Titel: Mythos Documenta · von Harald Kimpel · S. 23
Titel: Mythos Documenta , 1982

Warum gerade Kassel?

Zur Etablierung des documenta-Mythos
von Harald Kimpel

„Diese siedlung von karteileichen nennt sich Stadt der Künste, mischt die trostlosen ergebnisse ihrer lebenspläne periodisch mit rechtfertigungsaktivitäten auf, wirft die üblichen Wohneinheiten auf das übliche arbeiterelend ab, reizt bis zum ladeninhabernobelviertel, sticht die sogenannte city mit einer fußgängerzone… und trumpft daselbst konvulsivisch mit dem geistigen.“
Oswald Wiener1

So alt wie die documenta ist die Verwunderung über ihren Standort. Seitdem 1955 die erste Folge des Ausstellungszyklus mit dem Geltungsanspruch eines „temporären Weltzentrums der modernen Kunst“ inszeniert wurde, irritiert die Kritiker, die sich mit dem Unternehmen auseinanderzusetzen haben, stets eines: daß es in Kassel stattfindet. Kaum einer, der – sofern er nicht aus Kassel stammt – sich die Gelegenheit entgehen ließe, über den Umstand Klage zu führen, daß er von weither anreisen mußte, wo doch das, was die Stadt „konvulsivisch“ zu bieten hat, anderenortes bequemer zugänglich wäre. Solches Mokieren über die Provinzialität des Veranstaltungsortes hat sich bis hin zu den jüngsten documenta-Veranstaltungen zu einem Kritikerritual herausgebildet: zu dem obligatorischen, stereotypen Zeremoniell einer Rezensionsouvertüre, deren Einsatz nebenbei den Vorteil bietet, entsprechend der jeweiligen Intention der Kritik entweder als gefällige Überleitung zu einem Totalverriß das Unternehmen bereits aufgrund seiner geographischen Abseitigkeit als hochstaplerisch oder verfehlt zu denunzieren, oder es – aus dem selben Grund – als umso größere Sensation würdigen zu können.

Geht man davon aus, daß noch den neuesten statistischen Erhebungen zufolge die Stadt Kassel noch immer von einer großen Mehrheit der auswärtigen Befragten als provinziell eingestuft wird, so ist es kein Wunder, daß diese Negativbewertung…

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