Titel: Die Kunst des Gehens - Ästhetik des Gehens · von Paolo Bianchi · S. 46
Titel: Die Kunst des Gehens - Ästhetik des Gehens ,

Ästhetik des Gehens

30 Bildpaare & Gedankengänge

Eine kuratorische Wegbegleitung von Paolo Bianchi

Warum machen sich Menschen zu Fuß auf den Weg? Was ist es, was sie dazu bewegt? Sie müssen gehen, „weil das Leben gestaltet werden muss, damit es wahrgenommen werden kann, und weil das Gehen ein wunderbares Mittel ist, um diese Agenda zu realisieren. Weil das Gehen also eine Lebenseinstellung ist.“1

So schreibt der routinierte Viel-Geher und Kulturgeschichtler Aurel Schmidt. Er findet auch zu einer sehr einleuchtenden Formel des Gehens: „Es geht oder es geht nicht, entweder das eine oder das andere. … Mit dem Verhältnispaar gehen / nicht gehen ist eine Ur-Binarität hergestellt. Das Gehen stellt gewissermaßen den Zugang zur Welt her, das Nichtgehen vereitelt ihn.“2 Wie verblüffend klar sich das Denken durchs Gehen darstellt. Das zu erleben heißt: einfach gehen!

Der vorliegende Versuch übers Gehen entspringt dem Impuls, der Spur einer Ars ambulandi zu folgen, das Gehen als Phänomen besser zu begreifen und den Veränderungen von Ausdruck und Wahrnehmung in unserer Gehkultur nachzugehen. Der das Thema durchstreifende Blick gelangt dabei an Ränder, fokussiert kurz auf Mode, Literatur, Musik, Alpinismus oder die Wissenschaft. Die Funde zu einer visuellen Kultur des Gehens präsentieren sich nachfolgend als Bildpaare mit gegenläufigen Begriffen. Das entspricht der Erkenntnis, dass sich Welterfahrung auch durch ein unauflösbares Ineinander von dynamischen Gegensätzen bestimmt.

Das kuratorische Ausbreiten eines ästhetischen Panoramas zum Erlebensraum des Gehens ist ohne den Bezug auf verschiedene Fallbeispiele aus der Welt und Praxis des Ausstellungsmachens kaum vorstellbar. Wertvolle und aktuelle Quellen sind die folgenden relevanten Projekte: „Solo Walks“ (2016) im Kunstmuseum Chur, „En Marche / Unterwegs“ (2017 / 18) im Kunstmuseum Wallis in Sitten, „Wander lust“ (2018) in der Alten Nationalgalerie in Berlin, „Der Flaneur“ (2018 / 19) im Kunstmuseum Bonn und „Matterhorn Ladies“ (2019) im Alpine Museum in Bern (siehe Seite 52).

 

FUSSWEG UND LEBENSWEG

Um in einen schreitenden Gang zu kommen, setzt der Mensch ein Bein vor das andere. Dabei werden Muskeln und Sehnen aktiv, Blut durchströmt die Adern. Die hier ausgeschütteten Glückshormone und Endorphine können Wohlbefinden erzeugen. Die markante Besonderheit der menschlich-motorischen Daseinsform ist das Gehen auf zwei Beinen. Zu gehen prägt sowohl unsere körperliche als auch unsere mentale Wirklichkeit. „Denn wir orientieren uns in der Gedankenwelt, als sei sie topographisch, als sei sie eine Landschaft, durch die wir gehen, von der Tiefe des Unterbewusstseins bis zum Himmel des Über-Ichs, die eine politische Utopie ganz weit links, die andere ganz weit rechts“, schreibt der weltberühmt gewordene Schriftsteller Karl Ove Knausgård im Roman „Kämpfen“ .

Und weiter: „ … einige Gedanken befinden sich direkt in der Nähe und sind entweder leicht zu erfassen oder schwierig zu erkennen, da wir ihnen so nahe sind, nach einigen Gedanken recken wir uns, andere befinden sich weiter oben und können nur durch große, alpinartige Anstrengungen erobert werden, wieder andere sind niedrig und schmutzig, nahe der Erde und dem Irdischen.“3 Geist, Gravitation und Grammatik des Gehens verwandeln sich im provokativen Werk von Knausgård durch eine radikal-experimentelle Methode des Zuweitgehens und Überschreitens in ein Lebenskunstwerk. Dahinter verbirgt sich die Sehnsucht nach einem intensiv gelebten Leben und dem entsprechenden Ausdruck dazu.

In dem einen oder anderen Buchladen liegt immer mal wieder gleich neben der Kasse der Stapel eines Büchleins mit dem sonderbaren Titel „Findet mich das Glück?“. Das Schweizer Künstlerduo Fischli und Weiss wendet sich darin mit jeder Menge Fragen an zum Staunen bereite Erwachsene, die den Kinderblick noch nicht zur Gänze verloren haben. Fragen, die ohne Antwort auskommen: Ist das Leben ein seltsames Höhlensystem? Gibt es zu viel des Guten? Driftet alles auseinander? Wie wirke ich? Soll ich untertauchen? Bin ich ein Sonderling? Was denkt mein Hund? Oder eben die Titelfrage: Wo findet mich das Glück?

Folgen wir der menschlichen Glückssuche und der etymologischen Spur, stellen wir fest, dass „finden“ indogermanischen Ursprungs ist und „pent = treten, gehen“ bedeutet. Griechisch existiert das Wort „patos = der Pfad, der Tritt“, nahe verwandt mit dem altindischen „panthah = der Weg, der Pfad, die Bahn“ . In der Zusammenschau wird deutlich, „finden“ meint ursprünglich „einen Weg betreten“. Ambulierend auf dem Weg zu sein, eröffnet die Möglichkeit, auch bezüglich geglückter Lebensmomente fündig zu werden.

Das Gehen umfasst ein Unterwegssein, ein Aufbrechen und Loslassen und erschließt genuin, die Verbindung zum eigenen Lebenslauf, zu Glanzpunkten und Misserfolgen, zu Barrieren und Durchbrüchen. Die Ausweitung des körperlichen Gehens hin zur einer elaborierten Gehkunst, erweist sich, wie Aurel Schmidt pointiert feststellt, als „umfassende Metapher für den Prozess des Lebens und der Struktur der Welt“.4

Denken und Gehen, Kopf und Fuß kennen viele Orte und Richtungen – oben / unten, vorne / hinten, rechts / links, innen / außen. Gehen ist so gesehen Ortsveränderung, es meint, vermittelst der Füße an einen anderen Ort zu gelangen. Das Voranschreiten im Naturraum reichert die Gedanken- und Gefühlswelt mit den Bildern von Weite, Wind, Wege und Wolken an. Das Nach-Draußen-Gehen verspricht den Gehenden einen ertragreichen Parcours: neue Perspektiven können sich eröffnen, im Moment anstehende Projekte beflügelt, Probleme relativiert und intellektuelle Prozesse zur Reife gebracht werden. Auf dem Weg hält ein Gehen und Wandern dann Glücksgefühle parat, wenn trotz aller Beschwerlichkeiten eindrucksvolle Landschaftsansichten neue Lebensenergie emporsteigen lassen. Der Fußweg hinaus in die Natur übt zugleich eine Wirkkraft aus auf den existenziellen Lebensweg.

 

POETISCHES GEHEN VERSUS PROFANES GEHEN

Gehen nicht als Zwang oder Pflicht, sondern in Richtung einer avancierten Gehkultur anzusehen, setzt den Anspruch voraus, das Ambulieren, Gehen, Spazieren, Flanieren und Wandern als kulturelle Praxis, als ästhetisch forschende Weltaneignung zu begreifen. Im Kontext einer solchen Gehkultur übernimmt ein staunender Geist die Regie. Er gibt uns die Möglichkeit an die Hand, den profanen vom poetischen Spaziergänger zu unterscheiden. Dessen Interesse fokussiert nicht auf einen ausgewiesenen Weg, sondern ist offen für die Wahrnehmung all jener Dinge, die zufällig und aus der Stimmungslage einer schwebenden Aufmerksamkeit in den Blick geraten. Der Zufall wird in das Absichthafte gegeben, dem Absichtslosen Bedeutung zugeschrieben.

Der alltägliche, profane Geher bewegt sich heute zum Einkauf in den nächsten Supermarkt. Sein automatisches Dahingehen folgt einer alltäglichen Routine und einem gewohnten Ablauf. Das Gehen als eine für einen bestimmten Zweck zielgerichtete Aktivität. Die Wahl wird auf den kürzesten Weg fallen, um den Zielort mit dem geringsten Aufwand zu erreichen. Hier ist das Gehen eingebettet eine Routine ohne Anspruch auf Erlebniswert. Dasselbe gilt für den Impuls, das Haus hinaus in Freie zu verlassen, um „sich die Füße zu vertreten“ oder kurz „Luft zu schnappen“. Ebenso das Bedürfnis auf urbanen Promenaden zu wandeln – nach dem Motto „Sehen und gesehen werden“.

