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Titel: Die Kunst des Gehens - Hommagen an große AlleinGänger · von Harald Kimpel · S. 156 - 165
Titel: Die Kunst des Gehens - Hommagen an große AlleinGänger ,

Nur Narr! Nur Dichter! Nur Wanderer!

Die Neuentdeckung des anarchischen Wanderers Hans Jürgen von der Wense
von Harald Kimpel

Für „Die Zeit“ ist er ein „Universal-Künstler“, für die „F.A.Z.“ ein „Jahrhundertautor“ und für Botho Strauß ein Höhepunkt in der „überfälligen Geschichte der geheimen deutschen Literatur“. Geheim? In der Tat. Denn Hans Jürgen von der Wense (1894 – 1966), Komponist, Schriftsteller, Übersetzer, Collagist und Fotograf, hat zu Lebzeiten nur knapp 50 Seiten publiziert. Zeit seines Lebens blieb er ein Sammler, Denker, Briefschreiber – und wurde in all dem einer der erstaunlichsten Literaten des 20. Jahrhunderts. Ein Getriebener, der im Suchen seinen Sinn sah, nicht im Vollenden. „Immer aufbrechen und nie ankommen“, lautete sein Credo. Wense war ein ungebundener, exzentrischer Geist und Natur-Philosoph. Während des 2. Weltkriegs ließ er sich in Göttingen nieder. Von dort aus erwanderte und erforschte er systematisch Deutschlands Mitte. Auf seinen Streifzügen durch die ersten drei documenta-Ausstellungen in seiner ehemaligen Wahlheimatstadt Kassel kennt er vor allem: Enthusiasmus, Enttäuschung, Ekstase.

Wandern boomt als durchkommerzialisiertes Zeittotschlagverfahren, gelegentlich schwach getarnt durch den Euphemismus der „Erholung“ – ein Boom, der dort, wo er unter ökologischem Aspekt wohlwollender betrachtet wird, auch als „Einspruch gegen das Diktat der Beschleunigung“1 der modernen Existenz interpretiert wird. Allerdings bringen Verächter dieser Lebensweise gleichfalls gute Gründe vor: „Das ganze Unglück der Menschen rührt aus einem einzigen Umstande her, nämlich dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können“2, kritisierte bekanntlich schon im 17. Jahrhundert Blaise Pascal den Drang seiner Zeitgenossen nach draußen: Ruhe also als die erste Philosophenpflicht. Andere sehen das…

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