Ausstellungen: Bonn · von Annelie Pohlen · S. 227
Ausstellungen: Bonn , 1982

Hanne Darboven – Wende »80«

Bonner Kunstverein und Konrad Fischer/Zürich

Eines vorweg: Hanne Darboven versteht ihre Arbeit politisch. In „Wende »80«“, ihrer ersten musikalischen Partitur, findet sich in Copie ein SPIEGEL-Interview mit Strauß (diese Passagen sind geschwärzt) und Schmidt von 1980, ein Auszug aus Döblins „Alexanderplatz“ und weiter Norman Birnbaums Essay über Reagans Amerika. Beziehungsgeladen: gestern und heute. Neben Copien früher Baumzeichnungen der Darboven und alter Ansichtskarten von Harburg, dem Wohnort der Künstlerin, sind dies die einzigen .anschaulichen Partien in einem 416 D1N A3 Seiten umfassenden Werk. Die als Auflagenobjekt (250 Exemplare) konzipierte Arbeit ist eine musikalische Partitur für 6 Opera, die vom Cembalo gespielt 11 Langspielplatten füllt. Es gibt kein Original. Vervielfältigung im Sinne der Verbreitung künstlerisch-politischen Engagements. Womit der Kreis wieder geschlossen wäre.

Ausgestellt, wie unlängst im Bonner Kunstverein (auch bei Konrad Fischer in Zürich) füllt das grafische Werk, schwarz gerahmt, wie ein feierliches Fries die Wände. Auf Band die gekürzte Fassung der in ihrer systematischen Strenge barock anmutenden Musik.

In den 70er Jahren hatte die Darboven ein Jahrhundert vom 1.1.00 bis zum 31.12.99 mittels Quersummenrechnung strukturierend codifiziert. Nun hat sie nach einem von ihr festgesetzten Code diese Jahrhundertrechnung in Noten und Akkorde übersetzt. Zahlen, Strukturen und Kunst! Welche Ungeheuerlichkeit! Dabei ist in der Tat ein solches Vorgehen im Grundsatz einfach, weil nachprüfbar. Nur, das erfordert ein gewisses Maß an geduldiger Arbeit. Und die will zum traditionellen Kunstgenuß nicht passen.

Die Strukturierung – in Zahl und Ton – bildet das formale wie ideelle Gerüst für eine Aussage von existentiellem Rang: den Versuch unternehmen,…

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