Die ästhetisch forschenden, poetischen Spaziergänger dagegen zieht es hinaus mit dem Wunsch, der Unruhe des urbanen Alltags zu entkommen. Um zu entschleunigen und in gelassener Gestimmtheit ihren seelischen Haushalt in Balance zu bringen und eine Bewegung der Gedanken in Gang zu setzen. Das Spazierengehen folgt nicht einem bloßen „Müssen“, sondern der Zweck des Gehens realisiert sich im Gehen selbst. Das Gehen ist großräumiger und glückversprechender, dem Alltäglichen enthoben.

Poetische Spaziergänger erleben das müßiggängerische Gehen auf höchst facettenreiche Art, je nachdem ob sie nun spazieren gehen, promenieren, flanieren, wandeln, bummeln. Das Bestreben ist nicht, irgendwann irgendwohin zu gelangen, sondern unterwegs zu bleiben – je länger, desto angenehmer. Der Spaziergang gewinnt seine Existenzberechtigung daraus, „in einer anspruchslos unbeschwerten, arglos sich selbst genügenden Handlung“ zu bleiben, „frei von pragmatischen Absichten, Zwängen und Umständen“.5 Kürzer ist der Unterschied zwischen poetisch oder profanen Gehenden nicht zu fassen, als in der Klage eines Berliner Spaziergängers, der sich unter lauter Geschäftigen bewegt: „Hier geht man nicht wo, sondern wohin. Er ist nicht leicht für unsereinen.“6

 

DER WEG IST NICHT DAS ZIEL

Bei Aurel Schmidt erfahren wir: „Das Gehen geht dem Weg, der Zeit, dem Raum, der Erfahrung, dem Wort, dem Wissen, der Welt voraus.“7 Im Gegensatz zur landläufigen Feststellung heißt es hier, dass der Weg nicht das Ziel ist. Das Ziel nimmt im und durch das Gehen erst Gestalt an. Mit den Worten des Autors: „Der Weg ist das Ergebnis der Metamorphose des Gehenden: Wer geht, verwandelt sich in den Weg. Der Weg ist die Welt selbst.“8 Und Nietzsche würde wohl ergänzen: Der Mensch selbst ist der Weg.

Im Gehen ohne Absicht ziellos zu sein, gelingt nicht ohne Voraussetzung. Impulsgebend ist, von einer ungebärdigen Lust und Neugier oder einem starken Bedürfnis nach Bewegung erfasst zu sein. Das hat zum Effekt, dass für den Menschen das im Gehen aufkeimende Vergnügen und ästhetische Erleben wohltuend spürbar wird. Aurel Schmidt: „Gehen ist eine Erweiterung des Lebensraums, je nachdem wie weit der Radius der Mobilität gezogen wird, wie es eine Erweiterung des Horizonts ist, womit eigentlich das Denken gemeint ist.“9

Mit anderen Worten: Gehen ist ein Akt der Selbstbestimmung! Vorausgesetzt, dass „ich gehe, weil es mein Entschluss ist, weil ich mich darauf einlasse, weil es meine Wahl ist für eine mobile, aktive, autonome und gegen eine sesshafte und stationäre Lebensweise“.10 Eine ästhetisch motivierte Gehkultur ist als Existenzweise auf der Seite des Seins anstelle auf der des Habens zu verorten – denn: „Wer sitzt, denkt an Besitz. Wer geht, ist bewandert.“11

Die Schlüsselqualifikation heißt: Weltläufig sein, die Welt in sich tragen und ihre Erscheinungsfülle in einem selbst aufgehen lassen, wie die Hefe im Teig. Eine sich so manifestierende Gehkultur ist mit einem kreativen Prozess verwandt, der, selbst über Barrieren hinweg, unaufhörlich im Fluss bleibt. „Hindernisse bilden niemals einen Grund, das Gehen gewissermaßen zu umgehen. Sie machen es höchstens unumgänglich, einen anderen Weg zu suchen und einzuschlagen.“12 Es gibt bekanntlich nie einen geraden Weg zum Gipfel.

Umwege, die Verwirrung stiften, fordern und fördern die Kreativität. Im Erleben von Hindernissen wird im kreativen Menschen die Gestalt des Grenz-Gängers zwischen mehreren Welten virulent. Kreativität und kritisches Denken beleben sich immer in einem „Zwischen“. Wer dem Gehen den Status eines kreativen Prozesses zuweist, erkennt darin einen Weltzwischenraum, in dem Aufbruch und Ziel in Bewegung geraten. Wer den Weg nicht als Ziel betrachtet, überlässt sich dem Zustand der Bewegung, er ist betwixt & between Orten, vermittelt zwischen Gemeinschaften und Bindungen.

 

„URWORT“ GEHEN

Das Verb „gehen“ bezeichnet eine elementare Handlung, die mit am deutlichsten das Menschsein definiert, das ohne aufrechten Gang undenkbar wäre. Mit dem Gehen hat sich ein „Urwort“ von der Dimension Adam und Eva, vielgestaltig in der Welt der Sprache ausgebreitet.13 Im Deutschen zählen die Linguisten, inkl. des mundartlichen Bereichs, auf nahezu einhundert Tätigkeitswörter im Wortfeld des Grundverbs „gehen“:

Die Gehtempi reichen von einem langsamen über einen zügigen bis zu einem schnellen und schnellsten Modus: trödeln, schlendern, bummeln, laufen, springen, rennen, flitzen, sausen, rasen.

Die Gehweisen basieren auf Wegbeschaffenheit oder Körperbefindlichkeit: steigen, waten, stolpern, hinken.

Die Gehhaltungen beschreiben die Bewegung des Körpers: latschen, schlurfen, staken, stapfen, stelzen, stiefeln, stolzieren, storchen, tappeln, trippeln, trotten, watscheln, zotteln.

Die Gehzwecke beziehen sich auf die mit dem Gehen verbundenen gesellschaftlichen Vorgaben oder subjektiven Einstellungen: sich ergehen, lustwandeln, promenieren, flanieren, streunen, vagieren, herumstreifen, wandern, wallen, pilgern. Zu ihnen gehört auch das Verb spazierengehen, was jedoch nicht eine Verdoppelung des Gleichen meint. Vielmehr macht das Spazieren aus dem bloßen Gehen etwas Besonderes.14

 

DER DOPPELTE BLICK

Eine „Ästhetik des Gehens“ mit dreißig Bildpaaren & GedankenGängen zu kuratieren, verfolgt die Ambition, eine Wirklichkeit nicht nur abzubilden, sondern auch zu erzeugen. In dieser Chronik inklusive Zeitsprüngen treten die Bildpaare in Kontrast und / oder Ähnlichkeit zueinander, wie bei der Gegenüberstellung einer mit einem langen Rock bekleideten Bergsteigerin im Jahr 1912 mit einer im Minirock wandernden Künstlerin aus 1996. Der doppelte Blick soll zu wechselseitigen Schärfungen von Inhalt, Form und Sinn führen.

Die Arbeit mit den dreißig Begriffspaaren respektive einem Denken in Gegenbegriffen und Oppositionen greift eine Methode auf, die Walter Benjamin bereits früh, im Jahr 1925, zur Aufmerksamkeit brachte: „Die Darstellung einer Idee kann unter keinen Umständen als geglückt betrachtet werden, solange virtuell der Kreis der in ihr möglichen Extreme nicht abgeschritten ist.“15

Die „Ästhetik des Gehens“ ist geprägt von der Absicht, durch den kreativ angelegten Kontrast neue Weltsichten aufzuzeigen und Spuren zu legen. Spielerische Verbindungen wie „Gletscher-Spaziergang & Gletscher-Untergang“ oder „Rousseau der Natur & Rousseau der Gosse“ oder „Holzbein & Großer Zeh“ regen die Phantasie der Betrachter an. Nicht ein Entweder-oder wird postuliert, sondern ein So-wohl-als-auch gezeigt und erzählt. Es ist das „Und“ respektive „&“, das aufdeckt, dass alle Phänomene miteinander verbunden sind und in Beziehung zueinander stehen.

Die dreißig Bildpaare mögen Auslöser assoziativer Bedeutungsverläufe und Gedankengänge sein – sie können querfeldein gelesen werden oder besser noch: Schritt für Schritt.

