Titel · von Ralph Fischer · S. 108 - 119
Titel ,

Tänzer, Künstler und Schafe

Über das Gehen als künstlerische Praxis

von Ralph Fischer

Die kreisförmigen oder linearen Abdrücke, die Richard Longs Schritte im Untergrund zurück lassen, stehen für eine komplexe Auseinander setzung mit der raumzeitlichen Verortung des menschlichen Subjekts.

So kann ich davon träumen, wie ich einmal das Gehen lernte. Doch das hilft mir nichts. Nun kann ich gehen; gehen lernen nicht mehr. — Walter Benjamin1

Walter Benjamin berichtet auf diese Art in seinem autobiographischen Werk Berliner Kindheit um neunzehnhundert von seinem Traum, das Gehen neu zu erlernen. Gehen, eine Bewegungstechnik, die in der Kindheit einst mühevoll erlernt wurde, erscheint später so einfach: Die Fußsohle löst sich vom Boden und das Bein schwingt nach vorne. Das andere Bein stabilisiert währenddessen die Bewegung und sichert den Kontakt zum Untergrund. Anschließend wird der Fuß mit der Ferse aufgesetzt und über den Fußballen abgerollt. Muskelspannung, Verlagerung von Körpergewicht und eine kontrollierte Kippbewegung bewirken den Ortswechsel des Körpers. Ein einfacher Schritt, nichts Besonderes. Das Gehen rückt zumeist erst im Falle einer funktionalen Beeinträchtigung wieder ins Bewusstsein, nämlich dann, wenn das Gleichmaß der Schritte ins Stocken gerät, der Gehende in ein Stolpern verfällt oder zu hinken beginnt.

Wieso sollte jemand den Wunsch haben, das Gehen, wie in Benjamins Traum, neu zu erlernen? Vielleicht impliziert Benjamins Traum den Wunsch, die Wirklichkeit – Schritt für Schritt – neu zu entdecken und zu gestalten. Denn gehend verschafft sich das Subjekt einen Zu-Gang zur Welt. Gehend werden Distanzen überbrückt, Beziehungen hergestellt und Wege geschaffen. Auch Veränderungen beginnen zumeist mit einem beherzten Schritt, der einen neuen…

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