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Ausstellungen: Luzern · von Annelie Pohlen · S. 211 - 211
Ausstellungen: Luzern , 1982

Jürgen Klauke:
Formalisierung der Langeweile

Kunstmuseum Luzern
Landesmuseum Bonn
Neue Galerie im Landesmuseum Graz

In Venedig zählte man Jürgen Klauke zu den Künstlern der 70er Jahre, während der Kölner WESTKUNST fand man ihn im HEUTE-Teil. Schönes Indiz dafür, wie wenig sich die Künstler der jüngeren und jüngsten Vergangenheit in Schubladen pressen lassen. Mit der „Formulierung der Langeweile“, einer Ausstellung seiner neueren und neuesten Fotoarbeiten, die nach Zürich und Bonn in Graz Endstation hat, bringt Klauke die verzweifelte Lage einer um ihre Utopien gebrachten Gesellschaft isolierter Individuen und den Widerstand gegen die Akzeptanz der grauen Trostlosigkeit auf den Punkt.

Welch unglaubliche Perfidie im .Arbeitstitel‘, der die Video-Filme, die großformatigen mehrteiligen Foto-Tafeln und die Zeichnungen vereint. Was würde man nicht lieber in die tiefsten Abgründe des Vergessens bannen als die Langeweile. Sie ist tödlicher als der Tod, weil sie nichts vergessen macht? Warum nun ausgerechnet einen Zustand, der der graueste unter den alltäglich grauen ist, formalisieren, in Form bringen, in den Schleier des Ästhetischen hüllen? Man kennt das Sprichwort „den Stier bei den Hörnern packen“. Klaukes Arbeit hat etwas davon in ihrer perfide übersteigerten ästhetischen Brillanz. Hier ist die Langeweile so wörtlich genommen wie die Formalisierung. Glanzbilder der Trostlosigkeit.

Nach zähen und traumatischen Betrachtungen seines subjektiven Standortes als erotischsexuelles Wesen hat Klauke zu einer exemplarischen Stellungnahme gefunden, die kein distanziertes Gegenüber – selbst in der Ablehnung nicht, wie vielfältig zu beobachten war -, kein Abstandnehmen des ,das geht nur ihn an‘ erlaubt. Man spricht bei solchen Gelegenheiten gern vom Lebensgefühl der Jüngeren. Pure Heuchelei! Die Langeweile, die tödlich ausweglose Wiederholung des immer Gleichen trotz aller Klimmzüge der Zerstreuung hat Arme wie Schraaken für alle Generationen. Die Fototafeln sind in horizontaler Reihung oder als Blöcke arrangiert einer formalen Ruhe unterworfen, die weh tut. Die Aktivität, der Wechsel der Standorte, Unterhaltungsrequisiten, Figuren sind pure Fassaden. Formalisierung, das ist die unerschütterliche Statik der vermeintlichen Aktion, eines psychischen Dilemmas zwischen Versuch und Verzweiflung.

Im Zusammenfügen der Formteile, in der puristisch logischen Gliederung nach den Gesetzen der Spiegelbildlichkeit erinnern die ,Tafel‘ der Langeweile an mittelalterliche Altarbilder. Was sie noch perfider macht. Weil die totale Säkularisierung des Funktionalismus das Individuum um den Rausch der Jenseitshoffnung gebracht hat. Eine stoische Ruhe und Schönheit, die im unverschämten Gegensatz zum Inhalt steht. Ikonen einer um den Glauben gebrachten Kunst im Gewand der schönen Grausamkeit.

Klauke hat alle Status-Symbole der Langeweile genutzt: den Stuhl zum Herumsitzen, den Eimer, um den Kopf, den Sitz der Langeweile zu verdecken, den Mantel, um das Tor zur Seele zu verhüllen, Tanz und Eros, um zu entfliehen, Infusions-Gerät, um Leben zu spenden, den Fernseher und in letzter Konsequenz den Revolver. Aber es gibt keine dramatischen Gesten der Befreiung, sondern nur weich gezeichnete‘ Bilder, die dauern, dauern, dauern . . . Eine Atmosphäre, wie wenn Uhren still stehen, Gelassenheit und Ruhe unerträglich werden. Die Arbeiten sind schön, nicht dramatische Gesten einer ,lost generation‘. Die tödliche Langeweile, das Nicht-Wissen wozu und warum und wohin und wieso als ästhetischer Genuß. Das genau ist der Trumph einer exemplarischen Ich-Existenz, die betroffen macht – und der Widerstand der Kunst gegen die graue Dauer. (Katalog: vom Künstler gestaltetes Buch)
Annelie Pohlen