Titel: Die Kunst des Gehens · von Paolo Bianchi · S. 44
Titel: Die Kunst des Gehens ,

Die Kunst des Gehens

sinnlich – anarchisch – eigensinnig

herausgegeben von Paolo Bianchi

Wir tun es beiläufig, nahezu mechanisch und automatisch: wir gehen zur Arbeit oder zum Einkaufen, mit dem Hund um den Häuserblock oder einfach nach draußen an die frische Luft. Demgegenüber erleben wir ein authentisches Gehen als existenziellen Akt, sich selbst genügend und imstande, sich in eine „Kunst des Gehens“ zu verwandeln: dann gehen wir sinnlichen Schrittes mit schwebender Aufmerksamkeit, in bewusster Ziellosigkeit und mit zwanglos umherschweifendem Blick; wir erfahren die Straßen, Bäume, Hügel wie Buchstaben in einem Buch, unser Hören transformiert Autos, Vögel, Stimmen in pulsierende Klangatmosphären, wir erspüren die Jahreszeiten und wie die Natur uns wahrnimmt. Der Schweizer Schriftsteller Robert Walser schreibt, „spazieren muss ich unbedingt, um mich zu beleben“. „Jeder Ausflug war ein Kunstwerk“, heißt es bei der leidenschaftlichen Wanderin Simone de Beauvoir.

Der Gang zu Fuß als ästhetisches Projekt und poetisches Konzept widersetzt sich der Beschleunigung des Lebenstempos. Wer innerhalb einer Kunstpraxis und Lebenskunst auf einem AlleinGang, StadtGang, BergGang ins Gehen kommt, erzeugt im Untergrund mit seinen Schritten, so Walter Benjamin, eine „erstaunliche Resonanz“. Dieser Themenband folgt diesen Resonanzen und blickt multiperspektivisch auf den ästhetischen Ausdrucksgehalt und eigensinnigen Existenzakt des Gehens in Kunst, Tanz, Land Art, Performance-Kunst, Film, Fotografie, Literatur und Philosophie. Burghart Schmidt folgt als Philosoph der Aussage „Denken heißt Überschreiten“ auf dem Grabstein des utopischen Denkers Ernst Bloch. Ralph Fischer schreibt über das Gehen als künstlerische Praxis: er führt uns von der Tanzbühne weit hinaus in die Naturlandschaft und von dort in den Stadtraum zurück. Wir erfahren, dass Ánthrōpos, das altgriechische Wort für Mensch, wörtlich Zweibeiner bedeutet.

Christian Kaiser übersetzt den alten Gedanken der Peripatetik in die Jetztzeit mit der gelungenen Wortkombination SchreibenGehen – und das auch im Sinne einer Kreativitätstechnik und Achtsamkeitshaltung gegenüber dem Leben an sich. Solche GehDenker stehen in einer langen literarischen, philosophischen und spirituellen Tradition. Der Beitrag von Harald Kimpel zeigt, dass lange bevor es in der ästhetischen Debatte der 1960er Jahre um die Identität von „Kunst und Leben“ geht, der anarchische Wanderer Hans Jürgen von der Wense seine spezifische Lebensform als Kunstwerk begreift: „Alles gelang mir“, resümiert Wense, „und mein Wandern und Leben, es war ein Kunstwerk, ich schuf es und wusste nicht wie.“

In der Doppelhommage von Paolo Bianchi über Thomas Hirschhorn und Robert Walser treffen zwei Außenseiter aufeinander, die unorthodoxe Wege gehen, manchen Ort erreichen, aber nie wirklich ankommen. Der Essay von Suzanne Pellaux über das Filmschaffen von Agnès Varda, Grande Dame der Nouvelle Vague, legt seinen diskursiven Fokus auf den emanzipativen AlleinGang dreier Frauen: auf die Filmfigur einer flanierenden Sängerin und einer vagabundierenden Jugendlichen, sowie auf die Künstlerin selbst als GrenzGängerin. Alle drei erleben im Gehen Momente innerer Wandlung.

„Armdicke Nattern huschen durchs Gras. Die Luft flimmert in der Hitze und riecht nach wilder Möhre“, notiert Jan Hostettler ins Tagebuch seiner Fußwanderung von Basel nach Istanbul. Sich gehend in Bewegung zu versetzen, führt bei diesem Künstler zu einer ereignisdichten Wahrnehmung, bemerkt Ines Goldbach.

30 Bildpaare und GedankenGänge eröffnen einen vielfältigen Panoramablick auf eine „Ästhetik des Gehens“: dort erfahren wir etwa, wie mit der Paradiesvertreibung von Eva und Adam der Mensch als SpazierGänger in die Weltgeschichte eintritt. Schritt für Schritt erkunden wir seither die Welt, uns selbst und alles was dazwischen liegt. Die Zeit ist reif für lustwandeln, promenieren, flanieren, streunen, vagieren, herumstreifen, wandern, wallen, pilgern, spazierengehen.