Monografie · von Annelie Pohlen · S. 256
Monografie , 2009

Annelie Pohlen

Anny und Sibel Öztürk

Poetische Modelle für Identitäten in Bewegung

Wir sitzen im Hafencafe von Offenbach. Ein seltsamer Ort, den wahrscheinlich nur Eingeweihte der Kulturszene aus gegebenem Anlass aufsuchen. Nebenan, in einer weitläufigen Halle zwischen Veranstaltungshinterlassenschaft und Wartezustand haben Anny und Sibel Öztürk 2005 ihr Hafenküchenprojekt veranstaltet. Zunächst laden sie selbst Künstler ein. Sie weisen mit einigem Stolz auf den Nachlass eines von ihnen geschätzten Künstlerfreundes aus dem Lager des ironisch gebrochenen Postminimalismus, die Wandgestaltung von Martin Pfeifle. Später bewerben sich Künstler. Sie selbst konzentrieren sich auf das Kochen, die – selbstverständlich – ‚formvollendete’ Bewirtung der Gäste an einem Ort, dessen spröde Balance zwischen bröselnder Vertrautheit und unbestimmter Zukunft ihrer kreativen Vision eine eigensinnige Dynamik verleiht.

Das Hafencafé ist mehr als ein temporärer Ort. Als Bild von einem Ankerplatz zwischen Vergangenheit und Zukunft ist es eine Etappe in der Konstruktion von Orten der Koproduktion und Kommunikation über soziale und künstlerische Prozesse, des interdisziplinären und transmedialen Austauschs mit Künstlern, Musikern, Wissenschaftlern, Autoren über Erinnerungen und Visionen in einer vergangene wie aktuelle Impulse von Kultur und Wissenschaften mobilisierenden kreativen Forschung.

Auf diesem Feld, das weit über den immer wieder instrumentalisierten Kontext von Migration, Fremdheit, Heimatlosigkeit oder gar Ausgrenzung in der globalisierten Welt hinausreicht, sind Anny, die in der Türkei geborene ältere, und Sibel, die in Deutschland geborene jüngere Schwester, zuallererst Künstlerinnen. „And to be with art is all we ask!“, lautet ihr Statement im Interview mit Lothar Frankenberg für www.kunstaspekte.de 2005. Kultur hat zu allen Zeiten die je aktuelle Wirklichkeit reflektiert und konstruiert – nicht…

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