01 Der Flaneur

Die Ausstellung „Der Flaneur“ (Kunstmuseum Bonn 2018 / 19) diagnostizierte, dass mit der zunehmenden Beschleunigung unseres Alltags der Wunsch nach Müßiggang und Zeit zur Reflexion entstehe. „Das langsame Flanieren und fließende Sehen des Flaneurs stehen in starkem Kontrast zu der Zweckgerichtetheit unseres Tuns und der Hektik unserer Bewegung.“ Die beiden Kuratoren sprechen im Katalog von der „Doppelrichtung des Flaneurs als nostalgische Figur und als Figur der Gegenwart“ (Volker Adolphs) und von „einer Figur der Schwelle, des Übergangs, die aus der Instabilität der sich rasant verändernden Welt heraus agiert und dabei die Instabilität ihres eigenen spezifischen Wahrnehmungsmodus spürbar hält“ (Stephan Berg). Das F.A.Z.-Feuilleton (1.10.2018) stellt nach der Besichtigung die Frage eher kritisch: „Ist denn jeder Spaziergänger oder jeder Freiluftmaler ein Flaneur?“ Dem sei im Sinne eines Fortschreitens emanzipativer Haltungen hinzugefügt: Wer heute noch die männlich kaltschnäuzige Chuzpe hat, über den Flaneur, diesen „Mann von Welt“, zu sprechen, verhindert vorsätzlich die Möglichkeit, der Frau als Flâneuse die Welt zu öffnen. Eine Ausstellung zu dieser emanzipatorischen Gehkunst bleibt ein Desiderat.

www.kunstmuseum-bonn.de/ausstellungen/rueckblick/info/der-fl aneur-3436

 

02 Solo Walks

Die Ausstellung „Solo Walks“ (Kunstmuseum Chur 2016) nahm die Plastik „L’homme qui marche“ (1960) des aus Graubünden stammenden Künstlers Alberto Giacometti als Leitmotiv, um daraus eine „Galerie des Gehens“ zu entfalten, umspannt von den physiologischen Aspekten der Bewegung, dem Durchmessen des Raumes bis hin zur damit verbundenen Veränderung der Wahrnehmung. „Das Gehen wird dabei nicht nur als ein nach außen gewandtes Fortkommen verstanden, sondern ebenso als innere Bewegung, die den Menschen letztlich aus sich heraustreten lässt.“ Den Kuratoren Stephan Kunz, Juri Steiner, Stefan Zweifel ist es mit Verve und glücklicher Hand gelungen, das Gehen als eine individuelle Erfahrung zu vermitteln, indem sie Einsichten in das Innenweltliche unentwegt Gehender präsentierten.

www.buendner-kunstmuseum.ch/en/ausstellungen/archiv/2016/Seiten/SOLO-WALKS-Eine-Galerie-des-Gehens.aspx

 

03 En Marche

Die Ausstellung „En Marche / Unterwegs“ (Kunstmuseum Wallis Sitten 2017 / 18) widmete sich dem Laufen – ein alltäglicher Automatismus, der es erlaubt, Gipfel zu erklimmen und die Welt zu erkunden. „Das Marschieren, eine wesentliche Voraussetzung der Freiheit, gilt darüber hinaus als Instrument der Mobilisierung zur Einforderung von Rechten. Seit den 1960er Jahren zählt es zu den künstlerischen Ausdrucksformen“, notierte die Kuratorin Céline Eidenbenz. Und weiter: „Vom Fußabdruck zur Grenzüberschreitung, vom Bergsteigen zur politischen Demonstration – der Fußmarsch setzt Körper und Geist in Gang: Einen Schritt machen bedeutet, eine Entscheidung zu treffen!“ Der Parcours durch die Werke der Ausstellung bestärkt die Besucher in dem Eindruck, dass das Gehen, Wandern, Marschieren, aber auch der Absturz oder das Sitzen einen Metaphern-Kosmos für das Leben an sich bereit hält.

https://www.museen-wallis.ch/kunstmuseum/ausstellungen/archiv/item/1088-en-marche.html

 

04 Wanderlust

Die Ausstellung „Wanderlust“ (Alte Nationalgalerie Berlin 2018) zeigte, wie angestiftet von Rousseaus Parole „Zurück zur Natur!“ und Goethes Sturm-und-Drang-Dichtung das Wandern um 1800 zum Ausdruck eines modernen Lebensgefühls wurde. Bis in unsere Gegenwart sind die Nachwirkungen zu spüren, wenn durch den rasanten gesellschaftlichen Umbruch seit der Französischen Revolution auch eine Gegenbewegung manifest wurde, die nach neuen Formen entschleunigter Selbst- und Welterkenntnis suchte. „Seit der Romantik erobern sich Künstler die Natur zu Fuß und unter Aspekten. Dem Wandern wächst dabei in der Kunst die sinnbildliche Bedeutung der Lebensreise und der symbolischen Pilgerschaft zu. Die selbstbestimmte Fußreise eröffnet eine neue, intensive Art der Naturbegegnung und eine sinnliche wie auch körperliche Form der Weltaneignung.“

www.smb.museum/ausstellungen/detail/wanderlust.html

 

05 Matterhorn Ladies

Das Matterhorn ist „der meistunterschätze Berg der Schweiz“, t itelte unlängst die „Neue Zürcher Zeitung“. Im Sommer 2018 gab es bis zum Ende der Klettersaison elf Tote. Unzählige erschöpfte und festsitzende Bergsteiger werden regelmäßig evakuiert. Das Schweizer Alpine Museum Bern zeigte im Sommer 2019 die Pop-up-Ausstellung „Matterhorn Ladies“ in einem Shelter auf dem Gornergrat auf 3.100 Meter über Meer. Die Besucher erfuhren, dass die 18-jährige Italienerin Félicité Carrel 1867 die erste Frau am Matterhorn war. Sie musste aber auf einer Höhe von 4.300 Metern aufgeben, weil der Wind dermaßen gewaltig in ihre Röcke fuhr und sie in der Gefahr war, in den Abgrund gerissen zu werden. Im Jahr 1871 stand die 34-jährige Britin Lucy Walker als erste Frau auf dem Gipfel des Matterhorns. Dem Bergpublizisten Daniel Anker sind als Co-Kurator (zus. mit Beat Hächler) von „Matterhorn Ladies“ spannende Geschichten von kühnen Alpinistinnen zu verdanken, die seither den Berg der Berge bestiegen haben.

www.alpinesmuseum.ch/de/ausstellungen/archiv/matterhorn-ladies

 

ÄSTHETIK DES GEHENS 30 BILDPAARE & GEDANKENGÄNGE

 

Aufrechter Gang & Auf allen vieren — S. 55 ​

Paradies-Vertreibung & Eintritt in die Weltgeschichte — S. 56

Rousseau der Natur & „Rousseau der Gosse“ — S. 57

Friedrichs Lebensreise vs. Friedrichs Nacktwandern — S. 58

„Bonjour Monsieur Courbet“ & „Bonjour Monsieur Gauguin“ — S. 60

Zwei Damen & Zwei Komplizinnen — S. 62

Berggängerin & Vogelfrau am Matterhorn — S. 63

Raum & Zwischenraum — S. 64

Gepuderte Nachtgängerin & Gesichtslose Nachtgänger — S. 66

Demonstration als Flucht & Demonstration als Tanz — S. 67

Venedigs Plätze & Venedigs Brücken — S. 68

Kopfreise & Kletterpartie — S. 70

Langer Rock & Minirock — S. 72

Wanderer & Sprachwanderer — S. 74

Gleichgewicht & Ungleichgewicht — S. 76

„Salzmarsch“ & „Gorillamarsch“ — S. 78

Frischer Gang & Derber Gang — S. 80

Nie ankommen & Überall durchkommen — S. 82

Weißer Auftritt & Nackter Auftritt — S. 84

Op-art-Catwalk & Gummi-Catwalk — S. 86

Karte & Mapping — S. 88

Dünnes Eis & Brechendes Eis — S. 90

Der rechte Weg & Der einzige Weg — S. 92

Treppenabgang & Bildwandlung — S. 94

Holzbein & Großer Zeh — S. 96

Gletscher-Spaziergang & Gletscher-Untergang — S. 98

Havanna & Hochgebirge — S. 100

Floating Piers & Flusssteine — S. 102

Fortschritt als Rückschritt & Rückschritt als Fortschritt — S. 104

Outside & Inside — S. 106

 

 

AUFRECHTER GANG & AUF ALLEN VIEREN

Es gibt viele Hypothesen zum Wie und Warum der Bipedie beim Menschen. Bipedie (lat. bis = doppelt und pes, pedis = Fuß) beschreibt die veränderte Fortbewegungsart vom gebückten vierfüßigen hin zum aufrechten zweifüßigen Gang. Die Frage des Zeitpunktes wurde kürzlich durch einen Sensationsfund wieder aktualisiert: Der erste aufrecht gehende Menschenaffe ist demnach nicht dem afrikanischen Kontinent zuzuordnen, sondern er kam aus dem deutschen Allgäu. In einer Tongrube in Bayern entdeckten Forscher Knochen einer bislang unbekannten Primatenart. Der Fund stellt alle bisherigen Annahmen zur Evolutionsgeschichte auf den Kopf. Die Universität Tübingen berichtete Ende 2019, dass die versteinerten Überreste des Danuvius guggenmosi, der vor rund 12 Millionen Jahren lebte, den Schluss zulassen, dass er sich sowohl auf zwei Beinen als auch kletternd fortbewegen konnte. Der Wechsel zum aufrechten Gang, läge demnach um die doppelte Zeit zurück, wie bisher vermutet. Die Forschergruppe stellte mit Erstaunen fest, dass die gefundenen Gelenkknochen mehr dem Menschen als dem Menschenaffen ähneln.

