Nachrichtenforum: Aktionen, Pläne & Projekte · von Jürgen Raap · S. 400
Nachrichtenforum: Aktionen, Pläne & Projekte , 2005

GEDENKGRAFFITI

Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht,, Mitbegründer der KPD und des Spartakusbundes, wurden im Januar 1919 bei Unruhen in Berlin ermordet. Nach der Wende 1989/90 verschwanden die Denkmäler für die Ikonen des Kommunismus aus dem Straßenbild des Ostens; nur ein Häuflein SED-Veteranen findet sich noch alljährlich am Todestag auf dem Berliner Friedhof ein. Künstlerisch erleben Luxemburg und Liebknecht derzeit allerdings eine Renaissance. Unlängst ließ der Berliner Kultursenator Thomas Flierl (PDS) einen alten Karl Liebknecht-Sockel aus dem Depot holen und wieder an seinem angestammten Platz aufstellen. Der Künstler Stefan Micheel kümmerte sich derweil um ein privates Rosa-Luxemburg-Denkmal ganz in der Nähe dieses Liebknecht-Sockels, und zwar an einem Rest der Berliner Mauer am Potsdamer Platz. Micheel besprühte das Mauerstück mit einem Rosa Luxemburg-Porträt und der „paradoxen Selbstbezichtigung“ (Micheel): „Ich bin eine Terroristin.“ Als touristisches Fotoobjekt rücke die ermordete Politikerin nun wieder „ins zentrale Blickfeld der Auseinandersetzung zwischen Kommunistin, Antimilitaristin, Pazifistin und Staatsfeindin Nummer 1“, glaubt der Künstler. Doch damit hat er sich intellektuell ein wenig vergaloppiert. Micheels Mahnung, man solle „die Verzerrung der geschichtlichen Terminologie und der Ideologen im Auge behalten“, wird von ihm selbst nicht konsequent beherzigt. Der Künstler und ein Mitakteur traten nämlich vor diesem Graffiti-Denkmal mit Masken von Rosa Luxemburg und Ulrike Meinhof auf. Mit dieser aktionistischen Gleichsetzung der beiden historischen Frauenfiguren tappten sie freilich in eine selbstgestellte Falle der geschichtlich-ideologischen Klitterung. Was um Himmels willen hat denn nun Rosa Luxemburg in einem konkreten politischen Zusammenhang mit Ulrike Meinhof zu tun?

Über seine disziplinierten deutschen KPD-Genossen hatte Lenin immerhin gelästert, sie…

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