Magazin , 2000

PETER HERBSTREUTH

Wer die Wirklichkeit ignoriert, wird von ihr überfallen

Zur Einstellung der Zeitschrift »neue bildende kunst« – Eine Polemik

Just in dem Moment, da die Macher der Kunst- und Theoriezeitschrift „Texte zur Kunst“ (TzK) ihr Hauptquartier von Köln nach Berlin verlegten, gaben die Redakteure des Magazins „neue bildende kunst“ (nbk) den Tod des seit langem kränkelnden Hefts bekannt. Einen ursächlichen Zusammenhang gibt es nicht, wohl aber einen symbolischen. Das 1946 in Berlin gegründete und zu Zeiten der DDR hochangesehene Kunstmagazin suchte nach dem Mauerfall, sich hochglanzpoliert und bildstark auf dem gesamtdeutschen Markt zu behaupten, konnte aber den in permanentem Flux befindlichen eigenen Standort Berlin weder verarbeiten noch verkraften. Demgegenüber segelt das 1990 gegründete und oft spröde Theoriemagazin TzK mit kleiner Auflage, aber starken Überzeugungen straff im Wind der Zeit.

Die führenden Redakteure der nbk, Matthias Flügge und Michael Freitag, mühten sich bis zuletzt, das Unternehmen zu retten. Anfang letzten Jahres hatte der 1992 mit 95 Prozent Anteil eingestiegene Verlag G + B Fine Arts seinen Rückzug signalisiert. Seither suchten die Redakteure Partner für Finanzierungsmodelle. Zum Jahreswechsel haben sie der Wochenzeitung „Freitag“ begründet, weshalb das Heft keine Zukunft hatte und gaben sich sogar verblüfft, dass es überhaupt so lange lief. „1991 hatte der Henschel Verlag die ‚Bildende Kunst‘ geschlossen. Wir hatten nach dem Lust- und Lernprinzip weitergemacht. Unsere Idee hieß: wir machen eine zweijährige geordnete Auflösung des geistigen Haushalts und bis dahin muss sich etwas Neues, Spannendes ergeben haben. Mit neun Jahren haben wir nie gerechnet.“

Kokett räumen sie ein, sie hätten „permanent gegen das…

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von Peter Herbstreuth

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