Bis auf den Menschen sind alle Primaten Vierbeiner. Und das aus gutem Grund: Die Fortbewegung auf zwei Beinen macht langsamer, unbeweglicher und erheblich ungeschickter, um auf Bäume zu klettern und dort an lebensnotwendige Nahrung zu gelangen. Im Gegensatz zum vierfüßigen Gang ist der zweifüßige wesentlich instabiler, weil das Gehen aus einem rhythmischen Balanceakt besteht, innerhalb dessen verschiedene Aspekte der Bewegung exakt koordiniert werden müssen. Um die neue Fort bewegungsart zu vollziehen, waren entwicklungsgeschichtlich entscheidende anatomische Veränderungen vonnöten: Eine doppelt S-förmige Wirbelsäule wirkt als federndes Moment und bildet die Voraussetzung für einen aufrechten Gang; der Fuß wird zum Geh- und Stehwerkzeug; die Hand wird frei für den Werkzeuggebrauch; der Schädel wird „balancierend getragen“.

 

PARADIES-VERTREIBUNG & EINTRITT IN DIE WELTGESCHICHTE

Das Verb „gehen“ bezeichnet eine elementare Handlung, die mit am deutlichsten das Menschsein definiert, das ohne aufrechten Gang undenkbar wäre. Mit dem Gehen hat sich ein „Urwort“ von der Dimension Adam und Eva, vielgestaltig in der Welt der Sprache ausgebreitet (vgl. K. Wölfel: Spaziergänge, S. 5). Im Deutschen zählen die Linguisten, inkl. des mundartlichen Bereichs, auf nahezu einhundert Tätigkeitswörter im Wortfeld des Grundverbs „gehen“. Die aus ihrem Paradiesgarten vertriebenen Eva und Adam können übrigens als Inbild der condition humaine betrachtet werden, mit dem neuzeitlichen Menschen als entwurzeltes Wesen. In der „Genesis“ (Kapitel 3, Vers 8) stellt Gott den Herrn als einen vor, der „im Garten ging, als der Tag kühl geworden war“ („ambulantis in paradiso ad auram post meridium“). Dieser Augenblick handelt von der Stunde, in der mit Adams Apfelbiss das Unheil des Menschengeschlechtes seinen Anfang nahm. Das ist, wie der Literaturwissenschaftler Kurt Wölfel (S. 22) mit einem Ausruf feststellt, ein „wahrhaft imponierender Eintritt des Spaziergängers in die Weltgeschichte!“.

 

ROUSSEAU DER NATUR & „ROUSSEAU DER GOSSE“

01 „Was gibt es nicht alles zu sehen, wenn aller Augen geschlossen sind!“ Diesem Motto folgt Rétif de la Bretonnes Erzähler, hier mit einer Eule auf dem Kopf – als Metapher für Nachtsichtigkeit.02 Rousseau wird begrüsst von Sokrates, Montaigne und Plutarch bei seiner Ankunft in den Champs-Élysées (die „Elysischen Felder“ lagen an der Seine und waren im 18. Jahrhundert ein offener Platz innerhalb der Tuilerien und rundum mit Baumgruppen bepflanzt).

Die Natur ist grundlegender als die Gesellschaft. Der Mensch ist Teil der Natur. Jean Jacques Rousseau dachte quer zu den Doktrinen seiner Zeit. Sein 1782 erschienenes Buch „Les Rêveries du promeneur solitaire“ („Träumereien eines einsam Schweifenden“ in freier Übersetzung) ist der berühmteste Text, der je über das Spazierengehen geschrieben wurde. Durch ihn avancierte der „einsame Spaziergänger“ zur welt literarischen Person. Der Mensch kommt nur als Ausgestoßener zu sich, indem er als Vagabund durch die Einsamkeit irrt, als Wanderer mit seinem ausgestoßenen Schatten verschmilzt und aus der eigenen Gegenwart hinausläuft ins Offene einer ungewissen Zukunft. Rétif de la Bretonne
nutzte seine langen Wachphasen dazu (er kam mit vier Stunden Schlaf pro Nacht aus), ein 16-bändiges Werk über das Leben im nächtlichen Paris zu schreiben, in welchem die Lebensumstände der armen Leute beleuchtet werden. Rétif, auch der „Rousseau der Gosse“ genannt, streifte durch die
Gassen der Metropole, sein Erzähler berichtet von Lumpensammlern, Katzenfleischverkäufern oder kindlichen Prostituierten.

 

FRIEDRICHS LEBENSREISE VS. FRIEDRICHS NACKTWANDERN

Das Wandern als Motiv in der Malerei ist eng verknüpft mit Caspar David Friedrichs berühmtem Gemälde „Wanderer über dem Nebelmeer“. Wie bei kaum einem anderen Maler der Romantik speiste sich Friedrichs gesamtes künstlerisches Werk aus seinen umfangreichen Wandererfahrungen. In der Darstellung eines einsam auf einem Gipfel stehenden, über Berge, Nebeldunst und Wolken hinweg in die Ferne schauenden Wanderers amalgamieren die eigenen Erlebnisse seiner Gebirgswanderungen zu einem visionären Sinnbild einer Lebensreise. Als der Fotograf Roshan Adhihetty Nacktwanderer in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit der Kamera begleitete, gab es mehrere Augenblicke, in denen er sich an C. D. Friedrich erinnert fühlte. Desweitern lehrte ihm die Kunstgeschichte typische Darstellungsweisen: Da ist der Blick in die Ferne, das Bad im Fluss, das Picknick im Grünen. So wusste er immer zeitgenau, wann ein Moment es erforderte, die Kamera bereitzuhalten. Bei Nacktwanderern spiegelt sich im wechselseitigen Empfinden von Körper und Natur eine Art erotischer Zwischen- und Resonanzraum.

 

„BONJOUR MONSIEUR COURBET“ & „BONJOUR MONSIEUR GAUGUIN“

Gustave Courbet stellt sich als ein bekannter Vertreter des französischen Realismus im Werk „Die Begegnung oder Bonjour Monsieur Courbet“ (1854) als Wanderer dar, der auf seinen von einem Diener begleiteten Mäzen Alfred Bruyas trifft. Als das Gemälde auf der Pariser Weltausstellung 1855 zu sehen ist, entgeht dem Publikum die Anmaßung des Malers nicht. „Weder der Herr noch sein Diener werfen Schatten, den Monsieur Courbet für sich reserviert: Er alleine kann die Strahlen der Sonne aufhalten“, schrieb ein Kritiker. Paul Gauguin reiste gemeinsam mit Vincent van Gogh 1888 von der Provence nach Montpellier und besuchte im Musée Fabre auch die berühmte Sammlung von Bruyas. Courbets Bild hinterließ bei Gauguin einen tiefen Eindruck. Er setzte zu einer eigenen Replik an, die er in Anlehnung nun „Bonjour Monsieur Gauguin“ nannte. Statt wie Courbet seine Autonomie gegenüber der Gesellschaft zu betonen, stellte Gauguin sich als Außenseiter dar: Die Mütze tief ins Gesicht gezogen nähert er sich einer bretonischen Bäuerin, welche die Flucht zu ergreifen scheint.

 

ZWEI DAMEN & ZWEI KOMPLIZINNEN

Anselm Feuerbach ist ein Einzelgänger gewesen – trotz der Anklänge seines Werkes an das der Nazarener und Klassizisten, trotz einer gewissen Geistesverwandtschaft zu Böcklin. In einem Brief vom 1. Februar 1867 an die Mutter liest man: „Von der Lieblichkeit meiner modernen Damenbilder hast Du gar keine Ahnung, sie sollen die Blumen sein, die Gold bringen“. Ganz ohne Biederkeit und Geldwunsch vermittelt sich die Wirkung von zwei flanierenden Frauen in einem Werk der Neuen Sachlichkeit. Im Bild „Hausvogteiplatz“ (1926) von Rudolf Schlichter liegen Bedrohung und Gewalt in der Luft. Dem Künstler geht es um den Gegensatz zwischen Männern in ihrer Funktion als staatliche oder kirchliche Repräsentanten und um Frauen aus dem Volke, die sich misstrauisch zeigen. Sie wirken nicht hilflos, eher vorsichtig – agieren in einer Widerstandsfähigkeit zu den sie bedrängenden Männern. „Sie bilden eine komplizenhafte Einheit, fast trotzig in ihrer Selbstbehauptung“ (Manja Seelen). Das bleibt nachvollziehbar angesichts der Untergangsstimmung im Bild.

