Magazin , 2002

Ring aus Stahl

Wer Anfang Mai aufmerksam durch Kreuzberg geht, erkennt an den geflickten Bürgersteigen Spuren der Straßenschlachten rund um die Skalitzer Straße. Hier liegt der zum Wurfgeschoss umfunktionierbare Pflasterstein noch locker im Sand. Um diese Möglichkeit auszuschließen, wurden die Straßen von Paris unter Baron Haussmann mit Holzplanken ausgelegt. Letzteres erfährt man in Nils Normans Broschüre ,The Contemporary Picturesque‘, welche gleich einem Katalog die Formen städtischer Kontrollmöblierung, aber auch Orte des Widerstands auflistet und umschreibt. Sein nüchtern formatiertes Buch zu den umkämpften innerstädtischen Räumen legt ein Bildglossar der Abweisungsarchitekturen an und kontrastiert diese mit improvisierten Aktionsformen der Rückeroberung. Unter Nutzung diverser Quellen sowie in der Mehrzahl eigener Aufnahmen entstand so ein Archiv des zeitgenössisch-pittoresken Stadtlebens.

Mit der Überschrift „Urbanomics“ umschreibt der zwischen London und den USA pendelnde Künstler eine Vor-Geschichte der städtischen Kontrollgesellschaft. Was spätestens seit dem vor zehn Jahren erschienenen Buch ,City of Quartz‘ von Mike Davis zum allgemeinen Kenntnisstand aufgeklärter Stadtsoziologie gehört, hat seine historischen Vorläufer. Schon unter Napoleon III trafen Börsenhype, Gentrification und städtischer Aktivismus aufeinander. Die Spekulation der neuen Wirtschafteliten trat an die Stelle des adeligen Glücksspiels. Die Vertreibung der innerstädtischen Bevölkerung durch privatwirtschaftlich gesteuerte Bauunternehmungen beförderte an den Stadträndern die Ausbildung von Slums. Öffentliche Ordnung und der Schutz des Eigentums standen hierbei im Vordergrund.

Unter der Regie des kaiserlich beauftragten Stadtbaumeisters Georges Eugène Haussmann sollten soziale Probleme mit tiefen Einschnitten in die Stadt (auf)gelöst sowie künftige Auf stände und Straßenschlachten vermieden werden. Die Revolution von 1848 dürfe sich – bei steigender Armut in einer sich explosionsartig vergrößernden Stadt…

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von Jochen Becker

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