnen Personen eine gezielte Veränderung des Ist-Zustands angestrebt oder gar gemeinschaftlich in Angriff genommen hätten. Vielmehr wird bei diesen in der Soziologie diskutierten Modellen1 vorausgesetzt, dass die Individuen zunächst als autonome Systeme fungieren. Sie agieren erst einmal unabhängig von den externen Bedingungen, bevor sich Gruppen, kollektive Normen oder ganz allgemein: wirksame Strukturen herausbilden. Ein bekanntes Beispiel ist die Theorie von der freien Marktwirtschaft, wie sie Adam Smith 1776 in seinem Hauptwerk „An enquiry into the nature and the causes ot the wealth of nations“ entwarf und nach der die ökonomische Rücksichtslosigkeit der Marktteilnehmer den gesellschaftlich größten Nutzen bringt. Ein jüngeres und nicht unmittelbar wirtschaftsrelevantes Phänomen wäre das Aufkommen von Szenejargons und anderen Merkmalen der Jugendkultur, die einerseits die Außenwelt tendenziell ausschließen, andererseits Ausdrucksformen und Verhaltenscodices prägen, die nach außen diffundieren und damit das kulturelle Gesamtbild modifizieren.

Der französische Pavillon bietet nach den Eingriffen von Pierre Huyghes alle Voraussetzungen, um solche Interaktionen zwischen individueller Einstellung und kollektivem Verhalten wie unter Laborbedingungen zu beobachten. Im zentralen Raum hat Huyghes eine Arbeit (re)installiert, die er 1999 in der Wiener Sezession von den innenarchitektonischen Gegebenheiten abgeleitet hatte, indem er das quadratische Raster der…

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von Michael Hübl

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