 

BERGGÄNGERIN & VOGELFRAU AM MATTERHORN

„Als die britische Bergsteigerin Lucy Walker hört, dass Meta Brevoort aus den USA – ihre größte Rivalin – die Besteigung des Matterhorns plant, stellt sie innert eines Tages eine Seilschaft zusammen und erreicht den Gipfel am 22. Juli 1871. Der damaligen Zeit entsprechend, im Flanell-Rock. Brevoort lässt sich aber von Walkers Erfolg nicht entmutigen und klettert am 5. September 1871 als zweite Frau über den Hörnligrat nach ganz oben – und über den Liongrat nach unten, womit ihr als erste Frau die Überschreitung des Matterhorns gelingt“, schreibt Daniel Anker in der Ausstellung „ Matterhorn Ladies“. Die kühne Berggängerin Maud Wundt-Walters und ihr Gatte (sie besteigen im Sommer 1894 das Matterhorn) nennen später ihre Tochter Nora in Anlehnung an den Berg der Berge liebevoll „Matterl“. Über hundert Jahre später, 2014, fliegt die Schweizerin Géraldine Fasnacht als erster Mensch im Wingsuit vom Gipfel des Matterhorns. Jemand bemerkte einmal vielsagend und zutreffend: Bergsteigen ist verdichtetes Leben.

 

RAUM & ZWISCHENRAUM

Zwar zeigen die Momentaufnahmen von Eadweard Muybridge eingefrorene Bewegungen, doch beginnt sich mit diesen frühen Serienaufnahmen das statische Bild aufzulösen. Die Bilder lernen laufen und der Weg wird als Film verstanden. Aurel Schmidt notiert (in: Gehen, S. 27): „Die Frage, die sich aus den Überlegungen zu Muybridge ergibt, dürfte vor allem die sein: Wo ist der Weg geblieben? Wenn die Bewegung aus dem unmerklichen, nicht wahrnehmbaren Zwischenraum innerhalb einer dichten Bilderfolge besteht, also aus der Leere, …, dann ist der Weg in Analogie zum hier angestellten Vergleich mit dem Film nichts anderes als die Leere zwischen zwei Schritten. … Der Raum ist immer ein Zwischenraum.“ Mit seinen Studien über Bewegungsabläufe hat Muybridge nicht nur der Wissenschaft, sondern auch der Kunst neue Impulse gegeben. Das zeigte sich direkt in der futuristischen Malerei und Plastik, oder als Verweis auch in den Arbeiten von Marcel Duchamp. Bei Henri Cartier-Bresson ist der Zwischenraum eine Riesenpfütze, die es gilt, mit einem tänzerischen Sprung zu überwinden.

 

VENEDIGS PLÄTZE & VENEDIGS BRÜCKEN

Im Herbst 2019 sorgten heftige Stürme für Überflutungen. „Venedig unter Wasser: Einen Atemzug vor der Apokalypse“ („Süddeutsche Zeitung“, 15.11.2019). „Der italienische Schriftsteller Italo Calvino hat schon lange Venedig als die Stadt der Zukunft bezeichnet, weil hier die Epoche des Autos nie sichtbar wurde. In der Tat ist es ein ungeheures Privileg, den eigenen Alltag ohne Rücksicht auf Motorfahrzeuge gestalten zu können“, schreibt Dirk Schürmer (in: Zu Fuß, München 2010, S. 198). In Venedig gibt es wohl zehn Brücken, die den Namen Ponte Storto tragen, somit einen Kanal schräg überqueren. Insgesamt hat die Stadt über vierhundert Brücken. Diese bilden ein ganz zentrales Element im innerstädtischen Fuß gängerverkehr. Venedig hinterlässt den Eindruck eines opulenten Gemäldes, in dem man spazieren gehen kann. Dabei scheint es fast unmöglich, einem vorgegebenen Plan zu folgen. Immer wieder tauchen Brücken, Plätze und Kanäle auf, die dazu verleiten, die Route zu ändern. Im „Labyrinth Venedig“ gehört das Sich-Verlaufen einfach dazu.

 

GEPUDERTE NACHTGÄNGERIN & GESICHTSLOSE NACHTGÄNGER

Die Nacht ist ein Schatten, der uns gefangen nimmt. „Wie alles Weibliche birgt sie Ruhe und Schrecken zugleich“, schreibt der Historiker Wolfgang Schivelbusch. Wir sehen, wie eine junge Dame im weiten, grünen Umhang über die Champs-Elysées flaniert. Dabei trägt sie die schwarze Halskrause eng, ihr gepunkteter Schleier legt sich über die gepuderten Wangen. Die mysteriöse Dame in Louis Anquetins post-impressionistischem Gemälde scheint aus gutem Hause zu sein. Eine pierreuse, eine Bordsteinschwalbe, würde man am kurz aufblitzenden Stiefel unter dem wie beiläufig angehobenen Rock erkennen, lernt man in Balzacs „Glanz und Elend der Kurtisanen“. In einer vergleich baren nächtlichen Straßenszene von Jeff Wall dreht eine männ liche Gestalt im Gehen den Kopf nach hinten, hält Ausschau nach einer anderen Gestalt. Beider Wege hatten sich eben noch im Vorbeigehen gekreuzt. Weshalb sieht sich der Passant im Vordergrund um? Warum sind die beiden Gesichter nicht erkenntlich? Walls inszeniertes Bild erzählt weder Anfang noch Ende der Geschichte, nur die Mitte.

 

DEMONSTRATION ALS FLUCHT & DEMONSTRATION ALS TANZ

Demonstrieren heißt Schule schwänzen. Als Landwirte im Norden Deutschlands gegen hohe Auflagen und als Muslime in Paris gegen die Islamophobie demonstrieren. Zehntausende gehen in Hongkong auf die Straße. Wer demonstriert spürt, wie es ist, sich mit anderen für eine Sache zu engagieren, gemeinsam gegen die Staatsmacht, in Gestalt von Polizisten, wehrhaft zu sein. Im Holzschnitt von Félix Vallotton löst sich die Menschenmenge gerade fluchtartig auf. Im Jahr 1918 ereignet sich in der Schweiz der „Landesstreik“, an dem sich rund 250.000 Arbeiter und Gewerkschafter beteiligen. Drei Demonstranten kommen im Verlauf des Protestes zu Tode. Dazu passt das Totentanz-Blatt „Die Arbeiter“ von Edmond Bille: Ein überdimensioniertes rotes Totenskelett traktiert peitschend eine endlose Reihe von Arbeitern, die eine rauchende Fabrik verlassen, um wieder in sie einzutreten. Dabei durchschreiten sie die Skelettbeine des Todes – ein makabrer Eingang in die lebensverzehrende Arbeit in den Fabriken der beginnenden Industrialisierung.

 

KOPFREISE & KLETTERPARTIE

Adolf Wölfli war als Art-Brut-Künstler imstande, aus dem Reichtum seines Innern „der Welt eine Welt entgegen zu setzen“ (Uwe Johnson). Er verbrachte sein Leben zwischen seinem Geburtsort Bowil im Emmental, der Heimatgemeinde Schangnau und der psychiatrischen Heilanstalt Waldau bei Bern. Das führte bei Wölfli zur Erschaffung einer einzigartigen Kopfwelt, der „Skt. Adolf-Riesen-Schöpfung“. Wölfli erinnert an die US-Dichterin Emily Dickinson, die ihr Zimmer in Amherst nie zu verlassen brauchte, um die ganze Weite der Prärie zu imaginieren. Im Kontrast dazu steht Hermann Hesse als Lyriker und Zeichner, ein Weltenbummler und Weltenerforscher im aller besten Sinne. Große Berge hat er nie bestiegen, Höhenschwindel machte ihm zu schaffen. Hesses erste Frau Maria, Fotografin und Bergsteigerin, drückt auf den Auslöser einer Kamera, als ihr Mann im Sommer des Jahres 1910 nackt am Kalkfels bei Amden hoch über dem Walensee klettert. In einer kraftvoll natürlichen Pose steht der Dichter im Fels.

 

LANGER ROCK & MINIROCK

Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte die Gattin des dänischen Landschaftsmalers Jens Ferdinand Willumsen noch zu den wenigen Frauen, die wanderten. Dem weiblichen Geschlecht war das schicklichere Spazieren vorbehalten. Hier vor einer in expressiven Farben leuchtenden Landschaft porträtiert, zwar mit weißem Hut und in bequemer Kleidung, wenn auch noch im obligatorisch langen Rock. Ihr Körper ist dem Betrachter zugewandt, während ihr Blick in die Landschaft geht und ihr kühnes Profil betont. Ihre hagere Figur strahlt Kraft aus, die fließende Pose Dynamik. Die jung verstorbene US-Künstlerin Ellen Cantor (1961 – 2013) war für ihre expliziten Darstellungen weiblicher Sexualität bekannt. Im Sommer 1996 unternimmt sie mit Schweizer Freunden einen Ausflug in die Engadiner-Alpen. Mit dabei ist der Zürcher Galerist Nicola von Senger, der viele Fotos macht, etwa wie Cantor im rosa Miniröckchen mit leuchtendem Silberabschluss durch den Märchenwald von Maloja schlendert.

