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Titel: Supermarktsystem Biennalen - 9. Shanghai Biennale 2012 · von Wolfgang Träger · S. 92 - 105
Titel: Supermarktsystem Biennalen - 9. Shanghai Biennale 2012 , 2012

2. Revisit

Fotorundgang und Kommentartexte von Wolfgang Träger

Pascale Marthine Tayou – Tayou ist ein Nomade, ein Künstler, der auf seinen Reisen durch die Welt Zeuge vieler kleiner Dramen auf den Strassen wird und dies in seinen Werken verarbeitet. Er schreibt: „…Pascale Column erforscht am Ende die Seele der Existenz, das Paradies, ob in China, Japan, in Amerika oder…in Syrien.“

Ouyang Chun – „Infinity Column“ vereint Objekte mit unterschiedlichsten funktionalen, politischen oder kulturellen Eigenschaften. Wie auf einen Stahlmast aufgespießt sind sie alle durch die Mitte verbunden. Sie repräsentieren die Grausamkeit, Zersplitterung, Krise aber auch die Schönheit dieser Welt. Die Säule setzt sich im ganzen Gebäude fort, der letzte Teil steht auf der Dachterrasse der Powerstation.

„Spinoza Car“ ist die Arbeit eines Spinoza Fans. Thomas Hirschhorn bezeichnet sich als Fan des Philosophen: „…ich, wie jeder Fan, liebe alles, was Spinoza betrifft. Ich liebe ihn bedingungslos, daher entschied ich mich, Spinoza-Car zu machen.“

Die rasante Veränderung des täglichen Lebens und der Realität in China manifestiert sich für Li Qing vor allem in steigender Konsumwut und ausuferndem Materialismus. Die abgewrackten Kühlschränke auf seinen Gemälden befinden sich seiner Meinung nach bereits im Stadium einer Reinkarnation, die ihm für die Weiterentwicklung der Gesellschaft dringend notwendig erscheint.

Leang Seckon ist geprägt von seinen Kriegserfahrungen als Kind in Kambodscha. Das „Heavy Shirt“ ist eine Erinnerung an ein Kleid seiner Mutter, ihr einziges. Es war im Laufe der Jahre so oft geflickt worden, dass es immer schwerer wurde. Als Fallschirme erinnert er Leuchtfallschirme, die abgeworfen werden, um den folgenden Bomberpiloten das Ziel zu zeigen.

Chen Wei wuchs in Zigong auf, einer Stadt, die bekannt ist für ihre Salzbergwerke aber auch bunte Laternen. Später erinnerte er sich an seine Heimatstadt zunächst als schmutzige und zerbrochene Stadt. Doch dann kehrten seine Kindheitserinnerungen zurück und er begann, Erinnerungstücke zu sammeln. Kleine Gegenstände wie Flaschen, Steine, Fotos oder auch Möbel und Fensterrahmen, die er sorgfältig aufgearbeitet und in seine Installation „Salt City“ einfügt hat.

Linda Lai verarbeitet die Geschichte verschiedener Orte der eigenen Vergangenheit in ihrer Installation. Materialien wie Bambus und Stroh, aber auch Gegenstände des städtischen Lebens, der Familiengeschichte, Briefe und Berichte über das Leben Ihrer Großmutter sollen helfen, eine Vergangenheit zu beschreiben, die ihrer Meinung nach heute nur noch schwer zu erfassen ist.

Tim Lee’s Video zeigt einen Musiker, der versonnen Bob Dylans „Blowin’ in the Wind“ spielt. Es erinnert an Dylan’s Auftritte in China 2011 und beleuchtet den Mythos der schillernden Persönlichkeit des Musikers.

Der Afroamerikaner Rashid Johnson ist eigentlich Fotograf und beschäftigte sich in seinen Arbeiten mit sozialpolitischen Themen. Seine Kunst wird der Conceptual Post-Black Art zugerechnet. Seit einiger Zeit benutzt er zunehmend alltägliche Materialien für seine Skulpturen und Installationen.