 

WANDERER & SPRACHWANDERER

Ernst Ludwig Kirchner hält sich aufgrund seiner schlechten Gesundheit in Davos auf, wo das Bild „Der Wanderer“ (1922) entsteht. Zeitgleich schreibt er einer befreundeten Künstlerin: „Ich kämpfe um große ruhige Flächen und tiefe volle Farben. Ich will mehr geben als nur Seherlebnisse.“ (in: Kirchner: Briefe an Nele und Henry van de Velde, München 1961, S. 47.) Kirchner war kein großer Reisender, er spazierte eher gemächlich durch die Landschaft und zuweilen ins „urbane“ Davos, wo er das Café Schneider besuchte. So wie Kirchner in der Schweiz das Ländliche sucht, so zog es den Schriftsteller Paul Nizon aus dieser weltarmen Beengtheit fort – mit dem Ziel Großstadt. In seinem „Diskurs in der Enge“ (1970) schreibt er, dass echtes künstlerisches Talent in der Schweiz verdorren müsse, weil es auf diesem Holzboden nicht gedeihen könne, daher bleibe nur die Emigration. „Es ist so viel Einladung, Lockung, Verführung in diesen Pariser Strassen, so viel Anruf, das Parkett oder Parterre des Lebens“, schreibt Nizon in „Das Jahr der Liebe“ (1981). Er ist ein Stadtbesessener und Sprachwanderer, sieht sich und seinesgleichen als „Urbomane“.

 

GLEICHGEWICHT & UNGLEICHGEWICHT

Für Paul Klee muss der Künstler in einem Balanceakt die Einheit der Gegensätze anstreben. Ansonsten droht ihm der Absturz über den Abgründen des Kreativen. Klee war der Überzeugung, dass vieles, was wir als stabil, starr und bewegungslos wahrnehmen, in Wirklichkeit ein ausgewogener, aber gefährlicher Balanceakt ist. Er verglich seine Arbeit als Künstler mit dem Balancieren auf einem hohen Seil. Für Klee steht der Seiltänzer in einem Weltzwischenraum, er verbindet Aussenraum mit Innenwelt. Sollte sich die Gleichgewichtssuche als Illusion erweisen, dann braucht es produktive Ungleichgewichte, wie in einer Sketch-Sequenz der Komikergruppe Monty Python. Hier scheint ein betrunkener Storch durchs Bild zu staken im Gag „Ministry of Silly Walks“. Die Fortbewegung von John Cleese als Regierungsmitglied ist Slapstick-artig, äußerst virtuos und athletisch. Dahinter verbirgt sich eine subtile Kritik gegen steigende Staatsausgaben, wenn erläutert wird, dass das Ministerium für alberne Gänge nur £ 348.000.000 im Jahr bekomme.

 

„SALZMARSCH“ & „GORILLAMARSCH“

Die Guerrilla Girls machten mit ihren Flugblättern, Plakaten und Filmen die systematischen Diskriminierungen im Ausstellungs- und Kulturbetrieb öffentlich, die sie lange vor der „Me-too-Bewegung“ als Folgen des bestehenden patriarchal-hierarchischen Gesellschaftssystems entlarvten.

Das Verb „marschieren“ stammt aus dem Altfränkischen markôn (eine Fußspur hinterlassen) und hat seine Wurzel im Indogermanischen mark (Grenze). Das Marschieren kann mit der Übernahme politischer Macht konnotiert sein oder aber den Bezug zu einem Ort des Widerstands deutlich machen. Bei Mahatma Gandhi ist gewaltloser Widerstand nicht nur Widerstand gegen die Unterdrücker, sondern gegen Unterdrückung überhaupt. Das beweist sein im März 1930 gestarteter „Salzmarsch“. Ein starkes Zeichen gegen das Salzmonopol der britischen Kolonialherren und der Ausgangspunkt im Kampf um die Unabhängigkeit Indiens. Einen langen Marsch von der Strasse in die Institution Museum hat die 1985 in New York gegründete Gruppe Guerilla Girls hinter sich. Als das MoMA 1984 die angeblich wichtigsten zeitgenössischen Künstler vorstellt – von 165 Künstlern waren weniger als zehn Prozent weiblich –, ist das der Auslöser für einige Frauen unter Gorilla-Masken, Widerstand gegen dieses Ungleichgewicht zu leisten. Fast vierhundert Kilometer wanderte Gandhi von seinem Ashram bis zur Küste am Indischen Ozean. Diesem Marsch schlossen sich immer mehr Menschen an. Gandhi wurde wie in der Figur eines Wanderpredigers erlebt. Als er gut drei Wochen später das Meer erreichte, füllte er in einer symbolischen Geste am Strand seine Hand mit Salz.

 

FRISCHER GANG & DERBER GANG

Die Autorin schreibt zum Charakterbild von Versuchsperson 10: „Diese weibliche Versuchsperson (Vp.) ist ein Mensch voller Leistungsstreben. Die Vp. ist eine vitalkräftige, frische, antriebsbewegte, aktive Natur, bewegungsfreudig und voller Unternehmungsgeist. … Sie besitzt neben einer hohen Einfühlungsfähigkeit ein ausgeprägtes Schönheitsgefühl und Schönheitsbedürfnis und starke und vielseitige künstlerische Neigungen.“ Und zum Gang: „Ein sehr harmonischer, sportlich-frischer Gang voll gymnastisch schwingender Elastizität bei sehr aufrechter Gestrafftheit. Dieses harmonische Ineinandergehen von Straffheit und Elastizität gibt dem Gang durchweg seine einheitliche, stilvolle Note. … Keine Bewegung ist isoliert, sondern alle ,verschwingen‘ durch den ganzen Körper, bis sie in leise federndem Vibrieren verebben.“ Die Autorin schreibt zum Charakterbild von Versuchsperson 22: „Die männliche Versuchsperson ist ein Mensch von derber, urtümlicher Vitalkraft, schwerfällig, etwas grobschlächtig. Er ist weniger der geistigen Sphäre, sondern mehr dem gegenständlichen, praktischen Leben zugewandt.“ Und zum Gang: „Ein sehr langsamer Gang von ungeformter, entspannt-haltloser Schwere, derb, ungelenk, dumpf lastend. Der ganze Körper ist stark entspannt. Kopf und Schultern sind ein wenig vornübergesunken, so als drückte ihn eine Last im Nacken nieder.“

Gertraud Kietz (1910 – 2001) war eine deutsche Kindergärtnerin und promovierte Psychologin. Das Thema ihrer von jeglicher Nazi-Ideologie befreiter Dissertation lautete: „Der Ausdrucksgehalt des menschlichen Ganges“ und erschien 1948 gegen Ende der Epoche des Ausdrucksdenkens von den zwanziger bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Nach Erscheinen verlor die Ausdruckspsychologie an Bedeutung, weil durch den Behaviorismus nur noch „messende“ Verfahrensweisen für „exakt“ erklärt wurden. Kietz wollte die Intuition jedoch nicht vernachlässigen und sich dem Fluss der lebendigen und sinnträchtigen Ausdrucksbewegungen zu widmen. Gleich auf der ersten Buchseiten niedergeschrieben, verdanken wir ihr eine eindrucksvolle Liste an Gangbezeichnungen, bei denen nicht zwei von ihnen stellvertretend gebraucht werden können: stelzen, storchen, storksen, schreiten, schießen, stürzen, rasen, asten, hasten, stieben, schnipsen, schnippeln, hippeln, schieben, pflastern, walzen, schweben, gleiten, eiern, pilgern, steigen, stiefeln, socken, schlenkern, taumeln, humpeln, schleichen, sich schlängeln, sich schleppen, schlendern, bummeln, zotteln, wanken, schwanken, schwenken, schwänzeln, tänzeln, strolchen, schlurfen, schlürfen, hutschen, schußbeln, sappen, säppeln, stapfen, trampeln, troddeln, tapsen, tappen, tippeln.

Kietz fügte dem sodann Eigenschaftswörter an, die verschiedene Gangarten (ohne das Laufen) kennzeichnen: plump, schwer, schwerfällig, wuchtig, gewichtig, fest, energisch, bestimmt, sicher, korrekt, streng, stramm, forsch, drängend, impulsiv, frisch, stolz, würdevoll, hart, eckig, polternd, gereckt, gedrechselt, gewunden, verrenkt, verdreht, umständlich, schlaksig, fahrig, schlenkrig, lässig, schnoddrig, gespreizt, hölzern, steif, gehemmt, gemessen, behäbig, müde, schlaff, matt, zögernd, unsicher, schleppend, linkisch, unfrei, gebeugt, geduckt, geknickt, hilflos, haltlos, zwanglos, betulich, schaukelnd, wippend, fließend, zierlich, leicht, weich, schwingend, schwungvoll, beschwingt, beflügelt, geschmeidig, federnd, wiegend, anmutig.

 

NIE ANKOMMEN & ÜBERALL DURCHKOMMEN

Das Gehen ist bei Alberto Giacometti und Joseph Beuys die grundlegende Existenzform des Künstlers. Sowohl die Skulptur als auch die Fotografie erfassen beide einen Gehenden im Moment einer dynamischen Vorwärtsbewegung. Mit weitausgreifendem Schritt kommen die beiden Figuren auf die Betrachter zu. Das rechte Bein ist vorgestreckt. Giacomettis Schreitender ist gleichzeitig in sich gekehrt, während er vorwärtsstrebt, um vielleicht nie und nirgendwo anzukommen. Joseph Beuys erscheint in seiner typischen „Arbeitskleidung“ mit Anglerweste über weißem Hemd und wadenhohen Stiefeln. Bekleidung und Habitus signalisieren, was Beuys sowohl in Worten und Taten als auch in Persona zu verkörpern versprach: „La rivoluzione siamo Noi“. Giacometti und Beuys erinnern an den eigensinnigen Geher und Wahrheitssucher Jean-Jacques Rousseau. „Ich brauche keine gebahnten Wege. Ich komme überall durch, wo ein Mensch gehen kann. Da ich nur von mir selbst abhänge, genieße ich alle Freiheit, die ein Mensch haben kann.“ (in: „Emil oder Über die Erziehung“, 1762).

 

WEISSER AUFTRITT & NACKTER AUFTRITT

Provokation war bei den Wiener Aktionisten eingeplant. Der Künstler Günter Brus beschliesst am Tag vor einer Ausstellungseröffnung mit Aktion und Diskussion, zum Kompromisscharakter eines solchen Unternehmens sich gegenläufig dazu zu verhalten. Es treibt ihn, wie er sich Jahre später daran erinnert, „von den Rattenkellern auf die Straße. An der Ecke Bräuner straße / Stallburggasse geschah es: Ein Polizist führte mich zum Gaudium der Passanten in eine naheliegende Wachstube. Man nahm meine Personalien auf und ließ ein Taxi vorfahren.“ Ebenfalls als Provokation und aus aus Protest gegen die normierte Rolle der Frau in der sozialistischen Gesellschaft tritt die Künstlerin Ewa Partum ihrer Ausstellung „Selbstidentifikation“ (1980) in der Mala Galeria in Warschau nackt auf. Sie erklärt, zukünftig so lange mit ihrem nackten Körper zu intervenieren, bis Frauen eine eigene Kunst hervorgebracht hätten. Nicht alle Fotos ihres collageartigen nackten Auftritts in öffentlichen Orten wurden seinerzeit ausgestellt, da die Zensur sie verbot.

 

OP-ART-CATWALK & GUMMI-CATWALK

Der aus Modewelt bekannte Catwalk (Laufsteg) meinte ursprünglich einen erhöhten, schmalen Gang. Beim Modefotografen F. C. Gundlach sehen wir Karin Mossberg in der Serie „Models mit Badekappe vor den Pyramiden“ – Op-art-Bademode in der Wüste statt am Strand fotografiert. Mossbergs Körper ist in leichter Rücklage, damit die Beine leichter fortschreitend sein können. Die Zehen sind nach vorne gerichtet, sie setzt einen Fuß vor den anderen, als würde sie auf einem Seil balancieren. Die mentale Haltung wirkt zugleich selbstbewusst und kokett. Vor einem Zürcher Amtsgebäude ist mit simplen Gummibändern ein prekärer Catwalk markiert. Dieter Meier nennt seine Aktion passend „Gang-Bestätigung“. Der heutige Sänger des Pop-Duos „Yello“ war in früheren Jahren auch bildender Künstler. 1969 zählt er eine Woche lang vor dem Zürcher Kunsthaus einen Berg kleiner Metallstücke akribisch in Beutelchen ab. 1970 folgt in Zürich das öffentliche Angebot, sich das Schreiten über eine gepflasterte Strecke formal mit einer „Gang-Bestätigung“ bescheinigen zu lassen.

 

KARTE & MAPPING

Für Hamish Fulton wendet das Laufen als vollwertiges künstlerisches Medium seit 1971 auf der ganzen Welt an. Fulton „Walks“ folgen einem ökologischen Interesse, denn er nimmt auf seinem Weg keine Veränderungen in der Landschaft vor, wie in der Land Art. Sein einziger Eingriff besteht im Wandern, im Fotografieren und Kartieren. Wie Gedichte oder Kunstwerke vermittelt seine Karte einen imaginären Zugang zur Welt, ohne deren Präsenz vorzutäuschen. Das Mapping von Thomas Hirschhorn ruft Nietzsches Leitspruch in Erinnerung, der ja lautete, dass die großen Gedanken erst beim Gehen entstehen. Ganz besonders einprägsam: „So wenig wie möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung, – in dem nicht auch Muskeln ein Fest feiern. Alle Vorurtheile kommen aus den Eingeweiden. – Das Sitzfleisch … ist die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist.“ Die Maps von Fulton und Hirschhorn haben das Potenzial, beim Publikum innere Landkarten in Bewegung zu versetzen.

 

DÜNNES EIS & BRECHENDES EIS

Wer sich auf dünnes Eis wagt, begibt sich in eine unsichere Situation. Yoko Ono kann ab den 1960er-Jahren bis heute eine umfassende Musikproduktion aufweisen. Von frühen Aufführungen neuer experimenteller Musik über gemeinsame Sessions mit John Lennon oder Veröffentlichungen der Yoko Ono / Plastic Ono Band bis hin zu der Disco-New-Wave Hit-Single „Walking on Thin Ice“ (1981), die mit dem Satz beginnt: „Walking on thin ice / I’m paying the price / For throwing the dice / in the air“. Im Video-Clip wird Ono im Kontrast zu den verspielten Liebesszenen im Bett mit John Lennon sodann auf einem Gehsteig von Papparazzi bedrängt. Ebenfalls in den 1980er-Jahren läuft der Künstler Roman Signer in seiner Performance „Einbruch im Eis“ (1985) auf die gefrorene Eisfläche eines Weihers, der sich in einem Naherholungsgebiet der Stadt St. Gallen befindet. Er läuft immer weiter hinaus – bis er schließlich einbricht. Signer ist fast ertrunken und konnte sich nur mit grosser Mühe ans Ufer retten. Wer sich auf dünnes Eis begibt, sollte die Gefahren nicht unterschätzen.

 

DER RECHTE WEG & DER EINZIGE WEG

Im Kurzfilm-Klassiker „Der rechte Weg“ (1983) vom Schweizer Künstlerduo Fischli / Weiss hinterfragen Ratte und Bär etwa die Zugehörigkeit zum Vaterland oder die Wahl des Lebensraums. Das Gehen entspricht hier einer philosophischen Aktivität. Die beiden Gefährten finden sich schließlich in bedrohlichen Gegenden wieder (Erdpyramiden von Euseigne, Matterhorn, Alteschgletscher usw.). Das Werk zeigt mit Ironie, dass es Risikobereitschaft braucht, einen eigenen Lebensweg zu finden – trotz oder gerade wegen der vielen Irrwege, die es davor zu meistern gilt. Beim Künstler Guido van der Werve schreitet der Künstler als winzige Gestalt ein paar Meter vor einem riesigen Eisbrecher einher, so als ob sie den Weg weisen müsste. Der Gang über das finnländische Packeis erfolgt mit beängstigend großer Risikobereitschaft, fünfzehn Meter vor einem 3.500 Tonnen schweren Eisbrecher. Das berstende Eis und der Wind sind deutlich zu vernehmen. Dem Künstler bleibt nichts anderes übrig als unerschütterlich weiterzugehen, das ist seine einzige Chance. Einen Weg zurück gibt es nicht.

 

TREPPENABGANG & BILDWANDLUNG

Louise Lawler gilt als eine der Pionierin der Appropriation Art und Institutionskritik. Ihre „Nude“-Fotografie zeigt Gerhard Richters Werk „Ema (Akt auf einer Treppe)“ (1966) während des Abbaus der Richter-Retrospektive aus dem Jahr 2002 im MoMA. Die Künstlerin wird zur referenzbildenden Kuratorin, denn Richters Bild bezieht sich auf das epochale Gemälde „Nu descandant l’escalier“ (1912) von Marcel Duchamp, das den Kanon der Bilder des Gehens mitbestimmt hat. Thomas Struth pflegt einen objektiven Stil in der Kontinuität zur Neuen Sachlichkeit. In der Aufnahme „Art Institute of Chicago 2“ (1990) schiebt aus leicht erhöhter frontaler Perspektive eine Frau einen Kinderwagen vor dem Gemälde „Straße in Paris an einem regnerischen Tag“ (1877) des Impressionisten Gustave Caillebotte. Die Damenbekleidung harmoniert mit der Farbpalette des Gemäldes. Der Marmorboden der Galerie scheint sich in eine Fortsetzung des nassen Kopfsteinpflasters zu verwandeln. Ein selbstständiges Bild entsteht.