Im Umfeld moderner Kunst ist die traditionelle chinesische Lackkunst ungewöhnlich. Sie ist zu traditionell, zu alt. Tang Mingxiu arbeitet seit vielen Jahren mit Lack und ist Direktor des Chinese Lacquer Art Research Center of China Academy of Art. „Utensils Reborn“ weist auf die Möglichkeiten einer Wiedergeburt dieser Technik hin.

Masako Yasumoto eroberte 1999 die Tanzszene im Sturm. Seit 2001 arbeitet sie auch als Choreographin. Als eine der herausragenden Tänzerinnen der neuen japanischen Tänzergeneration, repräsentiert ihr Tanz die Erfahrungen und das Leben der postmodernen Stadtbewohner.

Das Ziel dieser Installation von Vadim Fishkin ist es, ein Muster von dem Punkt zu erhalten, der dem aktuellen Standort der Arbeit auf der Erde genau gegenüber liegt. Die Position wird exakt berechnet, wobei die imaginäre Linie genau durch den Erdmittelpunkt führt. Hier ist es ein Ort in Argentinien.

Olga Chernysheva – (Video Russian Museum) Im Russischen Museum in St. Petersburg sind die meisten Gemälde durch eine Glasscheibe im Rahmen geschützt. Dieses Glas ist kein Spezialglas, das Reflexionen verhindert, sondern der Betrachter spiegelt sich darin. Für Olga Chernysheva stellt dies eine Einheit zwischen dem Bild und seinem Betrachter her, eine Verschmelzung beider Welten findet statt. Olga Chernysheva (clippings) „Clippings“ beschreibt das Interesse am Alltäglichen und Erreichbaren. Wie Ausschnitte aus einem Text, dem großen Ganzen, das hinter dem Projekt steht. Aber stets fokussiert auf die Trivialität der Ereignisse.

Die Installation des KünstlerkollektivsThe User besteht aus alten Matrixdruckern, die heute kaum noch Verwendung finden. Vor jedem Druckkopf ist ein Mikrofon angebracht, jeder Drucker wird zum Musikinstrument. Dieses Orchester wird von einem Netzwerkserver gesteuert, der eine Komposition liest.

Im Januar 1981 besuchte Martha Rosler Kuba. Ihre Fotos dokumentieren die Zeit zu Beginn der Regierungszeit Ronald Reagan’s. In Ihren Augen das Ende der amerikanischen Politik von Entspannung, Menschenrechten und politischer wie sozialer Gerechtigkeit. Nun, 30 Jahre später, steht Kuba vor entscheidenden politischen Veränderungen. Für Martha Rosler der richtige Zeitpunkt, diese Fotos auszustellen.

Yao Jui-Chung + LSD – LSD -lost society document- war eine temporäre Organisation, die aus einem von Yao Jui-Chung geleiteten Fotoworkshop hervor ging. Aufgabe war die Dokumentation von so genannten „mosquito halls“, von der Regierung errichtete öffentliche Zweckbauten für sozial Schwache zur Erholung und Freizeitgestaltung.

Tris Vonna-Michell – „Capitol Complex“ liegt in Chandigarh, Indien. Früher die Stadt der Zukunft, heute der Regierungssitz zweier Bundesstaaten, Punjab und Haryana, war es Le Corbusiers Plan, hier ein Gegenstück zur Akropolis zu errichten. Der Erzähler dieser Geschichte ist Traveller, ein modern-day flaneur.

Die Arbeit wurde inspiriert durch eine Gedichtzeile:“Wasser fließt durch tausend Flüsse, tausend Flüsse reflektieren den Mond.“ Wu Junyong will seine Videoinstallation als 9 kurze Geschichten verstanden wissen, jede nur ein Wort lang. Die Projektionsflächen sollen wie ausgerissene Buchseiten sein, die im Wind tanzen.

Han Zijian – „Pointing at the Moon“ geht auf die buddhistische Surangama Sutra zurück: wenn mit dem Finger auf den Mond gezeigt wird, um den Mond zu zeigen, darf man nur der Richtung des Fingers folgen. Schaut man auf den Finger statt auf den Mond, verliert man beides aus den Augen. Diese Parabel wird häufig von Zen-Lehrern benutzt, um darauf hinzuweisen, wie gefährlich es ist, sich auf das Falsche zu fokussieren.

von Wolfgang Träger

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