 

HOLZBEIN & GROSSER ZEH

In den Werken von Louise Bourgeois bleibt das Personal bis ins hohe Schaffensalter dasselbe: es ist die eigene Familie, so auch ihre Schwester Henriette mit Holzbein. Ihre Stoffpuppe mit Holzbein zeigt einen weiblichen Körper in seiner ganzen Verletztheit, aber auch in seiner latenten Wirkmächtigkeit. Die Künstlerin hat ihre Haltung einmal wie folgt formuliert: „Mein frühes Werk ist die Angst zu fallen. Später wurde daraus die Kunst zu fallen. Wie man fällt, ohne sich zu verletzen. Noch später – die Kunst auszuharren.“ Die mehrdeutige Skulptur „Gérard“ (2016) von Valentin Carron ist ein Abguss seiner Füsse, der sich wiederum auf René Magrittes „Modèle rouge“ (1935) bezieht. Die durchlöcherten Socken legen den großen Zehen frei. Ein widersinniger Akt in Anbetracht der Prothese. Die sichtbare große Zehe erinnert daran, dass das Gelenk, welches den großen Zeh mit dem Mittelfuß verbindet, essentiell ist für die Abrollbewegung beim Gehen, weshalb eine schmerzhafte Erkrankung an dieser Stelle häufig als enorm einschränkend und unangenehm empfunden wird.

 

GLETSCHER-SPAZIERGANG & GLETSCHER-UNTERGANG

Der Klimawandel findet statt. Als Zeichen eines stillen Protests haben hunderte von Menschen im Sommer 2007 auf dem Aletschgletscher in der Schweiz für den Klimaschutz die Hüllen fallen lassen. Die freiwilligen Aktmodelle posierten für den US-Fotokünstler Spencer Tunick, der gemeinsam mit der Umweltschutzorganisation Greenpeace auf das Problem der Klimaerwärmung aufmerksam machen wollte. Bei seinen Fotografien, sagt der Künstler, „soll sich der Betrachter in seiner Existenz als Individuum berührt fühlen“. Es waren englische Bildungsbürger und neureiche Unternehmer, die im 19. Jahrhundert die Alpen viele Schweizer Berggipfel als erste eroberten. Der amüsante Anblick einer Dreiergruppe bei einem Spaziergang auf dem Findelgletschers vermittelt Abenteuerlust. Frust stellt sich ein, wenn wir heute an den erschütternden Rückgang des Findelgletschers im Bereich der Gletscherzunge denken. Die Alpen verlieren ihr Gesicht.

HAVANNA & HOCHGEBIRGE

Während Francis Alÿs im Stadtspaziergang metallische Gegenstände an seinen Schuhen sammelt, sind Antony Gormleys Eisenfigur statisch in die Landschaft platziert. Gehen ist für Alÿs eine Form von Widerstand, eine unmittelbare Methode, um Geschichten zu entwickeln. In seiner Videoarbeit „ Zapatos Magneticos“ (1994) suggeriert der ambulierende Gang des Künstlers durch die Gassen von Havanna einen „gewinnbringenden“ Moment – dank magnetischer Schuhe, an die sich kleine metallische Gegenstände anheften (Nägel, Münzen, Abfälle). Im Gegensatz zur Leichtfüssigkeit von Alÿs findet Gormley zu einem massiven Zustand, dies mit hundert lebensgroßen Abgüssen eines menschlichen Körpers im alpinen Hochgebirge Vorarlbergs. Die wahlverwandte künstlerische Haltung von Gormley und Alÿs entspricht einem Sehnen, das die Pforten der Wahrnehmung erweitern will – hier mit geerdetem Ernst, dort mit ambulantem Humor.

 

FLOATING PIERS & FLUSSSTEINE

Beim Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude ermöglichen kilometerlange schwimmende Stege („Floating Piers“) den Gang übers Wasser auf dem italienischen Lago d’Iseo. Zur künstlerischen Bedeutung sagt der Kurator Germano Celant: „Das ist ein großes Landschaftsbild. Christo beschäftigt sich aber nicht mehr mit dem Abbild von Landschaft, wie es etwa die Impressionisten getan haben, sondern greift in Landschaft ein. Das ist ein historischer Sprung. Christo macht eine Arbeit, in der man Natur nicht nur sehen, sondern auch erleben kann. Man spürt die Bewegung des Wassers unter den Füßen.“

An anderer Stelle ist es Richard Long, der mit Steinen aus dem Wasser und Flussverlauf des Rheins einen neun Meter langen Weg ausgelegt hat, der durch seine Materialität die flüchtige Gehkunst des Künstlers auf den Fußboden des Museums zurückholt. Vom sterilen Kunstraum aus können die Betrachter in Verbindung treten zu dem vom Künstler sinnlich erlebten Lebensraum im Rheintal. Long wie Christo und Jean-Claude erfüllen die Sehnsucht nach unverfälschter Natur als Antidot zum urbanen Leben.

 

FORTSCHRITT ALS RÜCKSCHRITT & RÜCKSCHRITT ALS FORTSCHRITT

Jules Spinatsch beobachtet als Fotograf die entfesselte Event-Kultur im Alpenraum mit Ambivalenz und Distanz. Eine Aufnahme zeigt etwa Fuß-, Ski- und Pistenraupenspuren im Davoser Schnee und weist auf das jährliche Weltwirtschaftsforum WEF hin. Wenn am WEF mächtige Globalisierungsjünger ihre (Fuß-)Spuren hinterlassen, dann vermittelt der Blick aufs nächtliche Gelände die Illusion von Reinheit, wie bei einer Mondlandschaft. Die beiden Künstlerinnen Pauline Boudry und Renate Lorenz ließen sich von den kurdischen Frauen in der Guerilla inspirieren: „Sie haben, um von einem Ort zum anderen zu gehen, Schuhe rückwärts getragen. Das heißt, die Spuren, die sie im Schnee hinterlassen, weisen in die genaue gegenteilige Richtung“, sagt Boudry („Deutschlandfunk Kultur“, 11.06.2019). Das Video stellt auch die Lobpreisungen des Fortschritts in Frage: „Der Zustand der Erde ist sicherlich ein Produkt des ‚Fortschritts‘ – alles was unter den Übeln des Kapitalismus zusammengefasst wird …Wir zweifeln am Fortschritt.“

 

OUTSIDE & INSIDE

Die Ausweitung der Wanderzone treibt vermehrt auch junge Natur liebende auf der Suche nach schönen Erlebnissen nach Draußen. Für solche Draußen-Erlebnisse braucht es nicht zwangsläufig eine Expedition in ferne Länder, wie das „Outside Project“ (2019) mit Aufnahmen aus Deutschland zeigt – mit Abenteuern vor der Haustür. Junge Fotografen teilen ihre Naturporträts auf Instagram, Flickr, Facebook und in Buchform. Der „Sonnenaufgang am Eibsee“ von Marcel Siebert ist aus einem Zelt heraus aufgenommen. Dieses bietet Schutz und imaginiert einen Höhlenraum. Die Anmutung erinnert an das romantische Gemälde „Felsentor“ (1818) von Karl Friedrich Schinkel: Durch das Fenster eines dunklen Felsenraums geht der Blick in die Ferne. Die Wahrnehmung der Bodenlosigkeit hat eine un mittelbare Wirkung auf die Innenwelt: „Und wenn du lange in einen Abgrund blickst“, schreibt Nietzsche, „blickt der Abgrund auch in dich hinein“. Wenn neue Naturfotografie auf „erhabene“ Landschafts malere trifft, dann entstehen bei allen Differenzen zwischen heute und damals Gegenorte und Illusionsräume – draußen wie drinnen.

ANMERKUNGEN

1 Aurel Schmidt: Gehen. Der glücklichste Mensch auf Erden, Verlag Huber, Frauenfeld / Stuttgart / Wien 2007, S. 37.
2 Ebd., S. 15.
3 Karl Ove Knausgård: Kämpfen, Luchterhand Literatur verlag, München 2017. Die norwegische Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel Min Kamp 6 im Verlag Oktober, Oslo.
4 Schmidt, a. a. O., S. 22.
5 Kurt Wölfel: Spaziergänge, Vontobel-Schriftenreihe, Zürich 2009, S. 12.
6 Franz Hessel: Spazieren in Berlin, 1929.
7 Schmidt, a. a. O, S. 9.
8 Ebd., S. 33.
9 Ebd., S. 36.
10 Ebd., S. 40.
11 Ebd., S. 9.
12 Ebd., S. 21.
13 Vgl. Wölfel, a. a. O, S. 5.
14 Ebenda, S. 5 f.
15 Walter Benjamin: Ursprung des deutschen Trauerspiels, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a / M. 1963 (Originalausgabe 1925), S. 31.

Jahrgang 1960, Kurator, Kulturpublizist und Kreativitätsforscher, Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK, lehrt, forscht und publiziert zur Geschichte und Kritik des Kreativitätsbegriffs, zu existenziellen Fragen im Kontext der Künste und der Lebenskunst, zur Ästhetik des Kuratierens sowie zur Ästhetischen Forschung. – Letzte Veröffentlichung als Gastherausgeber für das KUNSTFORUM International in Köln: Ressource Kreativität 2017; Vom Sinn der Kunst 2018; Staunen. Plädoyer für eine existenzielle Erlebensform 2019.